Tibhirine, zehn Jahre danach: ein Gedenktag, ein Buch, eine gerichtliche  Ermittlung

 

                           

Armand Veilleux  23. März 2006

 

 

Ein Gedenktag

 

Bald wird es zehn Jahre her sein , dass in der Nacht vom 26.auf den 27. März 1996  die sieben Mönche des Klosters von Tibhirine entführt wurden ,um  ungefähr zwei Monate später getötet zu werden.

 

In den kommenden Wochen und  Monaten werden sie durch  zahlreiche Radio- und Fernsehsendungen und  zahlreiche Zeitung - und Zeitschriftenartikel  (sowie wahrscheinlich mehr als nur ein Buch), in unsere Erinnerung gerufen. Man kann sich nur über alles erfreuen, was dazu beiträgt das Zeugnis das diese Mönche durch ihr Leben und durch ihren Tod abgelegt haben , lebendig zu bewahren..

 

Dieses Zeugnis über ein einfaches, christliches, klösterliches Leben – lebten sie in tiefer Brüderlichkeit mit den muslimischen Nachbarn, inmitten eines muslimischen Volkes -  wo ständiger Dialog mit den Gläubigen des Islams, vor zehn Jahren eine ebenso wichtige Aktualität war wie heute. Wichtiger sogar zur heutigen Zeit, wo einerseits die grossen Kriegsmächte , deren Anführer sich als "christlich" beteuern, einen tödlichen Kampf gegen den Islam führen und wo andererseits der interreligiöse  Dialog mit dem Islam und den anderen grossen Weltreligionen , von nun an aus Rom  auf den Platz des " kulturellen "  Dialogs abgeschoben wird.

 

Aber wenn man sich auch darüber erfreuen soll, dass die Botschaft unserer Brüder besser bekannt wird, kann man auch befürchten, dass diese Art von  Begeisterung der Medien durch sehr verschiedenartige Kreise ,  zu einer Instrumentalisation des Todes unserer Brüder  führt.

 

Ein Buch

 

John W. Kiser, Journalist und amerikanischer Historiker, hat im Jahre 2002 ein Buch über die Brüder von Tibhirine veröffentlicht , mit dem Titel : The Monks of Tibhirine. Faith, Love, and Terror in Algeria. Ich habe damals über dieses Buch berichtet, indem ich sagte, das es zweifellos das beste Buch über unsere Brüder sei. Kiser konnte das was sie in Algerien   im historischen und kulturellen Kontext des Landes erlebt  haben  erklären und es für jeden Leser auf eine einfache Art und Weise  zugänglich machen. Das Buch wurde sofort in Deutsch übersetzt, aber erst heute erscheint es auf Französisch .*1

 

Man kann sich nur über diese Veröffentlichung erfreuen und sich aber auch  Fragen stellen, über den in Frankreich für diese Übersetzung ausgelösten Werberummel , der einem die Sprache verschlägt. All dieser Lärm hat in der Tat nichts mit der Schlichtheit zu tun mit der unsere Brüder ihr klösterliches Leben führten und  ihrem Tod . Das ist eine ganz persönliche Ermessung denn es gibt schwerwiegenderes. Der "Pressespiegel", der weitgehend - besonders via Internet – von dem Übersetzer und dem Verlag verbreitet wurde, stellt diese Veröffentlichung als ein neues Buch vor, das "die ganze Wahrheit über Tibhirine" erbringt und  damit alle Fragen bezüglich der Umstände der Entführung und des Todes der Brüder beantwortet. In Wirklichkeit ist diese Werbung gefälscht.

 

In der Tat ist die Originalausgabe des Buches von Kiser in den USA im Jahre 2002 veröffentlicht worden und wenn man  nach der Bibliografie,den Notizen und dem Inhalt geht,  ist diese  Redaktion gegen 1999 beendet worden. Die französische Auflage von 2006, berücksichtigt trotz einiger Aktualisierungen  und hinzugefügten Fußnoten vom Übersetzer ,  nur marginal die  beträchtliche Menge von Informationen die seitdem veröffentlicht wurden und die ein grelles Licht über die Manipulation der islamistischen Gewalt durch die algerischen Machthaber werfen und die dazu neigen die algerische Sécurité militaire (die militärischen Geheimdienste) in die Entführung und der Ermordung unserer Brüder zu implizieren. Diese Informationen wurden von verschiedenen Zeugen erbracht und besonders ehemaligen algerischen Soldaten und ehemaligen Mitgliedern der Sécurité militaire, sowohl in Büchern und in Artikeln, als auch in  Aussagen der seit 6 Jahren laufenden Verfahren  .

 

Das Buch von Kiser verbleibt sicherlich eine sehr gutes Werk über die spirituelle Laufbahn und das Leben unserer Brüder. Aber es  bringt  nicht "die ganze Wahrheit" über die "Angelegenheit der Mönche" und es berücksichtigt nicht einmal die zahlreichen Wahrheitselemente, die  allmählich in diesen letzten Jahren in Erscheinung getreten sind.

 

Eine gerichtliche Ermittlung

 

Aufgrund der Klage, die in Paris am 9. Dezember 2003  von der Familie  von einem  unserer verschwundenen Brüdern, Christophe Lebreton und von dem  Unterzeichner eingereicht wurde, ist eine gerichtliche Ermittlung im Februar 2004 durch die französische Justiz über die Umstände der Entführung , der kurzen Gefangenschaft und der Ermordung der Mönche geöffnet worden. Diese Ermittlung wurde dem Anti-Terror- Richter  Jean-Louis Bruguière durch die französische Justiz anvertraut .Man könnte  denken, dass diese Ermittlung ,mehr als zwei Jahre danach, nicht sehr weit  fortgeschritten ist , selbst wenn man berücksichtigt, dass  Ermittlungen dieser Art 5 bis 10 Jahre dauern können bevor sie zu einem Ende gelangen . Sicherlich umfasst die Akte , die bis zum heutigen Tag vom Untersuchungsrichter erstellt wurde ,bereits einige Tausend Seiten, aber die Hauptzeugen sind noch nicht gehört worden.

 

Diese Ermittlung muss bis zum Ende durchgeführt  werden, da jene die  als Nebenkläger danach verlangten, eine Klage gegen X erstatteten. Viel Licht musst auch noch über die  Interventionen der verschiedenen französischen Geheimdienste während der Gefangenschaft unserer Brüder erbracht werden  und über die Gründe ihres Misserfolges. Warum haben die bisherigen und erwiesenen Verknüpfungen der französischen DST  mit der algerischen Sécurité militaire  nicht erlaubt den verhängnisvollen Ausgang zu vermeiden, während zahlreiche Elemente uns erlauben an die Verwicklung  in der Entführung  der Verantwortlichen  dieser Sécurité militaire, zu glauben? Hat   Jean- Charles Marchiani mit den Terroristen oder mit der Militärsicherheit verhandelt? Warum konnte die Aktion der DGSE nicht erfolgreich abschliessen? Aus welchem Grund konnten die höchsten französischen politischen Verantwortlichen , die über die  Lage in real-time informiert waren, nicht  ihren Mitbürgern zu Hilfe kommen? Und warum bleibt die "Angelegenheit der Mönche" bis heute durch die dichte Wolke der Desinformation unklar?

 

Unsere Brüder haben hingegen in  Wahrheit und Klarheit mitten unter ihren muslimischen Brüdern gelebt. Als Vorbild hatten sie  ihren grossen Freund Kardinal Duval, der in der Zeit des Unabhängigkeitskrieges  die ausgeübte Gewalt  beider Seiten verurteilte. Die Mönche haben es nie versäumt Verbrechen anzuprangern, wer auch immer die Täter davon waren."Wenn wir schweigen werden , werden die Steine schreien" (vgl. Luc 19.39 40),  erinnerten  sie uns . Ihre Lebenserinnerung zu verwenden ohne zu versuchen die Wahrheit über die Todesumstände zu suchen ist heute eine Mutlosigkeit  gegen die die Steine, die auf dem Erdhaufen  liegen der ihre Köpfe auf dem  Friedhof von Tibhirine  bedeckt , schreien würden .

 

Es gibt einen zusätzlichen Grund diese Ermittlung nach der Wahrheit fortzusetzen. Am 28. Februar 2006 haben die algerischen Generäle  ein Gesetz von Autoamnestie verordnet, das im Zynismus wesentlich weiter geht als jenes der chilenischen und argentinischen Generäle , vor  einigen Jahrzehnten. Dieses Gesetz, das zutiefst die Familien der Opfer der Gewalttaten und des zwangsweisen oder unfreiwilligen Verschwindens schockiert hat, ist einstimmig von Amnesty International  und  anderen Organisationen der Verteidigung der Menschenrechte  verurteilt worden , da es gegen alle internationale Übereinkommen der Menschenrechte  (von Algerien unterzeichnet) ist .

 

Dieses Gesetz amnestiert nicht nur  Tausende von Islamisten , die schuldig an Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind  ohne dass diese Verbrechen Objekt einer Ermittlung waren,  sondern es amnestiert  auch die Generäle und die Mitglieder  der Polizei von allen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie selbst unter dem Deckmantel des Anti-Terror Kampfes begangen haben. Die Attentate vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten haben, de facto  für die algerischen Generäle ein glänzende Gelegenheit dargestellt, um in den Augen der internationalen Öffentlichkeit den Bürgerkrieg , den sie selbst  1992 gegen ihr Volk, durch Unterbrechung des Wahlvorgangs ausgelöst hatten,  als "antiterroristen Kampf" darzustellen. Der Zynismus des Gesetzes vom  Februar 2006 und der Dekrete der Anwendung ist derartig, dass die Angehörigen der 15.000 bis 20.000 Verschwundenen ,nicht  mehr von der Regierung und von der algerischen Justiz fordern können Aufklärung über die Entführung ihrer geliebten Menschen zu erhalten, sondern sie müssen von nun an  mit einer Gefängnisstrafe rechnen  wenn sie es wagen diese Entführungen zu erwähnen oder über die präzisen Umstände "der nationalen Tragödie" zu sprechen.

 

Unter diesen Bedingungen ist es überaus wichtig die Ermittlungen über den Tod unserer Brüder, ohne Scheuklappen weiter zuverfolgen, ohne dass die Staatsräson ein Hindernis für die Forderungen nach Wahrheit und nach Justiz wird. Nach Aufklärung in Frankreich zu fordern über dieses emblematische Verbrechen  "des schmutzigen Krieges"  ist  auch eine Art und Weise den mutigen Kampf  nach  Wahrheit und nach Justiz zu unterstützen, den in Algerien die Familien von  Tausenden von  Verschwundenen und von den etwa 200.000 Opfern des Bürgerkrieges,führen.

 

Selbstverständlich sagen uns weiterhin die "algerischen Ausmerzer"  und all jene die sie  im Ausland für ihren Ausmerzungsfeldzug unterstützt haben : Wir haben die Beweise  dass es  eine Gruppe islamistischer Radikaler unter der Leitung des Emirs GIA Djamel Zitouni war,  die die Mönche entführt und ermordet hat, da sie sich öffentlich dazu bekannte. Wir antworten darauf , dass es wahrheitsgemäss ist , aber es ist nur der erste Teil der Antwort . Die darauf folgende Frage ist: "Unter welchem Befehl stand er und für wen arbeitete Djamel Zitouni ? "Die algerischen Zeugenaussagen ,aller Anschauungen , dieser letzten Jahre sind so zahlreich und übereinstimmend und bestätigen das Zitouni benutzt und durch die algerische Sécurité militaire manipuliert wurde und dass sich eine ernsthafte, gerichtliche Ermittlung in diesem Zusammenhang vorschreibt. Das Ergebnis dieser Ermittlung wird uns sagen  wer verantwortlich für den Tod unserer Brüder ist.

 

Diese Ermittlung ist noch im Gange, und sie wird  nicht zum Erliegen kommen.

 

Armand Veilleux , Scourmont, den 23. März 2006 *2

 

Übersetzung aus dem Französischen 

 

 

*1Fußnote

 

John W. Kiser :Die Mönche von Tibhirine

 

Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems

 

Ansata Verlag  ISBN:  3-7787-7196-5

 

Originaltitel: The Monks of Tibhirine

 

 

* 2Abt des Zisterzienserkloster  von Scourmont,Belgien

 

Homepage  Père Abbé Armand Veilleux : http://users.skynet.be/scourmont/arm-fra.htm