VOM GEIST GEFÜHRT
Betrachtung über die Spiritualität des geweihten Lebens

von P. Armand Veilleux, OCSO

 

Wir sind von Christus in seine Nachfolge berufen worden. Deshalb sind wir Ordensleute geworden; und deshalb haben wir uns alle hier eingefunden. Nachdem wir gestern über diesen an uns ergangenen Ruf nachgedacht haben, wollen wir heute eine Betrachtung über die Spiritualität dieses Lebens anstellen, zu dem wir berufen worden sind und das wir gewählt haben.

Wenn man von "Spiritualität" spricht, bezieht man sich offensichtlich auf den Geist. Und wenn in der Bibel vom Geist gesprochen wird, ist die Rede von Wehen, von Windhauch, von Empfängnis und Geburt. Jeder und jede von uns kann, wenn er oder sie in sein oder ihr Herz hineinhorcht, die verschiedenen Einwirkungen des Geistes nachzeichnen, die am Anfang "seines" bzw. "ihres" geweihten Lebens stehen. Ich möchte euch heute Vormittag einladen, miteinander über das Eingreifen des Geistes Gottes nachzudenken, das seit Jesus von Nazaret, in dessen Nachfolge wir uns begeben haben, am Anfang des Ordenslebens in der Kirche steht.

Wenn es euch recht ist, werden wir zunächst einige Bilder aus der Bibel betrachten, um aus ihnen dann gleichsam ein großes Mosaik zusammenzusetzen, wie man es in den römischen Basiliken sehen kann. Ich hoffe, wenn jedes dieser Einzelbilder seinen Platz erhalten hat, wird ein sehr klares Gesamtbild von den Anfängen des geweihten Lebens - den Anfängen eines jeden von uns - zutage treten.

I - Erster Teil: Biblisches Mosaik von den Anfängen des geweihten Lebens

1. Bild: Die Taufe Jesu

Wir beginnen mit der Taufe Jesu, weil man da tatsächlich die allerersten Anfänge des christlichen Ordenslebens sehen kann.

Im Alter von ungefähr dreißig Jahren hat Jesus Galiläa verlassen, um sich nach Judäa zu begeben; mit dem Volk, das damals von Jerusalem hinunter an den Jordan zog, mit der Menge der Sünder ließ er sich von Johannes taufen. Als er aus dem Fluß stieg, öffnete sich der Himmel, der Geist kam in Gestalt einer Taube auf ihn herab und die Stimme des Vaters war zu hören: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden" (Mk 1,9-11).

Das ist ein entscheidender Wendepunkt im Leben Jesu. Gleich nach dieser Herabkunft des Geistes auf ihn geht er, vom Geist getrieben, in die Wüste, wo er vierzig Tage lang der Versuchung des Satans ausgesetzt sein wird. Danach wird er sein Wirken aufnehmen und das Reich Gottes verkünden.

"Du bist mein geliebter Sohn", hat der Vater zu ihm gesagt...

Aber wie kann sich der Sohn des Vaters dort, im Wasser des Jordan, mitten unter den Sündern, von einem Asketen taufen lassen, dessen Lebensart zumindest Ähnlichkeit mit dem der ganz in der Nähe hausenden Mönche von Qumrân zu haben schien? Wie kann das geschehen?

Jesus befindet sich da am Ende eines langen Weges. Der hl. Paulus beschreibt uns in seinem Brief an die Philipper den langen Weg, der Jesus dorthin, an diesen Punkt seiner Geschichte und unserer Geschichte geführt hat.

"Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich" (Phil 2, 6-7).

Dieser Mensch im Wasser des Jordan, auf den der Heilige Geist herabkommt, ist der Sohn des ewigen Vaters. Er ist damit am Ende eines langen Abstiegs angekommen, aus dem innersten Schoß Gottes bis in unsere menschliche Natur und Welt. Warum hat dieser Abstieg stattgefunden? Um das zu begreifen, müssen wir viel weiter in der Geschichte der Menschheit zurückgehen.

Wir lassen dieses Bild von der Taufe - auf das wir später wieder zurückkommen müssen - für den Augenblick beiseite und setzen in eine andere Ecke unseres Mosaiks ein zweites Bild. Allerdings müssen wir auf das allererste Eingreifen des Heiligen Geistes in unsere Geschichte im Augenblick der Schöpfung noch zurückkommen.

2. Bild: Der Geist der Genesis bringt das erste Leben hervor

Die Anfangsverse der Genesis beschreiben uns, wie das ganze geschaffene Universum aus dem Geist und dem Wort Gottes hervorgegangen ist. "Die Erde war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser" (Gen 1,2). Die Urflut wird vom Geist überschattet und befruchtet, und das ganze geschaffene Universum entsteht durch das Eingreifen des Wortes. "Gott sprach...". Siebenmal. Gott sprach, und es wurde Licht. Gott sprach, und das Wasser wurde vom Land geschieden. Gott sprach, und Sonne und Mond leuchteten... Aber vor allem am letzten Tag sprach Gott: "Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich" (Hen 1, 3-28).

Gott formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem - seinen eigenen Geist; so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen (Gen 2,7). Der Mensch wurde also nach dem Bild Gottes - als Ebenbild Gottes - erschaffen, indem er Gottes Atem in sich aufnahm und dadurch, wie der hl. Petrus es ausdrücken wird, Anteil an der göttlichen Natur erhielt (2 Petr 1,4). Es gibt somit im Menschen eine Saat göttlichen Lebens, die zu unablässigem Wachstum berufen ist. Und da diese Saat göttlich ist, können wir sagen, daß wir mit einer unendlichen Wachstumsfähigkeit geboren wurden.

So begann das große Abenteuer des Mannes und der Frau. Ein Abenteuer, das, wie wir wissen, schon seit den ersten Tagen von der Sünde gezeichnet war. Das Wesen der Sünde besteht darin, daß sie das Leben zurückweist, dieses Leben, das der Geist immer in Fülle in uns wachsen lassen will.

Aber im Laufe des langen Weges der Menschheit erschien eines Tages ein menschliches Wesen, bei dem es keine Zurückweisung des Lebens gab, bei dem im Gegenteil totale Offenheit gegeben war. Es erschien eine schon von ihrer Empfängnis an unbefleckte Frau, die so vollkommen offen war, daß der Geist Gottes - derselbe Geist, der überall anzutreffen ist, wo es Lebensfülle gibt - über sie kam, so wie er sich auf die Urflut herabgesenkt hatte, so wie er dreißig Jahre später auf Jesus herabkam, so wie er am Pfingsttag auf die Jünger herabkommen wird, so wie er auf jeden von uns am Tag unserer Taufe und unserer Firmung und am Tag unserer Ordensprofeß herabgekommen ist. Der Geist kam über sie, und sie wurde schwanger von Gott (Lk 1,35). Und sie gebar den Gottessohn. Sie gebar einen Menschen, in dem die Ebenbildlichkeit Gottes so vollkommen verwirklicht war, daß er ganz Mensch und ganz Gott war. Zugleich als Gott ganz Mensch, war er als Mensch dazu bestimmt, Sohn des Allerhöchsten zu sein. Aus ihrem Fleisch und ihrem Blut sowie aus der Liebe ihres Herzens brachte sie Gott zur Welt. Sie ist Theotokos ("Gottesgebärerin"), Muttergottes.

Kehren wir nun zu unserem ersten Bild, dem von der Taufe, zurück. Dieser Sohn Mariens nahm zu an Weisheit und Gnade vor Gott und vor den Menschen, wie jeder andere Mensch. Als er vor dem Asketen Johannes erscheint, um sich taufen zu lassen, stellt diese Geste nicht nur den Endpunkt seiner ersten dreißig Jahre persönlichen Wachstums dar. Es ist auch der Endpunkt von Millionen Jahren göttlicher Vorbereitung, von Millionen Jahren des Heranreifens der Saat göttlichen Lebens, die am Morgen der Schöpfung in der Menschheit ausgesät worden war.

Und was tut Jesus nun, nach seiner Taufe und vor sich seine vierzig Tage in der Wüste, wenn man der Chronologie des Johannesevangeliums folgt? - Er beruft Jünger, ihm zu folgen. Das soll das dritte Bild unseres Mosaiks sein.

3. Bild: Die Berufung der Jünger

Jeder der vier Evangelisten hat uns auf seine Weise dieses so bedeutsame Ereignis seiner Berufung beschrieben. Wir halten uns vorerst an die von zarter Innigkeit erfüllte Schilderung, die uns der hl. Johannes hinterlassen hat. Zunächst: Johannes war Jünger des Täufers; und dieser sandte in einer Geste großer Offenheit und Freiheit, kurz nachdem Jesus sich hatte taufen lassen, seine eigenen Jünger zu ihm. "Er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft" (Joh 1,33).

Die Ersten, die sich von Jesus faszinieren ließen, waren Andreas und Johannes. Als sie aus dem Mund des Täufers die Worte hörten: "Seht, das Lamm Gottes", folgten sie ihm einfach. Die Formulierung verdient festgehalten zu werden. Es ist die erste Erwähnung der sequela Christi, der Nachfolge Christi, im Evangelium. Jesus wandte sich um und fragte sie: "Was wollt ihr?" - "Meister, wo wohnst du?", sagten sie zu ihm. - Jesus antwortete: "Kommt und seht!" Dieses Gespräch, zwar lapidar im Stil, aber von unwahrscheinlicher Schönheit in seiner Prägnanz und in seiner emotionalen Intensität, erinnert zweifellos viele von uns an den Tag, an dem wir zum ersten Mal den an uns ergangenen Ruf vernommen haben. Und wie Johannes können wir sagen, daß dies an dem und dem Tag, zu der und der Stunde, an dem und dem Ort geschah... Wie sich ein altes Ehepaar an den Ort, den Tag, die Stunde seiner ersten Liebeserklärung erinnert (Joh 1,29-39).

Andreas geht und erzählt alles dem Petrus. Am Tag darauf wendet sich Jesus direkt an Philippus, und Philippus fordert Natanaël auf, mit ihm zu kommwn (Joh 1,40-51). Und so sammelt sich rasch eine kleine Gemeinschaft um Jesus. Jeder wird persönlich bei seinem Namen gerufen, so wie wir selber gerufen worden sind, jeder und jede bei seinem oder ihrem Namen. Während der auf diese Berufung folgenden Monate und Jahre werden diese in besonderer Weise erwählten Jünger um Jesus eine Gemeinschaft bilden, die man später als Apostelgemeinde oder apostolische Gemeinschaft bezeichnen wird. Die Volksmenge drängte sich aus unterschiedlichsten Gründen um Jesus, danach verließen ihn die Leute wieder. Manche, die seine Botschaft empfangen und an ihn geglaubt haben, wollen sich auch in seine Nachfolge begeben, doch Jesus nimmt sie nicht auf. Einige sind sogar eng mit ihm befreundet, wie Marta, Maria und Lazarus, trotzdem gehören sie nicht zu dieser kleinen Gruppe von Jüngern, unter welchen sich diejenigen befinden, die eines Tages als Apostel erwählt werden sollen und die Jesus überallhin folgen und seinen strengen Lebensstil und seinen Dienst an den Sündern und Kranken übernehmen.

Jesus stellt an diese Jünger, die ihm folgen, sehr große, ja radikale Anforderungen, die er mehr als einmal in sehr scharfen, uns geradezu brutal anmutenden Formulierungen geäußert hat:

"Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes..." (Lk 9,60).

"Keiner, der Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes..." (Lk 9,62).

"Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig..." (Mt 10,37).

"Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig" (Mt 10,38).

Doch spricht er auch Verheißungen an sie aus:

"Jeder, der um meines Namens willen... Vater oder Mutter verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten" (Mt 10,29).

In den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Mönchtums, die die ersten Jahrhunderte der Geschichte des Ordenslebens sind, wird man ständig den Bezug zu dieser Gemeinschaft der Jünger (oder Apostel) herstellen. Sie wird stets das Modell, das Vorbild sein.

Von der Taufe Jesu gingen wir zur Berufung der ersten Jünger und von da zu deren Leben in der Nachfolge Christi über. Nun gilt es, ein weiteres Bild genau im Zentrum unseres Mosaiks zu plazieren: das Bild des verklärten Christus.

4. Bild: Die Verklärung

Dieses Bild wurde als Ausgangspunkt für das nachsynodale Lehr-schreiben Johannes Pauls II. über das geweihte Leben gewählt. Es drückt nämlich mit besonderer Intensität mehrere wichtige Aspekte unseres geweihten Lebens aus.

Diese Szene spielt sich in einem ganz entscheidenden Augenblick im Leben Jesu ab. Die Volksmenge hatte sich nach und nach von ihm abgewandt. Er weiß, daß er bald sterben muß. Er hatte begonnen, den Jüngern seinen Tod anzukündigen. Nun nimmt er drei von ihnen, mit denen er besonders tief verbunden ist, mit sich und führt sie behutsam in das Geheimnis seiner Herrlichkeit, aber eben auch seines nahen Todes ein (Mt 17,1-9; Mk 9,2-9; Lk 9,28-36).

Als Hilfe zum Verständnis dieser Szene wollen wir, wenn es euch recht ist, den Christushymnus aus dem 2. Kapitel des Briefes an die Philipper heranziehen, dessen erste Verse wir gerade vorhin gehört haben. Das Wort, das "in forma Dei" bei Gott war, hat sich erniedrigt, sich entäußert (kenosis), ist uns gleich geworden:

"Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,8).

Damit endet dieses unergründliche Geheimnis vom "Abstieg" des Gottessohnes. Er hat auf jedes Privileg, auf jedes Recht verzichtet. Er wollte nichts für sich "behalten". Von diesem Augenblick an kann er alles als Gnade, als Geschenk "empfangen":

Er hat sich erniedrigt..., "darum hat ihn Gott ... erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen" (Phil 2,9). Wenn es einer ablehnt, seine Rechte über die anderen geltend zu machen, wenn einer auf seine Privilegien verzichtet, dann kann er alles als ein "Geschenk" empfangen.

Damit werden uns alle Etappen des Weges klar aufgezeigt, die jeder durchlaufen muß, der sich in die Nachfolge Christi begeben will. Es handelt sich um einen gemeinschaftlichen Weg, der den völligen Selbstverzicht voraussetzt, ein Todesweg für sich, der zur Gemeinschaft in Lebensfülle führt, einer Fülle aber, die nur Geschenk sein kann. Ein Geschenk, das nur der empfangen kann, der sich jedes Anspruchs auf irgendein Recht, jedes Festhaltens an Privilegien entäußert hat (kénosis). "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 16,25).

Wir werden gleich ausführlicher auf diese Realität der Gemeinschaft zurückkommen, die das Herzstück des geweihten Lebens bildet. Aber zuvor müssen wir noch die auf unserem Mosaik bestehenden Freiräume mit zwei anderen Bildern ausfüllen. Das erste ist das vom Letzten Abendmahl:

5. Bild: Das Letzte Abendmahl

Der Evangelist Johannes, der uns mit solcher emotionaler Eindringlichkeit seine und die Berufung der anderen Jünger der ersten Stunde geschildert hat, hat uns auch mit feinem Gespür vom Letzten Abendmahl berichtet, so daß wir die vorhin erwähnten, so radikalen Forderungen Jesu in ihrem wahren Zusammenhang begreifen können.

Jesus öffnet sein Herz ganz weit zugleich seinem Vater und seinen Jüngern. Die zentrale Wirklichkeit, die in diesen Reden beim Letzten Abendmahl immer wiederkehrt, ist die Gemeinschaft, die Liebe. Er hat den Vater geliebt, weshalb er stets seinen Willen getan hat. Er hat seine Jünger geliebt, weshalb er ihnen alles mitteilte, was er vom Vater gehört hat. Er will, daß sie eins sind, wie er und der Vater eins sind. Und er verspricht ihnen: "Wenn jemand liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Joh 14,23).

Wir sehnen uns alle danach, bei Gott zu wohnen. Nun aber verkündet uns Jesus hier, daß er und sein Vater bei uns wohnen, ständig bei uns bleiben wollen. Und das bringt uns auf unser sechstes und letztes Bild, das Bild von Pfingsten.

6. Bild: Pfingsten

Wir bleiben vorerst beim Evangelisten Johannes, der Pfingsten am Abend des Auferstehungstages ansetzt und es als eine neue Genesis beschreibt (vgl. Joh 20, 10-23).

Jesus tritt in den Abendmahlssaal ein, obwohl alle Türen verschlossen sind, und gibt sich durch die Spuren an seinen Händen und an seiner Seite als der auferstandene Christus zu erkennen und sagt zu den Jüngern: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21). Nachdem er das gesagt hat, haucht er sie an (genauso wie Jahwé den Lebensatem in die Nase des ersten Menschen geblasen hatte) und sagt zu ihnen: "Empfangt den Heiligen Geist!" (Joh 20,22).

Damit sind wir an den Ausgangspunkt zurückgekehrt: die Mitteilung des Lebensatems Gottes, des göttlichen Lebens. Am Anfang stand das Urgeschenk des Lebens in seiner ganzen Frische und Reinheit. Aber dieses Mal handelt es sich um eine Mitteilung des Geistes, der das entstellte Bild wiederherstellt, der das verlorene Leben zurückgibt: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben" (Joh 20,23). Lukas berichtet uns in der Apostelgeschichte auf noch dramatischere Weise von der Herabkunft des Geistes auf die Jünger am Pfingsttag in der Gestalt von Feuerzungen.

An diesem Tag wurde die Kirche, die Gemeinschaft der Jünger Jesu, geboren; diese Gemeinschaft, die nunmehr den Auftrag hat, diese Fülle des Lebens, diese Gemeinschaft mit dem Vater im Sohn, die er der Menschheit gebracht hat, vor den Menschen sichtbar zu verkörpern.

Schon zu dieser Stunde entsteht zusammen mit der Kirche auch das Ordensleben. Denn seit der ersten christlichen Generation fühlen sich Männer und Frauen berufen, die radikalen Entsagungen, die Jesus denen abverlangt hatte, die ihm unmittelbar gefolgt waren, oder die er von dem einen oder anderen, der ihm folgen wollte, wie dem reichen Jüngling, gefordert hatte, als ständige Lebensform anzunehmen. Der Jungfräulichkeit verpflichtet leben diese asketischen Männer und Frauen dann in den Ortskirchen; manche ziehen sich später in die Einsamkeit zurück, ihr Verhältnis zur Kirchengemeinde wird nach und nach festgelegt. Einige Jahrhunderte später tritt das in Klöstern organisierte Mönchtum in Erscheinung. Die grundlegenden Verpflichtungen werden schrittweise in Form von Gelübden festgelegt. Im Laufe der Jahrhunderte erlebt man vor allem im Abendland das Dauerphänomen einer Vielfalt von Formen geweihten Lebens. Aber man kann wohl ohne Zögern sagen, daß diese christliche Lebensform, die man heute "geweihtes Leben" nennt, im Grunde seit der ersten Christengeneration besteht, daß sie im Leben der Jünger, die Jesus während seines öffentlichen Wirkens gefolgt sind, Wurzel schlug und daß sie ihren Ursprung in der Taufe Jesu selbst hat. Auf diesen letzten Punkt werde ich gleich noch zurückkommen.

* * * * *

Wenn wir jetzt etwas Abstand gewinnen und uns nicht dieses oder jenes Einzelbild, sondern das ganze Mosaik anschauen, können wir eine sehr klare Gesamtvorstellung vom geweihten Leben als einem Gemeinschaftsleben bekommen. Das gilt selbstverständlich für jede christliche Lebensform. Aber es gilt in besonderer Weise für das geweihte Leben als sequela Christi nach dem Vorbild der ersten apostolischen Gemeinschaft.

Das Innenleben des Vaters, des Sohnes und des Geistes ist ein Liebesreigen, ein Leben ewiger, unendlicher Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft wollte Gott auf die Menschheit übertragen, als er den Mann und die Frau als sein Ebenbild schuf und ihnen seinen Lebensatem einhauchte. Um den Weg zurück zu der verloren gegangenen vollen Gestaltung nach Gottes Ebenbild vorzuzeichnen, hat der Vater seinen Sohn zu uns gesandt. Jesus ist nicht nur für alle der Weg zurück zum Vater; sondern er hat während seines Erdendaseins in der Lebensform, die er mit seinen direkten Jüngern gelebt hat - ein Leben der Keuschheit, der Armut, des Gehorsams gegenüber dem Vater, der Ver-kündigung des Wortes und der Liebe zu den "Kleinen" in brüderlicher Gemeinschaft -, das Beispiel einer besonderen Lebensform für diese Rückkehr zum Vater gegeben, eine Form, die wir angenommen haben, als wir unsere Ordensgelübde ablegten.

Diese geistliche Dimension des Ordenslebens als Gemeinschaftsleben soll das Thema des zweiten Teiles dieser Meditation sein.

II - Zweiter Teil: Das geweihte Leben als Gemeinschaftsleben

Das Endziel unseres geweihten Lebens ist es, dieses Geheimnis der Gemeinschaft, zu dem wir berufen sind und dessen Weg uns Jesus vorgezeichnet hat, in seiner Fülle zu verwirklichen.

Wir müssen diese Gemeinschaft auf allen Ebenen unseres täglichen Daseins leben. Wir sind aufgerufen, untereinander eins zu sein in jeder unserer lokalen Kommunitäten, eins zu sein mit der ganzen Kirche, eins zu sein mit unseren Brüdern und Schwestern in der Welt beim Aufbau einer neuen Kultur, eins zu sein mit den Geringsten und Ärmsten usw. Vor allem aber sind wir aufgerufen, eins zu sein mit Gott. Wenn ich sage "vor allem", so drückt dieses "vor" nicht eine zeitliche, sondern eine Priorität im Bedeutungsgrad aus, denn in allen anderen Gemeinschaftsformen verkörpert, verwirklicht und offenbart sich unsere Gemeinschaft mit Gott.

Ebenso wie es falsch wäre zu glauben, die Gemeinschaft mit Gott lasse sich allein im Gebet verwirklichen, noch bevor man zur Gemeinschaft mit den Menschen übergeht, wäre es eine Illusion anzunehmen, daß eine Gemeinschaft mit Gott durch das apostolische Wirken ohne eine ständige Begegnung mit Gott im Gebet möglich ist.

1) Gemeinschaft mit Gott im stillen Gebet

"Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest - sagt Jesus -, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist" (Mt 6,6). Das ist die erste Ermahnung, die Jesus zum Thema Gebet im Evangelium ausspricht. Es handelt sich also um eine kontemplative Begegnung von Herz zu Herz. Es handelt sich nicht um eine nebelhafte Begegnung mit einer abstrakten Gottheit, sondern um eine Begegnung mit unserem Vater.

Es handelt sich auch um ein ausdrückliches "Christus"-Gebet, denn Gott ist nur deshalb unser Vater, weil Jesus Christus der Erstgeborene von vielen Schwestern und Brüdern (Röm 8,29) ist und weil in ihm und durch ihn auch wir Töchter und Söhne des Vaters sind.

"Im Verborgenen", sagt Jesus. Diese Begegnung hat wie jede tiefe persönliche Beziehung Augenblicke der Vertraulichkeit und Verborgenheit nötig. Man verheimlicht seine großen Freundschaften nicht; im Gegenteil, man freut sich, daß alle Welt sie kennt. Aber selbst im Verborgenen sagen sich Freunde wieder und wieder die Dinge, die sie am tiefsten vereinen. Das gilt auch von unserer Freundschaft mit Gott; das ist eines der Gesetze der Inkarnation.

Wenn wir in Christus und durch Christus Gott als Vater begegnen, kommt diese Begegnung nicht zustande, ohne daß der Geist des Vaters und des Sohnes, der Liebesatem, der sie vereint, auf uns herab-kommt. Der hl. Paulus gibt uns im 8. Kapitel des Römerbriefes eine der schönsten Beschreibungen des christlichen Gebetes, die wir im Neuen Testament haben. Er sagt uns vor allem, daß wir nicht einen Geist empfangen haben, der uns zu Sklaven macht und uns Furcht einjagt, sondern einen Geist, der uns zu Söhnen und Töchtern macht und uns rufen läßt: Abba, Vater! (Röm 8,15).

In diesem Wort - Abba! - drückt Jesus sein ganzes Sein aus. Der Vater sagt von sich, daß er ganz in seinem Sohn ist, und wenn der Sohn antwortet "Abba", bringt er in diesem schlichten Wort sein ganzes Sein zum Ausdruck. Jesus ist Gebet. Wir dagegen, immer im Begriff, allmählich nach seinem Bild gestaltet zu werden, sind nicht Gebet, sondern sind unablässig dabei, Gebet zu werden.

Wir wissen nicht, worum wir beten sollen, sagt Paulus in demselben Kapitel, aber der Geist betet in uns mit einem Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können (Röm 8,26). Was ist dieses Seufzen, das den Geburtswehen ähnelt, anderes als der Ausdruck dieses Verlangens, das uns bei der Schöpfung in Fleisch und Herz gesenkt worden ist, diese Sehnsucht danach, daß das Bild Gottes in seiner ganzen Schönheit in uns wiederhergestellt werden möge? Dieses Seufzen des Geistes in uns ist der Atem Gottes selbst, den er am Schöpfungsmorgen dem ersten Menschen in die Nase geblasen hat. Schließlich ist in der von Jesus begründeten Heilsordnung das einzige Gebet, das es gibt, eben dieses Gebet des Geistes Gottes in uns. Alles, was wir sonst noch Gebet nennen und was eine große Bedeutung besitzt, ist nur ein Komplex von Mitteln, um dieses Gebet des Geistes in uns hervorbrechen zu lassen, um uns zu ermöglichen, uns mit ihm zu vereinen und es uns so zu eigen zu machen, daß in Anlehnung an Paulus auch wir sagen können: "Nicht ich bete; es ist der Geist Gottes, der in mir betet".

Die Intensität dieses Gebetes wird der Intensität unserer Liebe entsprechen. Und vielleicht vermögen wir in diesem Zusammenhang am besten den Sinn unseres Zölibats zu begreifen. In der frühen asketischen Literatur in syrischer Sprache, die dem Hebräischen und dem von Jesus gesprochenen Aramäischen sehr nahesteht, bedeutet der Name für den Asketen oder den Mönch - yahid -, der dieselbe Wurzel hat wie das für die Übersetzung des Namens des Messias gebrauchte Wort, soviel wie radikale Einfachheit, das heißt selbstverständlich das Fehlen jeder Doppelzüngigkeit, aber auch das Fehlen jeder Spaltung des Herzens zwischen Gott und etwas anderem, zwischen Gott oder dem Mammon. Ist unser Herz zwischen Gott und etwas anderem geteilt? Dann muß es "abgehauen" werden. "Wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, sagt Jesus, dann hau sie ab...".

Durch den Zölibat und die Jungfräulichkeit des geweihten Lebens bringen wir zum Ausdruck, wie sehr wir von der Liebe, die Gott für uns wie für die ganze Menschheit hat, bezaubert sind und uns völlig von dieser Liebe durchtränken lassen wollen. Wir selbst möchten ihn lieben mit der ganzen Liebe, mit der er uns geliebt hat. Während die große Mehrheit der Frauen und Männer dazu berufen sind, ihre Gottesliebe in der ausschließlichen Liebe eines Ehepartners zu verkörpern, sind wir dazu berufen, unsere Liebesfähigkeit ungeteilt auf Ihn zu zentrieren, damit sich diese Liebe dann auf die anderen ergießen kann, nicht als eine Liebe, die unsere wäre und eine Erwiderung verlangt, sondern als eine ganz ungeschuldete Liebe zu Ihm.

Diese schwerwiegende Selbstaufgabe - vielleicht ist es besser, von Selbstverleugnung zu sprechen, wie das menschgewordene Wort Gottes, das "Gott gleich war, aber nicht daran festhielt, wie Gott zu sein" (Phil 2,6) - dieser schwerwiegende Verzicht, den das Keuschheitsgelübde darstellt, kann nur dann unversehrt gelebt werden, wenn es eine leidenschaftliche Liebe zu Gott gibt, der unablässig in der Zurückgezogenheit des stillen Gebets, "im Verborgenen" zu uns spricht, wo er zuerst ständig gehört und empfangen wird.

Bei diesen "heimlichen Begegnungen" und bei diesem Austausch mit dem Vater empfangen wir auch die Salbung, die bewirken kann, daß unsere Jungfräulichkeit nicht ein Verdorren des Gefühlslebens bedeutet, sondern uns im Gegenteil allmählich eine Freiheit des Herzens verleiht, die uns erlaubt, alle Männer und Frauen zu lieben, die wir auf unserem Weg antreffen, und vor allem diejenigen, die das am nötigsten haben: die vom Leben und von der Liebe Verletzten und Verwundeten.

Unser Gebet, das täglich in diesen Augenblicken stiller Begegnung genährt wird, wird allmählich zu einem ständigen Gebet. Das ist die zweite Lehre Jesu über das Gebet: "Ihr sollt allezeit beten" (Lk 18,1; 1 Thess 5,17).

Im Laufe der christlichen Tradition sind verschiedene "Gebetsmethoden" entwickelt worden. Die traditionellste und zweifellos "christlichste" von allen ist die lectio divina, das heißt die aufmerksame Lesung des Gotteswortes, die dieses Wort in uns eindringen läßt, uns persönlich anspricht und uns nach und nach und unmerklich verwandelt. Andere Methoden wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte und selbst in unserer Zeit entwickelt. Viele Christen haben sich zumindest auf einem Teil ihrer geistlichen Wegstrecke die Anwendung von Methoden zunutze gemacht - und tun das noch immer -, die in anderen großen religiösen Traditionen entstanden sind. Auf alle diese Methoden läßt sich das Wort Jesu anwenden: Den Baum erkennt ihr an seinen Früchten (Mt 7,16).

Wichtig ist, uns daran zu erinnern, daß keine Methode das Gebet hervorbringen kann. Jedes christliche Gebet ist ein reines Geschenk des Geistes. Wir können nur bereit sein, dieses Geschenk zu empfangen, einerseits durch die Lauterkeit unseres Lebens und indem wir andererseits im Augenblick der Begegnung "im Verborgenen" in unserem Herzen Frieden schließen, um uns von der Gegenwart Gottes ergreifen zu lassen, die uns ständig umfängt, auch wenn wir uns dessen nur zu oft gar nicht bewußt sind. Jede Methode, die uns hilft, in uns Hindernisse gegen das Wirken des Geistes zu beseitigen, oder die in uns leiblich und seelisch die Ruhe wiederherstellt, die uns aufmerksam sein läßt, ist eine beträchtliche Hilfe für das Gebet.

Wenn Gott uns einlädt, diese Gemeinschaft mit ihm im Sohn zu leben, dann muß sich diese Gemeinschaft in der Kirche offenbaren und verwirklichen. Denn die Kirche ist das Sakrament, in dem dieses Geheimnis der Gemeinschaft mit Gott in dem sichtbaren Zeichen von Jüngern Jesu gegenwärtig wird, die ihre Gemeinschaft im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung sowohl durch ihr tägliches Leben wie durch die sakramentale Gepflogenheit zum Ausdruck bringen.

2) Gemeinschaft in der Kirche

Die Kirche, wie sie uns die Konstitution Lumen gentium des II. Vatikanischen Konzils beschreibt, ist vor allem ein Mysterium (mysterion - sacramentum) der Gemeinschaft. Sie ist das Werkzeug, das Medium, durch das Christus, der das "Ur-Sakrament", die volle sichtbare Offenbarung der Gemeinschaft zwischen Gott und der Menschheit in dem menschgewordenen Gott ist, in der Welt weiter so gegenwärtig ist, daß wir ihm allezeit in seiner Menschlichkeit wiederbegegnen können. Sie ist dieses sichtbare Zeichen durch das sakramentale Tun, in dem sie ihrem Glauben an das unter verschiedenen Aspekten geoffenbarte Heilsmysterium sichtbaren Ausdruck verleiht und in dem sie das empfängt, was sie verkündet. Sie ist dieses Zeichen so, daß sie mit seiner Hilfe durch ihre Mitglieder die Seligpreisungen lebt. Und das Gesetz der Inkarnation verfügt, daß diese "Gemeinschaft der Heiligen" auch alle Grenzen habe, die einer menschlichen Gesellschaft anhaften, genauso wie der Sohn Gottes bei seiner Menschwerdung alle dem irdischen Dasein anhaftenden Grenzen angenommen hat.

Als Ordensleute leben und erleben wir dieses Geheimnis kirchlicher Gemeinschaft auf mehreren Ebenen:.

    in unserem sakramentalen Leben und liturgischen Gebet, wo diese Gemeinschaft täglich Nahrung erhält und sichtbar zum Ausdruck kommt;

    in unseren lokalen Kommunitäten, von denen jede einzelne sichtbarer Ausdruck des unverkürzten Geheimnisses der kirchlichen Gemeinschaft ist;

    bei unserer Beteiligung an der Sendung der Evangelisierung und Humanisierung, die Jesus seiner Kirche aufgetragen hat;

    durch unsere Gemeinschaft in einem reifen, demütigen und aufrichtigen Gehorsam gegenüber denen, die in der Gesamtkirche wie in unseren Kommunitäten im Dienst der Gemeinschaft ein Oberenamt zu erfüllen haben.

Und in diesem Zusammenhang müssen wir daher unser Gehorsamsgelübde verstehen. Dazu müssen wir noch einmal auf den Christushymnus im zweiten Kapitel des Philipperbriefes zurückkommen. Zuerst sei aber noch auf den Zusammenhang hingewiesen, in dem Paulus diesen Hymnus zitiert.

Paulus ist dabei, die Philipper zu brüderlicher Gemeinschaft zu ermahnen; und er tut das mit einer Leidenschaftlichkeit, die erkennen läßt, daß diese Gemeinschaft den Philippern damals keineswegs leichter gefallen ist als das im allgemeinen für uns gilt: "Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen..." (Phil 2,1). Und wozu ermahnt er sie? Zu sehr einfachen Dingen, die uns aber, wie wir ins unserem Gemeinschaftsleben erfahren haben, oft große Schwierigkeiten bereiten: "... [seid] eines Sinnes, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, ... [tut] nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst; jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen" (Phil 2,2-4). Und als Vorbild für all das nennt Paulus hier Christus, genauer den gehorsamen Christus.

"Seid einander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht" (Phil 2,5), sagt er. Und dann zitiert er den Hymnus auf Christus, der sich völlig jeden Vorrechtes "entäußert hat, der gehorsam war bis zum Tod...". Für Paulus ist der Gehorsam die höchste Form der Liebe. Der Gehorsam ist die einzige Liebesform, die völlig ungeschuldet ist. Die Liebesform, wo man wie Christus und mit Christus auf jedes Vorrecht, auf jedes Recht wissentlich verzichtet. Und nun kann man wie Christus alles als Geschenk empfangen: "Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen" (Phil 2,9).

Auch in der Gehorsamspraxis machen wir sehr oft die Erfahrung der Grenzen, die der Kirche als menschliche Wirklichkeit (die sie auf Grund des Gesetzes der Inkarnation ist) anhaften. Ebenso erfahren wir hier unsere eigenen Grenzen, wie schwer uns die Abtötung unseres eigenen Willens fällt: "Wer sein Leben retten will, wird es verlie-ren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 16,25).

Der Gehorsam gegenüber der Kirche ist schließlich der Gehorsam gegenüber den Ansprüchen der Sendung, die zu verwirklichen wir alle verpflichtet sind, die aber Gott keinem von uns einzeln, sondern seiner Kirche als ganzer, das heißt seinem Volk, aufgetragen hat. Und dieses Volk ist konstituiert als gegliederte Gesellschaft mit einer Dienst- und Ämterhierarchie.

3) Gemeinschaft in der Ausübung der Sendung

Die Kirche existiert nicht um ihrer selbst willen. Wenn es in der Kirche Personen gibt, die die Verantwortung für die Ausübung einer Sendung in bezug auf andere Mitglieder der Kirche haben, gilt ihre Sendung nicht ihr selbst, sondern der Welt. "Geht zu allen Völkern ... und lehrt sie..." (Mt 28,19).

Seitdem Jesus auferstanden ist, seitdem er selbst in seinem Menschsein alle Grenzen unserer menschlichen Existenz hier unten transzendiert, ist er zu allen Zeiten und an allen Orten gegenwärtig; er identifiziert sich gewissemaßen mit jedem menschlichen Wesen. Wir können ihm in jeder Frau und jedem Mann persönlich begegnen, die wir auf unserem Weg antreffen oder auf die wir auf Grund unserer Berufung zugehen sollen - auch abseits unseres Weges! Doch Jesus hat uns mit aller Klarheit enthüllt, daß er sich vor allem mit denen identifiziert, die das Evangelium die "Kleinen" nennt.

Das Evangelium spricht in der Tat von zwei sich ergänzenden Erfahrungen der Gottesbegegnung. Da gibt es zuerst die Begegnung mit dem Vater in der Verborgenheit des kontemplativen Gebetes, wovon wir zu Beginn gesprochen haben. Aber es gibt auch die Begegnung mit Christus, der sich mit dem Kranken, mit dem Gefangenen, mit dem Flüchtling identifiziert, wie Jesus im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums sagt: "Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben....; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen, usw. Oder habt ihr nichts von alledem getan... Was ihr für einen der Geringsten dieser Welt getan oder nicht getan habt, das habt ihr mir getan oder aber mir nicht getan" (vgl. Mr 25, 35-45). Diese beiden Gottesbegegnungen ergänzen einander und gehören untrennbar zusammen. Wir können auf Grund unserer Berufung der einen von beiden in unserem Leben den Vorzug geben, aber wir dürfen deshalb nicht die andere leugnen. Das kontemplative Gebet unter gleichzeitiger Nichtbeachtung der "Kleinen" wäre eine Illusion; und der Dienst an den Kleinen, ohne Gott in der Stille des Herzens Aufmerksamkeit zu schenken, wäre eitler Aktivismus.

Diese Gemeinschaft mit Gott, die in der und durch die Gemeinschaft mit den Geringsten verwirklicht wird, findet nicht nur am Ende des Evangeliums, im 25. Kapitel bei Mathhäus, Erwähnung. Von ihr ist bereits am Anfang des Evangeliums die Rede, sogar noch vor der Ermahnung Jesu zum Gebet in der Stille des Herzens. Sie findet sich in den Seligpreisungen, mit denen die Bergpredigt eröffnet wird. Wenn Jesus sagt, "Selig, die arm sind..., selig die Trauernden..., selig, die verfolgt werden usw." (Mt 5,3-11), bietet er nicht einfach geistliche Tröstung (Schmerzstillung) an, die das Elend dieser Welt tragen hilft in der Erwartung, sich der Güter der künftigen Welt zu erfreuen. Er nennt im Gegenteil die Armen, die Kranken, die Verfolgten deshalb selig, weil er gekommen ist, sie von diesen Leiden zu befreien. Das sagt er sehr deutlich in seiner Antwort an die Jünger des Johannes, der ihn fragen läßt: "Bist du der, der kommen soll?" Seine Antwort lautet: "Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen .... und den Armen wird das Evangelium verkündet" (Mt 11,2-6). Das ist das Zeichen dafür, daß das Reich Gottes angebrochen ist. Die Jünger haben den Auftrag, das fortzusetzen, was Jesus begonnen hat. Die Seligsprechungen sind also keine Tröstung für die Trauer und Trübsal wegen der jetzigen Leiden, sondern sie sind ein Auftrag an seine Jünger, die Menschheit von diesen Leiden zu befreien.

Hier zeigt uns noch Jesus den Weg. Er ist gekommen, um uns von unseren Leiden und unserem Elend zu befreien. Aber was war seine erste Reaktion? Sie bestand darin, daß er unser ganzes Elend auf sich nahm, in allen unseren Leiden mit uns eins wurde, unsere ganze Armut annahm. Hierin können wir den Sinn unseres dritten Gelübdes, des Armutsgelübdes, finden. Durch dieses Gelübde wollen wir mit dem Christus eins werden, der aus freien Stücken arm geworden ist, der auf alle seine Vorrechte verzichtet und sich entäußert, freigemacht hat. Wir wollen auch eins sein mit allen Armen dieser Welt, mit denen, die niemals die Chance hatten zu wählen, ob sie arm sein wollten oder nicht. Wir haben diese Chance gehabt. Solange das Reich Gottes auf Erden noch nicht voll Wirklichkeit geworden ist, solange die Christen ihre Sendung nicht ganz erfüllt haben, wird es Arme geben. Und wir wollen damit, daß wir uns durch unser Armutsgelübde für einen einfachen Lebensstil entscheiden, unsere Solidarität und unsere Gemeinschaft mit ihnen allen zum Ausdruck bringen.

4) Zeugen der Gemeinschaft angesichts der Spaltungen

Die radikale Selbstentäußerung Christi und sein Gehorsam haben ihm den Tod, den Tod am Kreuz eingebracht. Er hat an seinem Leib die Spaltung erlebt, die sich im Herzen jedes Menschen und zwischen den Menschen findet. Diese Spaltung gibt es leider auf verschiedenen Ebenen selbst in der Kirche, der Gemeinschaft derer, die sich Jünger Christi nennen und es auch sein wollen.

Wir denken dabei nicht bloß an die jahrhundertealte Spaltung zwischen den Ostkirchen und den Kirchen des Abendlandes, die das Ergebnis von Jahrhunderten gegenseitigen Unverständnisses ist; oder an die Spaltung zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen im Abendland, die ihrerseits aus unterschiedlichen Auffassungen über die Notwendigkeit einer Reform in der Kirche hervorgegangen sind. Wir denken auch an alle Spannungen, selbst innerhalb der katholischen Kirche, zwischen verschiedenen Einschätzungen der Beiträge der Moderne, zwischen einem Flügel, der sich eher liberal gibt bzw. so genannt wird, und einem Flügel, der konservativer sein will bzw. als solcher betrachtet wird.

Als Ordensleute, die auf ganz besondere Weise der Gemeinschaft verpflichtet sind, sollten wir nicht nur in der ökumenischen Bewegung wirksam tätig sein, sondern uns auch innerhalb unserer katholischen Kirche als aktive Vertreter von Gemeinschaft erweisen. Jede Haltung von Verhärtung, sei es in bezug auf die Hierarchie oder in bezug auf andere Gruppen oder andere Bewegungen in der Kirche steht im Widerspruch zum eigentlichen Wesen unseres geweihten Lebens. Und wenn wir das Ziel von Kritik oder Mißverständnissen oder gar Verfolgung sind, woher immer sie kommen mag, vergessen wir nicht die Ermahnung Jesu, die andere Backe hinzuhalten. Mit dieser Geste wird man für die Gemeinschaft mehr tun als mit allen Kampagnen und Kreuzzügen.

Aber es sei nochmals gesagt: die Kirche existiert nicht um ihrer selbst willen. Sie ist mit einem Auftrag in die Welt gesandt. In dieser Welt begegnet sie Gläubigen anderer religiöser Traditionen. Mit der schwindelerregenden Entwicklung der Kommunikationsmittel während der letzten Jahrzehnte, mit den Bevölkerungsbewegungen - oft durch Kriege verursacht - und der sich daraus ergebenden massiven Begegnung der Kulturen erleben wir in der heutigen Zeit eine immer häufigere Begegnung der Religionen in allen Teilen der Welt. Nicht nur weil wir in besonderer Weise zur Gemeinschaft berufen sind, sondern auch weil viele unserer Ordensinstitute über die ganze Welt verstreut sind, muß unsere Gemeinschaft mit Gott in einem Bemühen um Dialog und Gemeinschaft mit all denen Ausdruck finden, die gleichfalls das Bild Gottes in sich tragen und die sich, unter dem Wirken des Geistes, der seit Jahrtausenden in ihren Religionen am Werke ist, auch mit verschiedenen Mitteln um die Wiederherstellung dieses Bildes bemühen.

Manche von uns sind zu einer spezifisch missionarischen Arbeit berufen. Wir alle sind zu der Gemeinschaft berufen, die darin besteht, in unseren Brüdern aus anderen Religionen die semina verbi wahrzunehmen, von denen das II. Vatikanische Konzil spricht, in ihnen das geheimnisvolle Wirken des Geistes wahrzunehmen und es zu respektieren. Wir sind nicht alle zu einem spezifischen Engagement im interreligiösen Dialog berufen, der seine großen Schwierigkeiten mit sich bringt; aber wir sind alle aufgerufen, unserer Gottesliebe in einem Dialog über die Grenzen hinweg Ausdruck zu verleihen, denn nach einer (in dem Apostolischen Schreiben Vita consecrata zitierten) Äußerung Pauls VI. ist Dialog der neue Name für Nächstenliebe.

Und heutzutage, wo viele unserer Ordensgemeinschaften ihren Nachwuchs überwiegend aus den jungen Kirchen erhalten, ist es sehr wichtig, daß sich dieser interreligiöse Dialog nicht nur auf die großen Weltreligionen, wie Hinduismus und Buddhismus, sondern auch auf die verschiedenen religiösen Traditionen Afrikas und Amerikas sowie diverser asiatischer Länder erstreckt.

5) Gemeinschaft mit dem Kosmos

Kehren wir noch einmal einen Augenblick zu dem zweiten Bild zurück, das wir betrachtet haben: das Bild von der Entstehung des Alls, wo wir den Geist Gottes wahrnahmen, der über dem Wasser schwebte und es befruchtete, und wo wir alle Elemente des Kosmos aus dem Wort Gottes entspringen sahen: "Gott sprach und...". Die ganze geschaffene Natur ist demnach ein Spiegelbild der göttlichen Schönheit. Die Schönheit der Schöpfung selbst beruht auf ihrer Harmonie, die Frucht des Wirkens des Geistes ist. Diese Harmonie und diese Schönheit wurden zerstört, als durch die vom Egoismus des Menschen vorangetriebene Erschließung und Ausbeutung der Natur das einigende Wirken des Geistes zunichte gemacht wurde.

Im 8. Kapitel des Römerbriefes, das wir schon gehört haben und wo uns Paulus sagt, daß wir nicht wissen, worum wir beten sollen, daß aber der Geist Gottes in uns betet mit einem Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können, spricht der Apostel auch davon, daß dieses selbe Seufzen auch in der Schöpfung vorhanden ist. Die gesamte Schöpfung - sagt er - seufzt und liegt in Geburtswehen in Erwartung der vollen Verwirklichung der Offenbarung von der Gotteskindschaft (Röm 8,22).

In der heutigen Zeit, wo die geschaffene Natur durch die Eingriffe der Menschen bedroht ist, wo aber überdies die Sorge um die Umwelt leicht zum Anlaß von Konflikten und ideologischen Auseinandersetzungen werden kann, müssen wir, Ordensmänner und Ordensfrauen, imstande sein, im Namen unserer Berufung zur Gemeinschaft diese Sorge um die Umwelt als eine Gemeinschaft mit der von Gott geschaffenen Natur und damit als einen weiteren Ausdruck unserer Gemeinschaft mit Gott selbst zu leben. Wie Jesus, der den Frieden wiederherzustellen und, auf dem Wasser wandelnd, den Sturm durch ein Wort zu beruhigen vermochte, müssen wir unsere Gemeinschaft mit der geschaffenen Natur in einer Weise leben können, die es dem Wort, das wir überbringen, erlaubt, in sie einzudringen und ihr das Leben zu schenken.

Die Gemeinschaft mit dem Geist, der in der gesamten geschaffenen Natur seufzt, ist eine wesentliche Dimension einer Spiritualität des fleischgewordenen Wortes.

6) Gemeinschaft durch das Kreuz und über das Kreuz hinaus

Wir kommen jetzt abschließend auf das Bild von der Verklärung zurück. Wovon sprach Jesus mit Elija und Mose? - Von seinem bevorstehenden Tod in Jerusalem (Lk 9,31). Wie weit ist Jesus gehorsam gewesen? - Bis zum Tod, zum Tod an einem Kreuz. Wie weit hat er uns geliebt? - Er hat mich so geliebt, daß er für mich gestorben ist, rief Paulus aus.

Wir können infolgedessen nicht vorgeben, eine tiefe Gemeinschaft mit Christus zu leben, ohne die Gemeinschaft mit seinem Kreuz zu akzeptieren. Jesus hat denen, die, um ihm zu folgen, alles verlassen, das Hundertfache versprochen .... unter Verfolgungen (Mk 10,30). Der Sklave ist nicht größer als sein Herr, sagte er weiter: "Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen" (Joh 15,20).

Seit den Anfängen des Christentums haben Christen den Tod auf sich genommen, um von Christus Zeugnis zu geben. Unter den zahlreichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts, für das man auf Wunsch des Heiligen Vaters das Martyrologium erstellt hat, finden sich neben vielen Laien und vielen Priestern und Bischöfen eine große Zahl von Ordensleuten. Sie haben es auf sich genommen, ihre Gemeinschaftsspiritualität bis zum Ende zu leben, bis zu den radikalsten Anforderungen, die sich aus der Gemeinschaft mit Gott, mit dem verfolgten Christus, mit den Kleinen dieser Welt, mit allen namenlosen Opfern von Kriegen und Ausbeutungen des Menschen durch den Menschen ergeben.

Diese Märtyrer sind für uns Vorbilder. Wahrscheinlich werden wenige unter uns zu diesem letzten Zeugnis für die Gemeinschaft berufen sein. Aber wir alle sind dazu berufen, das Kreuz in unserem Leben anzunehmen. Ob es in Gestalt der Verfolgung von seiten der "Welt" oder vielleicht gar von seiten der Unsrigen auf uns zukommt, ob es sich in Gestalt verborgener Leiden, mangelnden Verständnisses oder Krankheit einstellt. Es ist immer dieses selbe reinigende Feuer, das allmählich die Bedürfnisse zum Schweigen bringt, auf deren Befriedigung wir auf Grund unserer Gelübde verzichten, und die "Sehnsucht" in uns wachsen läßt. Die Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, nach der vollen Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes. Die Sehnsucht, die das Seufzen des Geistes ist, das letzten Endes das einzige bleibende Gebet ist, wenn alle unsere Worte verstummt sind und wir in das Ur-Schweigen zurückgeführt werden, wo das Leben entsteht.

Er war gehorsam bis zum Tod... Darum hat ihn Gott erhöht... Wo ich bin, dort sollt auch ihr sein...

Schluß

Wir wollen schließen mit einem Blick auf das Bild vom Letzten Abendmahl. Nachdem Jesus seinen Jüngern noch einmal das Gebot der Liebe gegeben hat, verheißt er ihnen die höchste Gemeinschaft. "Wenn ihr meine Gebote haltet ... (das heißt, alle Formen von Gemeinschaft, zu denen wir von ihm berufen werden), wird mein Vater euch lieben. Wir werden zu euch kommen und bei euch wohnen".

In wahrhaft spirituellen Augenblicken sehnen wir uns zutiefst danach, bei Gott zu wohnen. Vergessen wir nicht, daß er sich danach sehnt, bei uns zu wohnen. Werden wir dem Vater, dem Sohn und dem Geist erlauben, bei uns zu wohnen?