Worauf es ankommt

Das monastische Leben neu gestalten*

 

von Armand Veilleux

 

* Vortrag vom 2. Juni 2005 beim Treffen der Monastischen Oberen der Britischen Inseln und Irlands in der Abtei Worth. Übersetzung: Albert Schmidt OSB, erschienen in: Erbe und Auftrag 82 (2006) 10-20.

 

 

Das christliche Mönchtum lebt das Evangelium in schöpferischer Auseinandersetzung mit der Kultur der jeweiligen Zeit. Seine kontemplative Berufung zielt auf die innere Einheit von Gebet, Arbeit und Geistlicher Lesung. Für Armand Veilleux, Abt des Trappistenklosters Scourmont, ist dieses Zeugnis ein aktueller Dienst in einer zunehmend differenzierten Gesellschaft und im gegenwärtigen Umbruch der Kirche wie des Ordenslebens

 

Vor einigen Jahren gab ich in S. Anselmo in Rom einen Kurs über die Ausbildung zum monastischen Leben. Ich wollte dabei herausfinden, was die frühen Mönche und die großen Gestalten des Mönchtums im Mittelalter darüber gesagt haben, und entdeckte: im Alten Mönchtum wie im Mittelalter ist fast nichts über dieses Thema geschrieben worden. Mir wurde bewusst: Die Vorstellung, wir könnten jemand für das monastische Leben ausbilden, ist ein ganz und gar moderner Gedanke, auf den die frühen Mönche nie gekommen wären. Sie glaubten nicht, jemand könnte für das monastische Leben geformt werden; dagegen rechneten sie mit einer Formung durch das monastische Leben. Das Ziel des Mönchs wie jedes Menschen ist, nach und nach umgestaltet und Christus gleichgestaltet zu werden. Das monastische Leben ist Hilfe und Werkzeug für den Weg zu diesem Ziel.

Wenn wir von „Neugestaltung des monastischen Lebens“ sprechen, fallen uns das Stichwort aggiornamento des 2. Vatikanischen Konzils ein sowie die Worte „Inkulturation“ und „Neuevangelisierung“. Papst Johannes Paul II. sprach in den ersten Jahren seines Pontifikats öfters von der Inkulturation, später dann mehr von der Neuevangelisierung. Die beiden Worte bedeuten mehr oder weniger das gleiche. Wir müssen unsere moderne Gesellschaft neuevangelisieren – nicht weil von der ersten Evangelisierung nichts hängengeblieben wäre oder weil unsere Kultur entchristlicht wäre (was ja teilweise der Fall ist), sondern weil jede Kultur immer ein Prozess von Entwicklung und Verwandlung ist, der manchmal schneller, manchmal langsamer verläuft. Die Kultur, die das Evangelium in sich aufgenommen hatte, existiert nicht mehr. In jeder ihrer neuen Gestalten bedarf die Kultur der ständigen Begegnung mit der Botschaft des Evangeliums. Das ist mit Neuevangelisierung und mit Inkulturation gemeint.

 

Christliches Mönchtum - gelungene Inkulturation

 

Wenn eine Kultur oder eines ihrer Elemente mit dem Evangelium in Berührung kommt, gewinnen beide Pole: die Kultur eine neue Bedeutung und einen neuen Horizont, das Evangelium eine neue Ausdrucksform, so dass beide Seiten bereichert werden. Für mich ist das christliche Mönchtum die erste und gelungenste Gestalt von Inkulturation. Es ist nicht unvermittelt im dritten Jahrhundert erfunden worden oder entstanden, wie in vielen Geschichtsbüchern zu lesen ist; es geht vielmehr auf Christus selbst zurück. Zur Zeit Christi gab es im Nahen Osten eine breite asketische Bewegung, innerhalb wie außerhalb des Judentums. Johannes der Täufer gehörte zu dieser Strömung, wie immer seine Verbindungen mit Qumran ausgesehen haben mögen. Als Jesus in die Wasser des Jordans stieg, um sich von Johannes taufen zu lassen, machte er sich diese asketische Bewegung zu eigen und gab ihr eine neue Bedeutung. Als dann einzelne Christen der ersten Generation einige der radikalsten Forderungen Jesu im Evangelium zu ihrer ständigen Lebensweise machen wollten, fanden sie in der religiösen und kulturellen Tradition ihrer Zeit Formen, wie sie diese radikalen Forderungen Jesu in einer äußeren Lebensform ausdrücken konnten. Die Botschaft des Evangeliums und die gewachsene Kultur sind einander schöpferisch begegnet. Ein paar Jahrhunderte lang entfaltete sich diese asketische und mystische Bewegung im Christentum und außerhalb in mehrere Richtungen, die sich wechselseitig beeinflussten. Als Frucht einer allmählichen Reinigung und Klärung innerhalb des Christentums finden wir am Ende des dritten und zu Beginn des vierten Jahrhunderts eine klar umrissene und anerkannte Form asketischen Lebens in der Christenheit, das „monastische Leben“. Damit stehen wir am Ende eines sehr erfolgreichen Inkulturationsprozesses.

Es überrascht daher nicht, dass durch die gesamte Geschichte des christlichen Mönchtums hindurch monastisches Leben und Kultur immer in einem Austausch gestanden sind. Jede neue Form oder bedeutende Reform des monastischen Lebens ereignete sich an einem kritischen Punkt der Geschichte: Eine Einzelpersönlichkeit bzw. häufiger eine kleine Gruppe war besonders empfänglich für die zeitgenössische Kultur mit ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten und fand in ihrem eigenen Leben eine Antwort darauf. Diese Antwort erwies sich als gültig nicht nur für sie selbst, sondern für alle oder doch für viele, und zahlreiche Menschen schlossen sich ihnen an.

Einige Beispiele für den Zusammenhang der Ordensgeschichte mit der zeitgenössischen gesellschaftlichen Entwicklung: Die Reformen von Septimius Severus und Diokletian brachten gewichtige sozio-kulturelle Veränderungen mit sich; das starke Wachstum des ägyptischen Mönchtums in Unter- und Oberägypten mit Antonius bzw. dem Klosterwesen des Pachomius am Ende des 3. und zu Beginn des 4. Jahrhunderts war die christliche Antwort darauf. Die monastische Erneuerung, die im 6. Jahrhundert in Italien mit der Magister- und der Benediktusregel einsetzte, war Teil der gelasianischen Reform, die der klugen Regierung des Ostgotenkönigs Theoderich, eines „Barbaren“, zu verdanken ist. Die Reformen sowohl der Cluniazenser im 10. wie auch der Zisterzienser im 12. Jahrhundert gehören zum tiefgreifenden Wandel der Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft, der sich damals ereignete. In jüngerer Zeit hing die monastische Restauration gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland stark vom politischen und sozialen Umfeld ab.

Am Beginn des dritten Jahrtausends stehen wir wieder an einem kritischen Punkt der Geschichte. Der gegenwärtige Wandlungsprozess betrifft vor allem die westliche Welt; aber auch die anderen Regionen unseres Planeten, alle Kulturen und Religionen bekommen die positiven wie negativen Auswirkungen der Globalisierung zu spüren. Wenn wir uns auf die westliche Welt beschränken, können wir sicher eine Krise des Mönchtums feststellen (wobei eine Krise nichts Negatives sein muss). Doch diese ist nur ein Aspekt der Krise der Kirche, welche ihrerseits ein Teil der Krise unserer Gesellschaft ist. Wir würden unsere Kraft sinnlos verschwenden, wollten wir unsere eigene Krise lösen, ohne auf die Gesamtsituation zu schauen. Gemeinsam und weltweit müssen wir auf die Zeichen der Zeit achten, die Lage untersuchen und nach Antworten suchen, auch wenn viele verschiedene Antworten möglich und berechtigt sind. Erneuerung des Mönchtums kann nur ein Teil der Erneuerung der Kirche sein, und die Erneuerung der Kirche nur ein Teil der Erneuerung der Gesellschaft. Wenn es dem Mönchtum wieder gelingt, alle Gesichtspunkte des christlichen und menschlichen Lebens harmonisch zu verbinden, ist das eine Antwort auf die zunehmende Differenzierung, die unser Leben in mehrere Tätigkeiten und Interessen aufsplittert. Darin scheint mir eine Hauptaufgabe des Mönchtums zu Beginn des 3. Jahrtausends zu liegen.

 

Die innere Einheit des monastischen Lebens

 

Das Wort monachos und sein syrisches Gegenstück ihidaya meint nicht so sehr einen Menschen, der allein ist, sondern vielmehr einen Menschen, dessen Leben ungeteilt einem Ziel, einer Liebe gewidmet ist. Die Rückkehr zu einer solchen Einfachheit könnte der springende Punkt jeder „Neugestaltung“, Reform oder Erneuerung unseres monastischen Lebens sein.

Im Leben des Mönchs fehlt es nie an Arbeit. Eine Kommunität braucht einen Koch, einen Pförtner und einen Gastmeister, einen Buchhalter und jemand für die musikalische Gestaltung der Liturgie. In einem Kloster mit einer Schule wird es unter den Mönchen Lehrer, Verwalter und Schulseelsorger geben. Hat ein Kloster einen Betrieb als wirtschaftliche Grundlage, muss jemand sich um die Geschäfte kümmern. Und schließlich muss einer Abt sein – und zum Beispiel an Tagungen teilnehmen! Eine solche Aufgabe oder mehrere gleichzeitig sind kein Hindernis dafür, dass jemand ein echter Mönch ist. Es kommt freilich darauf an, dass jeder einzelne Mönch, wie viele Aufgaben er auch haben mag, in seinem Leben zur Einheit und Ganzheit findet. Ein Mönch erklärte einmal einem Reporter, sein Leben bestehe aus drei Teilen: acht Stunden täglich Ruhe und Zeit für sich selbst, acht Stunden monastisches Leben und acht Stunden Geschäftsleben. Ich halte eine solche Erklärung für grundverkehrt. Man kann nicht für acht Stunden am Tag Mönch sein; entweder ist man es für vierundzwanzig Stunden oder gar nicht. Gegen pastorale oder geschäftliche Tätigkeit eines Mönchs zum Unterhalt seines Klosters oder zur Unterstützung der Armen ist nichts einzuwenden; doch er muss diese Arbeit als ein Mönch tun. Das gilt auch für Mönche in Studium und Ausbildung usw.

Unser Leben ist oft gespalten; vielleicht hat sich hier mehr als an anderen Stellen das weltliche Denken in unserem monastischen Leben breitgemacht. Das einzige, was durch all unser tägliches Tun hindurch die Einheit unseres Lebens gewährleisten kann, ist beständiges, unablässiges Gebet – unablässiges kontemplatives Gebet. Die kontemplative Vereinigung mit Gott ist das Ziel unseres Lebens. Doch nach biblischem und patristischem Verständnis ereignet sich „Kontemplation“ nicht in gelegentlichen Gipfelerfahrungen. Sie ist eine Herzenshaltung, eine Seinsweise. Man ist vierundzwanzig Stunden am Tag kontemplativ oder man ist es gar nicht. Wenn ich bei der Arbeit, bei Begegnungen oder Sitzungen kein kontemplativer Mensch bin, werde ich beim Gesang des Stundengebets oder bei der stillen Anbetung vor dem Allerheiligsten nicht kontemplativer sein.

Daher bezeichne ich nicht gern die monastischen „Observanzen“ als Kennzeichen des monastischen Lebens. Eine solche Redeweise kann dazu verführen, sich für einen Mönch zu halten, sobald man all diese für wesentlich gehaltenen Observanzen befolgt. Dabei kann jemand diese Observanzen vollständig einhalten und zugleich ein recht zersplittertes Leben führen, das der Einheit, Sammlung und Einfachheit widerspricht, die den Mönch auszeichnen sollten. Unsere Zeit neigt immer mehr dazu, den Alltag in eine Reihe von unverbunden nebeneinanderstehenden Tätigkeiten aufzuteilen. Infolge dieser Tendenz halten wir monastische Grundhaltungen inzwischen für „Observanzen“, die an bestimmten Zeiten des Tages stattzufinden haben. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Lectio divina.

Die frühen Mönche pflegten mehrmals am Tag Gebete zu sprechen, für sich allein als Einsiedler oder als Zönobiten in Gemeinschaft. Dieser Brauch hatte vor allem das Ziel und den Sinn, etwas viel Wichtigeres zu fördern und lebendig zu halten, nämlich das unablässige Gebet, die beständige Verbundenheit mit Gott. Da dieser Gott zu uns gesprochen hat, verstanden sie das ständige Gebet in erster Linie als ein ständiges Hören auf Gott. Sie hörten auf das, was Gott ihnen immer neu sagte im Schweigen ihres Herzens, durch die vielen Texte der Heiligen Schrift, die sie auswendig kannten und stets wiederholten, durch die Texte, die sie während der Liturgie hörten, durch die Worte und Schriften der Geistlichen Väter sowie durch die Ereignisse des Alltags. Lectio divina war keine „Übung“, sondern eine Herzenshaltung.

 

Wandel im Verständnis der lectio divina

 

Diese Haltung ging im Spätmittelalter und noch stärker in der nachreformatorischen Zeit verloren. Seit etwa fünfzig Jahren haben wir in der katholischen Kirche dank der Bibelbewegung die Bedeutung der Heiligen Schrift und der lectio divina für unser monastisches Leben wiederentdeckt. Doch leider wurde aus der lectio divina mehr eine „Übung“, eine „Observanz“ als eine Grundhaltung des Herzens. Ein treuer Mönch widmet sich eben eine halbe Stunde, eine Stunde oder mehr am Tag der lectio, um danach zur geistlichen Lesung, zum Studium und zu seiner Arbeit überzugehen. Absichtslos lauscht er in dieser halben Stunde auf Gott, aber in der verbleibenden Zeit des Tages geht er dann oft ebenso begeistert, eifrig oder zerstreut an andere Aufgaben – als hätte er sich nicht für ein Leben des ständigen Gebets und der steten Suche nach der Gegenwart Gottes entschieden.

Es kostet entschiedene Mühe, sich von Gott in Frage stellen zu lassen, sich fordern und formen zu lassen durch den Tageslauf, die Arbeit, die Begegnung mit den Brüdern, durch die spürbare Askese ernsthafter geistiger Arbeit, durch die Feier der Liturgie sowie durch die normalen Spannungen des gemeinsamen Lebens. Wollten wir diese Haltung völliger Offenheit auf eine einzige herausgehobene Übung beschränken, könnte das eine billige Flucht vor der Herausforderung sein. Die Schrift lesen, meditieren, beten, untersuchen, auslegen und übersetzen: all dies bildete für die Wüstenväter eine untrennbare Einheit. Es wäre dem heiligen Hieronymus nicht in den Sinn gekommen, seine gründliche Untersuchung des hebräischen Texts der Bibel mit all seinen Feinheiten könnte nicht die Bezeichnung lectio divina verdienen.

Dieser Wandel im Verständnis der Heiligen Schrift und der lectio hängt mit einer anderen Veränderung zusammen, die im 11./12. Jahrhundert im Mönchtum aufkam und sich bis heute auf das Mönchtum, aber auch auf die Theologie überhaupt negativ auswirkt. Jean Leclercq hat von der „monastischen Theologie“ gesprochen. Doch bis ins 12. Jahrhundert hatte sie nichts speziell Monastisches. Es war die Art, in der sich die Theologie im Volk Gottes entwickelte, mit vielen Ausgestaltungen innerhalb wie außerhalb der Klöster. Diese aus der Kontemplation geborene und zur Unterscheidung der Geister befähigte Theologie verstand es, die verschiedenen Methoden und Denkströmungen aufzugreifen und zu würdigen; heute würden wir von gelungener Inkulturation sprechen. Als die scholastische Methode aufkam, lehnten die Mönche sie ab. Wie hätte sich wohl die Theologie in der Folgezeit entwickelt, wenn die Mönche sich der entstehenden neuen Methode nicht verschlossen, sondern sie sich wie früher so oft schöpferisch angeeignet hätten? Jedenfalls – ob zum Guten oder zum Schlimmen, sei dahingestellt – blieben die Klöster bei ihrer „monastischen“ Theologie, während sich in den Schulen außerhalb der Klöster die scholastische Theologie entwickelte.

 

Kontemplativ leben im Heute

 

Was sollen wir heute tun? Jede Kultur trägt Todeskeime und Saatgut für neues Leben in sich; ein Teil der Kultur stirbt ab, und eine neue entsteht. Manche schauen vor allem auf die Elemente des Todes und stellen ihnen unsere monastischen Gelübde als Heilmittel gegen diese Kultur des Todes gegenüber. Doch es entspricht unserer großen monastischen Tradition wohl weit mehr, als Kontemplative mit den Augen Gottes auf unsere Kultur zu blicken und die vielen Lebenskeime wahrzunehmen. Wenn wir sie in unsere geistliche Suche einbeziehen, helfen wir mit, dass sie wachsen können. Das heißt alles andere, als dass wir uns dem augenblicklichen Trend und Lebensstil anpassen würden. Eine solche Einstellung brauchen wir gegenüber der Kirche wie gegenüber der Gesellschaft. Lassen Sie mich eine persönliche Bemerkung einflechten. Ich gehöre zur Generation, die hoffnungsvoll das 2. Vatikanische Konzil erwartete, war bei der Ankündigung des Konzils durch Johannes XXIII. ein junger Mönch, habe den Morgen der Konzilseröffnung auf dem Petersplatz miterlebt und die Konzils- und Nachkonzilsjahre in Rom verbracht. Bald nach dem Konzil wurde ich an der Ordensleitung beteiligt und setzte mich mit aller Kraft für die Erneuerung ein, zu der das Konzil uns aufgefordert hatte. Es betrübt mich zu sehen, wie in den letzten Jahren viele der Träume, die das Konzil hervorgerufen hatte, sterben oder von hochgestellten Kräften und einflussreichen “kirchlichen Bewegungen” beiseitegeschoben werden. Doch mein Glaube an eine neue Kirche, die sich im Sinn des 2. Vatikanischen Konzils erneuert, wird davon nicht erschüttert.

Es wäre verkehrt, den starken Rückgang der Berufungen in weiten Teilen der Kirche und die Schließung zahlreicher Gemeinschaften und kirchlicher Einrichtungen dem Konzil und den Reformen, die es ausgelöst hat, anzulasten. Das Konzil rief zu einer geistlichen Erneuerung auf; im großen und ganzen haben wir uns, so meine ich, nach Kräften darum bemüht. Doch eine solche Erneuerung setzte strukturelle Veränderungen voraus, die großenteils zu spät erfolgten. Die - positiv verstandene - krisis im Gefolge dieser Veränderungen hat eine starke Reinigung bewirkt.

Wir haben die gleiche Erfahrung wie Ijob gemacht. Wir mussten lernen, dass wir leben können, auch wenn eine Menge von dem wegfällt, womit wir uns vor der Gesellschaft definierten und worauf wir stolz waren. Die meisten Kommunitäten sind nicht mehr stark, mächtig und einflussreich wie in den vergangenen Jahrhunderten; doch auch in ihrer Unsicherheit und Schwäche bleiben sie Zeugen für die Nachfolge Christi. Unsere Berufung liegt darin, der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen und ihm in einer Gesellschaft nachzufolgen, die ihrerseits einen tiefgreifenden Wandel erlebt und stets auf der Suche nach ihrer Identität ist. Dieses Zeugnis für das Evangelium können unsere Gemeinschaften geben, unabhängig von ihrer Größe. Unsere Identität gründet nicht in den Diensten, die wir in der Kirche erfüllt haben oder noch erfüllen, sondern in dem, was wir geistlich gesehen sind.

 

Auf der Suche nach einer Theologie des Ordenslebens

 

Wir erfahren unsere Armut auch darin, dass uns eine erneuerte Theologie des Ordenslebens fehlt, trotz der weitgespannten theologischen Bemühungen unserer Zeit. Doch können wir überhaupt von einer wirklich neuen Theologie der Ehe, des Priestertums, des bischöflichen Dienstes reden? Hat in Europa seit dem Konzil eine echte theologische Erneuerung stattgefunden? Wir warten noch immer auf eine Befreiung der Theologie. Folglich finden wir nur schwer einen Ausdruck für unsere Lebensform, der keine Schwierigkeiten mit sich bringt. Was bisher „Ordensleben“ genannt wurde und das monastische Leben einschloss, ist nur eine von mehreren Arten christlichen Lebens. Wie lässt sie sich anhand eines gemeinsamen theologischen Nenners beschreiben? Perfectae Caritatis betonte den Kernpunkt, die Nachfolge Christi. Gut und schön – aber jeder Christ ist gerufen, Christus nachzufolgen. Wir sprachen vom „Stand der Vollkommenheit“ oder von „Religiosen“ – doch alle sind zur Vollkommenheit und zu einem „religiösen“ Leben berufen. Heute ziehen wir den Ausdruck „gottgeweihtes Leben“ vor; aber das ist genauso unbefriedigend. Jeder Christ ist durch die Taufe Gott geweiht, ja jeder Mensch ist es als Geschöpf nach dem Bild Gottes, und einem und einer jeden gilt der Ruf, sich wandeln und Christus gleichgestalten zu lassen. Das nachsynodale Schreiben über das Ordensleben hat den Titel Vita consecrata – „Gottgeweihtes Leben“ beibehalten. In ihrem ersten Entwurf wollten die drei Hauptverfasser die gesamte Theologie des Ordenslebens vom Thema der Schönheit her aufbauen und schlugen zunächst den Titel vor Divinae pulchritudinis amatores – „Liebhaber der göttlichen Schönheit“. Glücklicherweise bemerkten mehrere Leser, dass eine solche Sicht, die an die Theologie von Hans Urs von Balthasar erinnert, keine Grundlage in den Dokumenten des 2. Vaticanum oder in den Wortmeldungen während der Synode besaß. Obwohl diese theologische Perspektive nicht beibehalten wurde, taucht das Wort „Schönheit“ über zwanzig Mal im Text auf. Die Instruktion sagt viel „Schönes“, aber sie brachte keinerlei Fortschritt in der Theologie des Ordenslebens. Doch war ein solcher Fortschritt notwendig?

 

Kultureller Wandel in der Gegenwart

 

Werfen wir in diesem Zusammenhang einen Blick auf einige Linien, denen entlang sich heute die Kultur entwickelt. Die Bedeutung des „Religiösen“ im menschlichen Leben hat sich verändert; das ist eine Frucht der christlichen Botschaft. Jesus setzte der Opferordnung des Alten Testaments und aller frühen Religionen ein Ende; ebenso setzte er an die Stelle religiöser Riten sein Leben und seinen Tod und lud uns ein, den Vater zu verherrlichen nicht durch Riten, sondern durch die Qualität unserer Liebe. Er lehrte uns, unserem Leben in all seinen Teilen symbolischen Wert zuzuerkennen und zu verleihen, statt in esoterischen Gesten einen magischen Symbolwert zu finden.

Ein weiterer Wandel ist zu verzeichnen. Als die Formen unseres monastischen und religiösen Lebens entstanden, maß die römische Kultur und jene der jungen Völker der Rang- und Klassenordnung in der Gesellschaft großes Gewicht bei. Das trifft auch für die Kirche zu, wo zwischen Klerus und Volk, zwischen Mönchen, Kanonikern, Mendikanten und anderen Ordensleuten klar geschieden wurde. Diese Unterscheidungen verlieren immer mehr an Bedeutung. Wurzelt diese Angleichung vielleicht im Evangelium? Die einzige wirklich neue Theologie, die das 2. Vatikanische Konzil entwickelt hat, ist jene des „Volkes Gottes“. Wenn wir alle gemeinsam das Volk Gottes bilden, auch wenn wir verschiedene Charismen verkörpern, dann dürften die früheren Unterscheidungen viel an Gewicht eingebüßt haben.

 

Neue geistliche Gemeinschaften in der Kirche

 

Die jahrhundertealte Praxis, dass Kommunitäten entweder aus Frauen oder aus Männern bestehen und entweder rein aktiv oder rein kontemplativ sind, wird in der Kirche der Zukunft wahrscheinlich nicht mehr die einzige Form geweihten Lebens darstellen. In der Tat sind die meisten neuen geistlichen Gemeinschaften in der Kirche keine Ordenskommunitäten im herkömmlichen Sinn; sie bilden vielmehr „geistliche Familien“ mit Ehelosen und Verheirateten, Laien und Priestern. Manche Mitglieder führen ein eher kontemplatives Leben, während andere sehr aktiv in Gesellschaft und Kirche wirken; doch alle verbindet der gleiche Geist und eine gemeinsame Spiritualität. Wenn sie die römische Anerkennung erbitten, erkennt die zuständige Kongregation meist den Teil der Gruppe an, der Ordensgelübde ablegt; die übrigen betrachtet sie als „assoziiert“, was fast immer dem ursprünglichen Geist der Gruppe widerspricht. Das Opus Dei hat auf seine Weise eine andere Lösung gefunden, indem es sich als Personalprälatur approbieren ließ.

In wachsendem Maß schließen sich Gruppen von Laien zu Laienkommunitäten zusammen, die sich an Klöster binden. Sie streben nicht einfach eine fromme Verbundenheit mit der monastischen Kommunität an; es geht ihnen um den aufrichtigen Versuch, in Familie und Beruf die gleichen Werte zu verwirklichen, wie sie die Mönche im Kloster leben. Sie geben dem monastischen Charisma eine neue Ausdrucksform.

Vielleicht ist hier die Stelle, einen Blick auf die „neuen Gemeinschaften“ zu werfen. Wie die Geschichte des monastischen wie des Ordenslebens überhaupt zeigt, tauchen an kulturellen und sozialen Wendepunkten zahlreiche neue Gruppen auf. Die meisten verschwinden nach einer oder zwei Generationen. Doch einzelne Gruppierungen fassen den Geist der Bewegung zusammen und werden zu blühenden neuen Zweigen monastischen Lebens. Nicht selten geben sie den traditionelleren Formen, die gewöhnlich solche Zeiten des Umbruchs überdauern, neue Lebenskraft. Wir sollten diesen Aufbrüchen daher aufgeschlossen begegnen, die neue Lebendigkeit, die sie mit sich bringen, begrüßen und  ihnen als Zeugen einer langen Tradition zur Verfügung stehen, soweit sie dies wünschen. Wir müssen sie nicht für die neue Gestalt des Ordenslebens halten, welche die gegenwärtigen Kommunitäten verdrängen wird; doch wir sollten uns herausfordern lassen von diesem geistlichen Aufschwung, der vielleicht auch uns erneuern kann.

 

Mönchtum zwischen Ortskirche und Gesamtkirche

 

Eine weitere Herausforderung für die Kirche in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten wird das Mönchtum ebenfalls betreffen: Nach einer ausgedehnten Periode der Zentralisierung ist es an der Zeit, die Ortskirchen neu zu beleben. Bekanntlich entstand das monastische Leben nicht in einer bestimmten Ortskirche, von der aus es sich dann in der übrigen Welt verbreitet hätte. Vielmehr erscheint es mehr oder weniger gleichzeitig in den Ortskirchen des Ostens wie des Westens; was noch wichtiger ist: es entspringt der Lebendigkeit der Ortskirchen und ist nicht Reaktion auf eine laugewordene Kirche, wie irrtümlich oft behauptet wird.

Um sich aus der Macht der Feudalherren zu befreien, sind die Mönche im Mittelalter, vor allem zur Zeit Clunys, auf die „Exemtion“ gekommen, die unmittelbare Abhängigkeit vom Bischof von Rom. Gleichwohl waren die klassischen Klöster meistens eng mit der diözesanen und nationalen Ortskirche verbunden. Auch wenn es widersprüchlich klingen mag: Wir gehören zu einer Tradition die über die Jahrhunderte hinweg in Gemeinschaft mit der Gesamtkirche stand; zugleich sind die meisten unserer Kongregationen und Orden über die ganze Welt verstreut und immer in einer Ortskirche verwurzelt gewesen. Ob wir nicht gerade deshalb in besonderer Weise unserer jeweiligen Diözese dabei helfen können, mit ihrer Einmaligkeit und ihrer eigenen religiösen „Kultur“ immer lebendiger zu werden?

Es ist nicht verborgen geblieben, dass der verehrte Papst Johannes Paul II. große Hoffnungen in die kirchlichen „Bewegungen“ wie das Opus Dei, die Legionäre Christi, das Neokatechumenat usw. setzte, die oft neben der Autorität des Ortsbischofs oder über sie hinweg handelten und sich einmischten. Auch ist bekannt, dass jemand wie Kardinal Martini nie die Schwierigkeiten verhehlte, die er aus rein ekklesiologischen Gründen mit dieser Entwicklung hatte. Es bleibt abzuwarten, wie Benedikt XVI. sich hier verhalten wird. Wie auch immer die Einstellung des Papstes und der Römischen Kurie in dieser Hinsicht sein mag, da wir uns ganz einem Leben in Gemeinschaft geweiht haben, ist es unser Auftrag, mit all unserer Kraft die Gemeinschaft mit unserer Ortskirche und zwischen den Ortskirchen zu fördern.

 

Interreligiöse und europäische Herausforderung

 

Überall in der Welt, aber besonders in unserer westlichen Welt, treffen in der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklung Kulturen und Religionen massiv aufeinander. Gleichzeitig versuchen Kräfte, die ich fast teuflisch nennen möchte, Spannungen, ja Kriege zwischen den Kulturen und Religionen hervorzurufen. Mit Sicherheit fällt den Mönchen und Nonnen auf diesem Gebiet eine ganz besondere Rolle zu. Durch unsere Präsenz in allen Erdteilen verfügen wir ja als Orden und Kongregationen über eine weltweite Erfahrung. Darüber hinaus ist das Herzstück unseres Lebens, nämlich die geistliche Erfahrung, auch das Herzstück der meisten großen Religionen der Welt. In Zeiten, wo der Dialog auf der Ebene philosophischer und theologischer Begriffe schwierig oder unmöglich ist, fällt die Begegnung auf der Ebene geistlicher Erfahrung viel leichter.

Heute ist viel die Rede von der Europäischen Verfassung. Die Frage ihrer Ratifizierung ist wichtig, aber letztlich zweitrangig. So oder so entsteht langsam und unter Geburtswehen Europa. Dieser Prozess begann bereits vor 1500 Jahren, und über die Jahrhunderte hin war das Mönchtum daran so sehr beteiligt, dass der heilige Benedikt zum Vater und Patron Europas erklärt wurde. Ob die christlichen Wurzeln Europas in der Verfassung genannt werden, ist nicht entscheidend. Wichtig ist jedoch, dass christliche Werte und Grundsätzen das Entstehen des neuen Europas inspirieren. Ob es dazu kommt oder nicht, wird von allen Christen abhängen, besonders aber von den Mönchen. Entsprechend der Antwort, die Mönche und Nonnen auf diese und die anderen Herausforderungen geben, wird das monastische Leben zu neuer Gestalt finden.