ANHANG
Erklärung des Generalkapitels von 1969
über das Zisterzienserleben
Wir
Zisterziensermönche wünschen aufrichtig, die
Überlieferungen, die unsere Väter uns hinterlassen haben, für unsere
Zeit neu zu interpretieren. In Wirklichkeit stehen wir aber oft einer Vielfalt
von Tendenzen gegenüber. Sie kennzeichnet die gegenwärtige Lage unseres
Ordens. Manchmal möchte man sogar Angst bekommen, einige dieser
Tendenzen könnten der Erneuerung und einer gesunden Entwicklung des
Ordens im Wege stehen.
Andererseits erlebten wir, als zu Beginn
dieses Aggiornamento-Kapitels diese Schwierigkeiten deutlich wurden,
eine tiefe Verbundenheit in der erlebten Erfahrung der geistlichen Werte, die
wir gemeinsam besitzen. Wir sind überzeugt, daß die Arbeiten dieses
Kapitels umso schöpferischer sein werden, je mehr wir darauf achten,
die Verbundenheit untereinander und das gegenseitige
Vertrauen, das diese uns einflößt, zu fördern.
Wir wollen das tun, indem wir viel mehr das
anerkennen, was uns im Geiste eint, als daß wir die Einheit erzwingen durch eine
Gesetzgebung, die alles bis in die geringsten Einzelheiten genau festlegt.
Diese Bräuche können nämlich von jeder
Gemeinde selbst bestimmt werden, je nach den örtlichen Notwendigkeiten und in
Übereinstimmung mit den Richtlinien des
Generalkapitels; dabei wollen wir jedoch immer an der rein kontemplativen
Ausrichtung unseres Lebens festhalten.
Wir sind überzeugt, daß jene Gesetze die
besten sind, die unser tatsächliches Leben im Auge behalten und es deuten. Dieses
Leben wollen wir zuerst erkennen in
der konkreten Erfahrung unserer
zisterziensischen Berufung.
Wir möchten den Inhalt dieser
Erfahrung, die wir alle gemeinsam haben, näher darlegen. Wir meinen,
daß wir so die Werte, die diese Erfahrung vermitteln, am besten fördern. Aus
diesem Grunde ist es uns wichtig, folgende Erklärung über die Art unseres
Lebens abzugeben:
Als
Nachfolger der ersten Väter des
Ordens sehen wir in der Regel
des heiligen Benedikt die konkrete Auslegung des Evangeliums für uns. Durchdrungen vom
Bewußtsein der göttlichen Transzendenz und der Herrschaft Christi, das
die gesamte te Regel beseelt, ist unser Leben
ganz und gar auf die Erfah-
rung des
lebendigen Gottes ausgerichtet.
Gott hat uns gerufen, und wir antworten
ihm, indem wir in der Nachfolge Christi ihn wahrhaft suchen, in Demut und Gehorsam.
Geläutert durch sein Wort, durch Wachen, Fasten und unermüdliche Umkehr des
Lebens, macht unser Herz sich bereit, vom Geist die Gabe des reinen, immerwährenden
Gebets zu erhalten.
Dieses Suchen nach Gott beseelt
unseren ganzen Tageslauf. Er gliedert sich in Opus Dei, Lectio divina und Handarbeit. Der allgemeine Stil
unseres Zisterzienserlebens ist
einfach und herb, wahrhaft von Armut und Buße geprägt, "in der
Freude des Heiligen Geistes" (RB Prol 49).
Durch
gastfreundliche Aufnahme von Besuchern kann die Klostergemeinde die
Früchte ihrer Kontemplation und ihrer Arbeit mit anderen teilen.
Wir suchen Gott durch ein Leben unter einer
Regel und einem Abt, in einer von der Liebe getragenen Gemeinde, die für alles
sorgt, und an die wir uns binden durch das Gelübde der Stabilität. Die Gemeinde lebt in einer
Atmosphäre der Stille und der Trennung von der Welt, die ihr Offensein für Gott
in der Kontemplation begünstigt und
sie zugleich ausdrückt. Unser Vorbild ist Maria, "die alle Geschehnisse
bewahrte und in ihrem Herzen erwog".
Durch unser ganzes Leben wollen wir uns dem
Auftrag weihen, den uns die Kirche anvertraut hat, nämlich "klar und
deutlich Zeugnis zu geben von der Wohnung im Himmel, die für jeden Menschen
bereitet ist, und in der Menschenfamilie das Heimweh nach dieser Wohnung
lebendig zu erhalten, indem wir dem Zeugnis von der Herrlichkeit und Liebe
Gottes und der Brüderlichkeit aller Menschen in Christus Leuchtkraft
verleihen" (vgl. Gaudium et Spes 40; Ad Gentes 38; Brief Papst Pauls VI. an den Orden
vom 8.12.1968).