Gottfried Benn, "Der Arzt II"


Wie sieht Ihrer Meinung nach ein Arzt den Menschen? Als ein Wesen, ...

Der Arzt II ist ein sogenanntes ‘Rollengedicht’: der Dichter schlüpft in die Haut einer Figur, die er im Gedicht sprechen lässt.

           



Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch -:
geht doch mit anderen Tieren um!
Mit siebzehn Jahren Filzläuse,
zwischen üblen Schnauzen hin und her*,

Darmkrankheiten und Alimente,
Weiber und Infusorien,
mit vierzig fängt die Blase an zu laufen-:
meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde
von Sonne bis zum Mond -? Was kläfft ihr denn?
Ihr sprecht von Seele - Was ist eure Seele?
Verkackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett -
schmiert sich der Greis die mürben Schenkel zu,
und ihr reicht Fraß, es in den Darm zu lümmeln,
meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück...?
Äh! - Aus erkaltendem Gedärm
spie Erde wie aus anderen Löchern Feuer,
eine Schnauze Blut empor -:
das torkelt
den Abwärtsbogen
selbstgefällig in den Schatten.

Fragen zum Gedicht

1. Welche Stelle kann man als eine Anspielung auf Goethes Menschenbild (vgl. Das Göttliche) auffassen?

2. Woran merkt man, dass hier ein Arzt spricht?

3. Inwiefern bildet dieses Gedicht eine Gegenstimme zu Goethe?

4. Das Gedicht ist eine Provokation. Wie antworten Sie darauf?



Gottfried Benn wurde 1886 als Pfarrersohn (wie Nietzsche) geboren. Er studierte Medizin und wurde Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Im 1. Weltkrieg war er Offizier in Brüssel (Bild). Vom Nationalsozialismus, den er anfänglich begrüßte,
durfte er seit 1937 nicht mehr veröffentlichen.
Er starb 1956 in Berlin.

 

Benn in Brüssel 1916

Seine ersten Gedichtbände Morgue (1912) und Fleisch (1917) sowie sein Novellenband Gehirne (1916) sind typische Beispiele des Stadtexpressionismus (1910-1925):
  • eine radikal subjektive Strömung
  • die Wirklichkeit wird deformiert (vgl. Schrei von Edvard Munch)
  • die Welt wird als Chaos erfahren und dargestellt (vgl. Georg Grosz)
  • das Vokabular ist provozierend, ‘poesiefremd’, und die Syntax ist eigenwillig
  • es gibt keine Werte (Nihilismus).

Mit den Statischen Gedichten (1948) beginnt eine neue Schaffensperiode: Überwindung von Chaos und Nihilismus durch die Form. Benn will "gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust". Das Ästhetische, die Schönheit war für ihn das einzige Mittel, den Menschen über die Sinnlosigkeit des Daseins hinwegzutrösten. Benn, der auch Essays (Probleme der Lyrik, 1951) und eine Autobiographie (Doppelleben, 1950) schrieb, ist einer der großen deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts.



Benn-Biographie des Deutschen Historischen Museums

Benn liest eigene Gedichte:  lyrikline

Benn über den literarischen Expressionismus

*'zwischen üblen Schnauzen hin und her...'  Bosch, 'Kruisdraging'



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