Armand Veilleux
Betrachtung über den Gehorsam
Das Bild Gottes im Menschen
Geschaffen nach dem Bilde Gottes, ist der Mensch berufen,
vollkommen zu werden sein Vater vollkommen ist. Das Leben, das ‑ nach dem
schönen Bild im Buch Genesis ‑ seiner Nase am Schöpfungsmorgen
eingehaucht wurde, ist zu Wachstum ohne Ende berufen. Der Mensch ist nicht nur
dazu geschaffen, zu haben in Fülle, sondern er trägt auch in sich eine Dynamik
des Wachstums, die göttlichen Ursprungs ist.
An diesem Punkt
findet sich die Grundlage jeder Ethik. Der Mensch trägt einen Samen des
göttlichen Lebens in sich. Alles, was das Wachstum dieses Lebens respektiert
und fördert, ist gut. Alles, was es behindert oder schädigt, ist schlecht. Das
Trachten nach dem Leben ist der Plan Gottes, der mitten ins Herz eines jeden
Menschen eingeprägt ist. Sünde ist die Weigerung, zu leben und zu wachsen, ist
Lockung des Todes. »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben," sagt
Jesus", und damit sie es in Fülle
haben!«
Gott hat den Menschen frei geschaffen. Er hat ihn in die
Welt gestellt und ihn zum Herrn der Schöpfung eingesetzt. Er hat ihm die
Verantwortung anvertraut, die Welt in eigenes Leben aufzubauen und die Mittel
zu wählen, die deren Wachstum begünstigen und leiten. Weil er frei und
verantwortlich ist, muß der Mensch über jede seiner Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Kein anderer, selbst Gott nicht, wird diese Entscheidungen an seiner
Stelle treffen noch sie verantworten.
Als sich der Mensch in ältesten Zeiten dieser Dynamik des
Lebens in sich selbst bewußt wurde und begann, seine Beziehung zum Ursprung des
Lebens, der jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Welt liegt, zu erfahren, hat er
ganze Systeme von Mythen, Glaubenswelten und Riten ausgearbeitet, um diese
Erfahrung auszudrücken, zu nähren und in der Erinnerung zu verewigen. Er fühlte
sich gerufen, in tiefe Vereinigung mit dieser Wirklichkeit einzutreten, die er
mitunter "Gott"
nannte. Doch diese Wirklichkeit schreckte ihn auch.
Knechtschaft unter dem Gesetz
Darüber hinaus schreckte ihn seine eigene Freiheit immer
mehr, weil er so häufig scheitere. Daher erfuhr er den Gott, den er vor allem
als die Quelle seines Lebens
Anmerkung d. Schriftl.: Der
Aufsatz erschien zuerst französisch in Collectanea Cisterciensia 40 (1978)
300-309; in der Abtei Maria Frieden wurde er ins Deutsche übertragen. - Zur
Problematik des Themas vergleiche die Bemerkung zum Beitrag" Vom
Ordensberuf " auf Seite 3o6 dieses Heftes!
wahrgenommen hatte, als die Wirklichkeit, die zuinnerst
im Grunde seiner selbst war, nun als einen Herrschaft ausübenden Meister und
als Gesetzgeber.
Mit dieser Ausrede entledigte der Mensch sich seiner
Verantwortung seine eigenen Entscheidungen zu treffen und jeweils seine eigene
Wahl vorzunehmen, und überließ diese Mühe Gott. Durch die Religion, die aus der
Wahrnehmung der Quelle seiner Freiheit geboren worden war, machte er sich jetzt
selbst zum Sklaven.
Die religiöse Erfahrung Israels ‑ einzigartig unter
mehr als einem Gesichtspunkt ‑ hat sich jedoch in diesem Kontext
entwickelt und ist davon nur allmählich und nur teilweise losgekommen. Jahwe
wurde zuerst als Gesetzgeber gesehen, der seinem Volke seinen Willen
vorschrieb. Neu jedoch war an der religiösen Erfahrung Israels die Erfahrung
eines »Gott‑mit‑dem‑Menschen«, eines Immanuel, der dem
Menschen im Herzen seiner menschlichen Geschichte begegnete, an seinen Kämpfen
teilnahm und die Abenteuer eines Bundes mit ihm erlebte.
Die großen Propheten Israels erkennen und stellen Jahwe
folglich dar als einen liebenden Vater und sogar als eine Mutter, oder gar als
eine Braut, die eifersüchtig verliebt ist. Ja, sie gewahren ein neues Zeitalter
und verkünden es: eine Zeit der Menschheitsgeschichte, in der der Mensch von
neuem wie am Schöpfungstag den Willen seines Gottes lesen kann ‑ nicht
mehr auf Steintafeln oder auf den Pergamenten seiner Gesetzgeber, sondern in
seinem eigenen Herzen, in den tiefsten Strebungen seines Wesens, das geschaffen
ist nach dem Bilde Gottes und von seinem Anhauch beseelt. Diese Befreiung aus
dem Stand der Knechtschaft, in den der Mensch sich selbst versetzt hatte,
sollte in der Person Jesu von Nazaret zur vollen Verwirklichung kommen.
Jesus, der freie und radikal gehorsame Mensch
In Jesus hat der Same des Lebens, der am Schöpfungstage
in den Menschen eingesenkt wurde, sein volles Wachstum erlangt. Alles in ihm
ist Leben, keinerlei Verweigerung des Wachsens. Als Menschensohn, von der Erde
geboren, ist er zugleich Gottessohn,
eins mit dem Vater. Er hat keine andere Verhaltensregel als den Willen
des Vaters. Das bedeutet nicht, daß er »Befehlen« gehorcht, die er von seinem
Vater erhält. Das soll eher heißen, daß ER nur ein einziger Wille zusammen mit
dem Vater IST, so, daß sein allerpersönlichster Wille mit dem des Vaters
identisch ist. Seine Sendung ist
identisch mit seinem Wesen, und sein Wesen ist eins mit dem Vater. Er ist darum
radikal gehorsam, weil er durch die ureigene Wurzel seines Wesens gehorsam ist.
Er ist das Menschenwesen, in dem die freiung von jedem Gesetz oder jedem von
außen kommenden Willen völlig verwirklicht wurde.
Das große und schöne Geheimnis dabei ist, daß Jesus von
Nazaret diesen Gehorsam gelebt hat innerhalb einer Erfahrung normalen
menschlichen Wachstums. Er hat seine Sendung schrittweise entdeckt. Er hatte
ständig menschliche Entscheidungen zu treffen und benutzte dabei dieselben
Mittel der Unterscheidung wie jedes andere menschliche Wesen. Er mußte zu einem
bestimmten Zeitpunkt entscheiden, ob er
seinen Beruf als Zimmermann in Nazaret weiter ausüben oder sich auf die Straßen
von Galiläa und Judäa begeben sollte. Er mußte entscheiden, ob er sich nach der
Unterweisung der Gesetzeslehrer und ihrem religiösen System richten sollte oder
nicht; weiter, ob er sich beim Fest in Jerusalem zeigen sollte usw. Wenn er bei jeder einzelnen dieser
Gelegenheiten den Willen seines Vaters tat, so nicht auf Grund einer besonderen
Offenbarung dieses Willens, sondern weil er jedesmal diejenige Wahl getroffen
hat, die seiner Sendung entsprach, das heißt, seinem eigen tiefen Wesen, das
eins ist mit dem Vater.
Ein besonders wichtiger Augenblick bei der Entdeckung
seiner Sendung war sicherlich der Moment, als er bei seiner Taufe die Stimme
des Vaters vernahm: »Du bist mein geliebter Sohn.« Aber vielleicht lag der
wahre Wendepunkt seines Lebens schon ein wenig früher, in dem Augenblick, da er
Nazaret verläßt und eine volkommen neue Lebensweise annimmt. Ein solcher Bruch
in seinem Leben, der ihn befreit von den Konventionen der religiös‑sozialen
Umwelt und ihn auf einen Weg der Einsamkeit schickt, war das nicht der radikale
Schritt, der sein menschliches Bewußtsein öffnete, so daß es zur Zeit der Taufe
für die volle Wahrnehmung seiner Sendung fähig war?
Paradox daran ist, daß für den oberflächlichen Beobachter
Jesus von diesem Moment an praktisch
aufhört, gehorsam zu sein. Wenn man eine kurze Eskapade im Alter von 12 Jahren
ausnimmt, hat er sich bis dahin allen Forderungen seiner gesellschaftlichen und
religiösen Umwelt angepaßt und war von diesem Milieu geformt. Die Art und Weise, wie seine Mitbürger ihre
Überraschung zum Ausdruck bringen, als er anfängt, sich »eigenartig« zu
benehmen, zeigt gut, daß er bis dahin ein treuer Beobachter der
gesellschaftlichen und religiösen Bräuche und Pflichten seines Vollkes sowie
der überlieferten Lehre der Schriftgelehrten und Gesetzeskundigen gewesen war,
der in nichts auffiel. Doch plötzlich fängt er an ‑ bewegt von der
inneren Wahrnehmung seiner Sendung ‑, einen einsamen Weg einzuschlagen,
jenseits all dieser Wegmarken, geführt allein von dem Licht, das in seinem
Herzen brennt.
Sein Gehorsam wird von da an die radikale Treue gegen
diese Schau, gegen seine Wahrnehmung Gottes sein ‑ unvereinbar mit
derjenigen, die die geistlichen Führer des Volkes haben. Diese Treue
Wird ihn in den Tod führen, denn sobald er begonnen hat,
als völlig freier Mensch zu leben, ist er lästig und gefährlich geworden für
die bestehenden Mächte, sowohl die religiösen wie die bürgerlichen Gewalten.
Schließlich hat die Knechtschaft auch ihre Vorteile, und
die Menschen hören den Aufruf zur Freiheit niemals gern! Besonders jene, die
der Macht versklavt sind, die sie selbst in Händen halten. Wie könnten sie
jemanden ungestraft durch diesen Ruf das System abbrechen lassen, das sie so
sorgfältig etabliert haben?
Andere vor und nach ihm haben dieselbe Erfahrung gemacht.
Paulus von Tarsus ist ein gutes Beispiel. Bis zu seiner Bekehrung ist er
vollkommen gehorsam, beobachtet in größter Treue die religiösen Überlieferungen
seines Volkes. Der gesellschaftliche
und kulturelle Kreis, in dem er sich bewegt, stellt einen verläßlichen, Sicherheit bietenden Rahmen für seine
Existenz dar. Doch eines Tages erhält er die Gnade, von seinem hohen Roß
herabzusteigen: er begegnet Jesus und entdeckt
sein eigenes Herz. Er wird sofort sehr demütig ‑
und zugleich das aufreizendste aller freien Wesen. Er kann nicht verleugnen,
was er wahrgenommen hat, und es wird
ihm zur Norm seines Handelns. Er ist lästig für alle, bei den Christen
angefangen. Die von Damaskus sind übrigens nur allzu glücklich, ihn in einen
Korb verfrachten und über die Stadtmauer hinabgleiten lassen zu können, und die
von Jerusalem expedieren ihn schleunigst ab nach Tarsus. Um seiner eigenen
Sicherheit willen, selbstverständlich. Aber es ist doch interessant, den Schluß
dieser Erzählung in der Apostelgeschichte zu lesen: »... Sie begleiteten ihn
nach Tarsus. Die Kirchen in Judäa, Galiläa und Samaria blieben daraufhin in
Frieden..."
Auch er wird gehorsam sein bis zum Tode.
Der Mensch auf der Suche nach seinem Herzen
Ein solch radikaler Bruch wie im Leben Jesu und Pauli,
der den Anfang eines persönlichen Weges in Einsamkeit bezeichnet, jenseits der
Unterstützung durch das umgebende religiöse Milieu, ist eine Wirklichkeit, die
nicht nur ihnen zuteil geworden ist, weit gefehlt! Sie entspricht im Gegenteil
einer menschliche Erfahrungsweise, welche die uns bekannte Geschichte immer
wieder aufweist, bis zurück nahezu zweitausend Jahre vor Jesus. Jede Kultur und
jede Religion bildet ein System, dazu bestimmt, die einzelnen zu formen und zu
tragen in einer vorgegebenen Art und Weise menschlicher und religiöser
Erfahrung. Doch in jeder Kultur gibt es auch einzelne, die sich an einem
bestimmten Punkt ihrer Entwicklung gerufen fühlen, aus Treue zu ihrem tiefen
Wesen über das hinauszugehen, was der Rahmen oder die tragende Kraft ihrer
gesellschaftlichen und religiösen Umwelt erlaubt. Wenn sie anderen suchenden
Einzelgängern begegnen oder Schüler haben, die gekommen sind, um sich im
Kontakt mit ihrer Erfahrung heranzubilden, so entwickeln sie eine Subkultur
innerhalb der kulturellen Umgebung, als einen Rahmen, der eine besondere Lebens‑
und Erfahrungsweise hervorbringen und tragen soll. Alle Mönchsbewegungen sind
so entstanden, in Indien, Griechenland, Israel ‑ schon vor dem
christlichen Mönchtum. Was suchen alle diese Menschen auf die eine oder andere
Weise, mehr oder weniger bewußt? Den Willen Gottes zu entdecken, und zwar durch
die Entdeckung ihres eigenen Herzens. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht
die Antwort des alten Palamon an den jungen Pachomius, der zu ihm kommt mit der
Bitte, ihn bei sich zum Mônch zu machen: »Mit der Gnade Gottes werden wir
gemeinsam mit dir kämpfen, bis du soweit bist, daß du dich selbst kennst.«
Jesus stand ganz und gar unter den Anregungen des
Heiligen Geistes. Die übrigen Menschen
tragen in ihrem Herzen nicht nur den Geist Gottes, sondern auch Samenkörner der
Desintegration und des Todes, die dort vom bösen Geist ausgesät sind. Und oft ist es schwer für sie, diesbezüglich
eine rechte Unterscheidung zu treffen.
Aus diesem Grund lehrt die Erfahrung, daß jeder, der ernsthaft einem
geistlichen Weg folgen will, einen Führer nötig hat, das heißt einen erfahrenen
Menschen, der ihn hindert, hindert, sich selbst zu betrügen.
Als die ersten
christlichen Mönche sich in die Wüste zurückzogen, um diese Erfahrung
eines Weges in Einsamkeit zu leben, auf der Suche nach ihrem eigensten Herzen
und nach Gott, entdeckten sie schnell die Gefahren und Klippen dieses
Einzelkampfes gegen die Mächte des Bösen und merkten, wie notwendig ein
geistlicher Führer ist. Sie unterstellten sich daher der Leitung von »Alten«,
das heißt Menschen, die die gleiche Erfahrung gemacht hatten und nun vom Geist
in Besitz genommen waren. Und als sie sich zu Gemeinschaften zusammenschlossen,
errichteten sie eine Art christliche Subkultur, einen Lebensstil unter einer
Regel und unter der Leitung eines Oberen.
Wesen und Bedeutung menschlichen Gehorsams
In beiden Fällen, sei es Unterwerfung unter einen
geistlichen Vater oder Eintritt in eine Gemeinschaft, stehen wir nicht vor Lebensformen, die von Gott eingesetzt sind;
es handelt sich vielmehr um Mittel, die Menschen in ihrer Suche nach dem Willen
Gottes durch persönliches geistliches Wachstum erarbeitet haben. Die Motivierung und das Ziel sind spezifisch
christlich; die angewandten Mittel aber gehören einer allgemein menschlichen
Überlieferung an, die viele hundert Jahre alt ist. Was ist also für einen Christen das Wesen und der Sinn des
Gehorsams einem geistlichen Meister oder Regel und Abt gegenüber?
Eine gewisse Erhellung der Frage können wir vor allem in
dem finden, was die Schrift sagt über den Gehorsam gegenüber den etablierten
Mächten, besonders über die Haltung Jesu ihnen gegenüber. Zur Zeit Jesu stand
Palästina unter römischer Herrschaft.
Wie in allen unterworfenen Ländern gab es sowohl Kollaborateure wie
Widerstandskämpfer unter der Bevölkerung. Gewisse Juden hatten sich mit der
Besatzungsmacht arrangiert, wie zum Beispiel Zöllner und Steuereinnehmer, die
von manchen darum als öffentliche Sünder angesehen wurden. Andere wiederum, wie
die Zeloten, waren so etwas wie Guerrillakämpfer, die sich danach sehnten, die
Eindringlinge zu vertreiben.
Jesus erwählt
seine jünger aus beiden Lagern und scheint sich nicht besonders darum
gekümmert zu haben, auf welcher Seite des Volkes sie sich befanden. Aber er
verlangt von ihnen, daß sie ehrlich und konsequent gegenüber ihrer Wahl seien,
sowie in Übereinstimmung mit sich selbst. Wenn man ihn fragt, ob es recht sei,
dem Caesar Tribut zu zahlen, läßt er sich ein Geldstück mit dem Bildnis des
Caesar zeigen und antwortet, man müsse dem Caesar geben,
was ihm zustehe. Das soll heißen: Wenn ihr vom Geld der römischen
Autoritäten Gebrauch macht und profitiert
von den Dienstleistungen, die die Römer bieten, dann seid auch so ehrlich und
logisch und zahlt die Steuern. Der Gehorsam gegenüber der römischen Macht wird
nicht als Gehorsam gegen eine von Gott delegierte Autorität dargestellt,
sondern als eine Verhaltensweise, die unter einer gegebenen gesellschaftlichen
Lage aufrichtig und ehrlich ist. Ihr könnt diese Situation annehmen oder
verweigern, das ist eine Frage menschlicher Wahl. Aber ihr müßt logisch sein
und die Konsequenzen aus eurer Wahl auf euch nehmen. Ihr müßt daher vor allem
immer Gott unterworfen sein, der euch ohne Unterlaß das Leben schenkt und
erhält.
Die Haltung Jesu hinsichtlich der religiösen Systeme der
Pharisäer und Gesetzeslehrer ist dieselbe. Von den Menschen, die diesem System
zu folgen und von der religiösen wie
psychologischen Sicherheit, die es bietet, sowie von seinen anderen Vorteilen
zu profitieren gewählt haben, fordert Jesus, ihre Lehre zu beobachten. Was ihn und seine jünger angeht, so haben
sie sich davon abgesetzt, und er fühlt sich nicht verpflichtet, ihre
Gesetzesauslegung und ihre Vorschriften zu beobachten. Er weigert sich entschieden,
an ihrem System teilzuhaben.
Ebenso gibt Paulus nicht vor, die Autorität des
Sklavenhalters sei eine von Gott übertragene Autorität, wenn er von den Sklaven
fordert, sie sollten ihren Herren gehorsam sein. Er empfiehlt einfach das, was
in einem bestimmten Herrschaftssystem eine logische und konsequente Haltung zu
sein scheint, an einem genau bestimmten Punkt seiner Entwicklung. Und in seinen
Empfehlung an die Frauen, ihren Männern untertan zu sein, muß man nicht den
Ausdruck eines göttlichen Gesetzes über das Wesen der Beziehungen zwischen den
Geschlechtern sehen, sondern nur ein kluges Urteil, das von einem bestimmten
begrenzte Kulturkreis abhängt.
Was die sozialen Strukturen innerhalb der Gruppe seiner
Jünger, der Kirche, angeht, hat Jesus
nur eine genaue Vorschrift gegeben: einander dienstbar zu sein. Alles andere
ist Gebrauch menschlicher Mittel, abhängig von verschieden
Gesellschaftssystemen, um zu versuchen, dieser Vorschrift zu entsprechen.
Die Schrift bezieht den Gehorsam immer unmittelbar auf
Gott. Er ist die Übereinstimmung des menschlichen Willens mit dem göttlichen
Willen. Nirgends kommt es vor, daß die
Unterwerfung eines Menschen unter einen anderen an sich schon tugendhaft wäre;
und es ist nirgends gesagt, daß es bei der Suche nach dem Willen Gottes für den
Menschen tugendhafter wäre, sich den Entscheidungen eines anderen
unterzuordnen, anstatt seine eigenen Entschlüsse zu fassen gemäß seinem
persönlichen Urteil. Der Gehorsam gegenüber jeder menschlichen Autorität, gegen
einen geistlichen Vater wie gegen eine Regel, ist eine Sache der Logik und der
inneren Übereinstimmung mit sich selbst im Gebrauch der Mittel, die man gewählt
hat, um den Willen Gottes zu entdecken.
Das Gesetz Gottes, der Wille Gottes
über einen jeden Menschen ist eingeschrieben in sein Herz. Der Weg zu Gott
führt durch das Herz des Menschen. Um den Willen Gottes zu entdecken, muß er
vor allem sein eigenes Herz entdecken, sich seines wahren Wesens bewußt werden,
seines tiefen »Ich«, weit jenseits seiner oberflächlichen Verlangen und Launen.
Das fordert eine lange Anstrengung der Läuterung und der Loslösung hinsichtlich
alles dessen, was das »Falsche Ich« ausmacht. Gehorsam‑sein besteht für
den Menschen darin, seine eigene Berufung oder Sendung zu entdecken, das heißt,
sich seiner eigenen, unveräußerlichen Art und Weise der Beziehung zum
himmlischen Vater bewußt zu werden und die Konsequenzen daraus anzunehmen, mit
all dem schmerzlichen Losreißen und mit jedem Sterben, das damit notwendig
werden kann.
In diesem Vorgang der Läuterung und des
Wachstums, der Suche nach dem Willen Gottes
und seiner Verwirklichung muß der Mensch die Wahl der Mittel treffen,
indes manche für ihn besser geeignet sind als andere. Diese Wahl der Mittel der
Verantwortung des Menschen; Gott trifft sie nicht für ihn. Und obwohl diese
Wahl frei ist, ist sie gewiß weitgehend bedingt durch den
geschichtlichgesellschaftlichen Zusammenhang, in dem der einzelne sich
vorfindet.
Die menschliche Wahl und ihr Risiko
Wenn der Mensch das Erwachsenenalter
und einen gewissen Grad an Reife erlangt, muß er vor allem die Art und Weise
seiner Beziehung zur bürgerlichen Gesellschaft und zu den religiösen
Einrichtungen wählen. Er wird heiraten oder ehelos bleiben; er wird einen
geistlichen Weg der Einsamkeit wählen; er wird sich vielleicht heranbilden und
führen lassen durch einen geistlichen Meister; oder er wird sich auf seiner Wanderschaft einer
Kommunität anschließen. Wenn er wählt, sich einer bestimmten Art des Dienstes
zu weihen, so kann er sich dieser Aufgabe als einzelner, autonom widmen oder
sich einer Gruppe anschließen, die einen solchen Dienst übernimmt und
organisiert; oder er kann noch von einem Bischof erbitten, daß er ihn durch die
Priesterweihe in den pastoralen Dienst der institutionellen Kirche eingliedere
usw. Sobald einmal eine solche Wahl getroffen ist, frei und bewußt, fordert die
Treue zu sich selbst wie auch zu anderen mitbetroffenen Menschen, daß man darin treu ist und daß man
alles, was da mit einbezogen ist und was sich daraus ergibt, annimmt.
Wenn ich mich nach der Art der ersten
Mönche in der Wüste (oder der buddhistischen und hinduistischen Mönche) einem
geistlichen Meister anvertraue, dann deshalb, um durch dieses Mittel ein
freier, losgelöster Mensch zu werden, meine Leidenschaften zu meistern und mein
eigenes Herz zu kennen, damit ich so Gott und seinen Willen entdecken, ihn
lieben und in Vereinigung mit ihm leben kann. Ich vertraue mich diesem Meister
an, weil ich zuversichtlich bin, daß er mich bei diesem Vorgang leiten kann.
Ich überlasse mich ihm völlig und tue all das, was er mir sagt, nicht weil ich
glaube, daß seine persönlichen Entscheidunge automatisch der Wille Gottes über
mich sind, sondern weil ich auf seine Gnadengabe vertraue, mich in Christus
wachsen zu lassen. Ich glaube, daß er genügend in Berührung mit seinem eigenen
Herzen steht, um mir zu helfen, das meine zu entdekken. Er kann manchmal von
mir verlangen, lächerliche Dinge zu tun; und wenn ich die Demut besitze, sie zu
tun, dann nicht deshalb, weil ich sie nicht für töricht halte, sondern weil ich
glaube, daß eben durch diese in sich törichten Handlungen der erfahrene Meister
mich zu Loslösung und Freiheit zu führen weiß und mich zum Wachsen bringt. Es
handelt sich für mich darum, logisch und konsequent zu sein, in Übereinstimmung
mit meiner Wahl eines ganz spezifischen Mittels für das
menschliche und geistliche Wachstum.
Und wenn ich mich einer Kommunität anschließe, so nicht
deshalb, weil Gott diese Wahl für mich getroffen hätte. Es ist so, daß ich
diese Art und Weise eines Gemeinschaftslebens wähle als ein Mittel, das mir für
mich bei der Suche nach dem Willen Gottes geeignet scheint. Das gilt für jede
Gemeinschaft, für die sogenannten aktiven wie für die als kontemplativ
bezeichneten. Im Fall der aktiven Gemeinschaften kommt noch eine weitere
Dimension hinzu: Ich wähle dann, in der Kirche einen Dienst zu verwirklichen
innerhalb einer Kommunität, die in
Hinblick auf diesen Dienst strukturiert ist, anstatt den Dienst ganz
allein zu verwirklichen (was gleicherweise eine berechtigte Wahl wäre, wenn
auch vielleicht für mich weniger geeignet). Auch hier handelt es sich also um
die Wahl eines Mittels. Das Ordensleben in seinen verschiedenen Formen ist ein
Stil christlichen Lebens, dazu bestimmt, eine Art und Weise der Gotteserfahrung
zu begünstigen und in bestimmten Fällen eine geeignete Umwelt für eine
bestimmte Art des Dienstes zu schaffen.
Diese Lebensformen, von den Menschen ausgearbeitet, sind durch die
Erfahrung von Jahrhunderten erprobt, und ihr Nutzen wurde durch die Approbation
der kirchlichen Hierarchie bestätigt. Es handelt sich deshalb nicht um
göttliche Einrichtungen. Die Motivation und die Ziele der christlichen
Ordensleute sind spezifisch christlich und im Evangelium verwurzelt; das
benutzte Mittel oder die Lebensform jedoch ist eine menschliche Einrichtung,
deren Geschichte weitgehend den geschichtlichen und geographischen Rahmen des
Christentums sprengte. Es handelt sich um ein System, das nur dann seine Frucht
hervorbringen kann, wenn man es in seiner Gänze annimmt. Hier gilt wiederum:
Wenn ich einmal dieses Mittel gewählt habe, fordern Ehrlichkeit und Logik, daß
ich mich seiner Gesetzgebung, seiner hierarchischen Struktur und so weiter
anpasse.
Der Baum muß nach seinen Früchten beurteilt werden.
Unnötig zu sagen, daß jede Wahl, die oben genannt wurde, ihr Risiko mit sich
bringt. Eine Situation des »Gehorsams«,
geeignet, das Wachstum eines bestimmten Menschen zu fördern, wird für einen
andersgearteten Menschen unheilvoll sein. Der vollkommene und gewissermaßen
blinde Gehorsam einem Meister gegenüber kann ein ausgezeichnetes Mittel zum
Wachstum sein, wie die Erfahrung aller großen Weltreligionen beweist. Aber er kann auch zu schrecklichem Scheitern
führen, vor allem dann, wenn der Meister nicht so charismatisch begabt ist, wie
man glaubt oder wie er selbst glaubt. Selbst im Goldenen Zeitalter des
christlichen Mönchtums in Ägypten kam das vor. Wenn auch viele Mönche durch
diese Technik zu hohen Stufen des Bewußtseins und der Vereinigung mit Gott
geführt wurden, so gab es doch auch andere, die dabei ihre körperliche und
geistige Gesundheit gelassen haben unter der Zuchtrute inkompetenter Meister.
Und die Geschichte hat sich bis in unsere Tage oft wiederholt. Dasselbe gilt
vom Gemeinschaftsleben, das zu innerer Freiheit führen und ein fruchtbares
Apostolat begünstigen ‑ aber auch das eine andere verhindern kann, wenn
es verkalkt oder schlecht ausgerichtet ist. Wenn viel Schaden angerichtet wurde
durch autoritäre Obere, die ehrlich überzeugt waren, ständig im Namen Gottes zu
sprechen, so folgte oft noch mehr Übel als Ergebnis des Sich‑Einordnens oder Zurücktretens von »Untergebenen«,
die auf ihre persönliche Verantwortung verzichtet haben, völlig davon
überzeugt, damit auf ihren »Eigenwillen« zu verzichten.
Unterscheidung und Heranbildung geistlicher»Berufe«
Wenn sich ein Novize an der Pforte einer unserer
Klostergemeinden vorstellt, so bemühen wir uns oft, mit allen möglichen Mitteln
zu entdecken, ob er die "Berufung" hat ‑ als ob das eine Art
Virus sei, den man mit geeigneten Tests diagnostizieren könnte. Diese Haltung
setzt einen Begriff von Berufung voraus, der relativ jungen Datums ist und der
ein direktes Eingreifen Gottes in die Wahl der Mittel unterstellt. Die gleiche
Haltung findet man im Grunde auch wieder bei denen, die das Ordensleben
aufgeben, indem sie sagen, sie hätten entdeckt, daß sie »die Berufung « nicht
haben.
Die Haltung der Wüstenväter scheint mir viel gesünder und
realistischer. Wenn sich ein Bewerber vorstellte, beschrieb ihm der Altvater
seine Lebensweise und sagte ihm dann: »Prüfe dich und sieh, ob du diese Art
Askese leben willst und ob du sie durchhalten kannst.« Ebenso
schreibt der heilige Benedikt seine Mönchsregel für jeden, der auf dem Weg des Gehorsams zurückkehren will
zu Gott, dem er durch den Ungehorsam entlaufen war. Und ich glaube nicht, daß
der heilige Bernhard die aufgegabelten Scharen von Novizen, die er von jeder
Predigtreise mit nach Clairvaux heimbrachte, langen Tests unterwarf.
Mir scheint also, wenn ein Novize in eine Gemeinschaft
kommt, besteht das Wichtige nicht darin zu entdecken, ob er zu jener Klasse von
Menschenwesen gehört, über die man urteilt, sie »hätten die Berufung«, sondern
vielmehr zu entdecken, ob er wirklich will, ob er die Lebensweise, in
die er eintritt, wirklich will ‑ und ihn, wenn es nötig ist, so
heranzubilden, daß er sie immer bewußter und aufrichtiger will. Und wenn die Novizen das Noviziat verlassen,
so könnte die Aussage »sie hatten nicht die Berufung« auch bloß eine Entschuldigung
sein, eine leichte Art und Weise nicht zuzugeben, daß wir unfähig waren, ihnen
jene Ausbildung und Formung zu geben,
die sie bei ihrem Kommen gesucht hatten.
Ich glaube, in den meisten Fällen kommt das Scheitern im
Ordensleben‑ und mit Scheitern meine ich nicht notwendigerweise einen
Austritt ‑ von der Tatsache her, daß viele ins Ordensleben eingetreten
sind, ohne es jemals willentlich gewählt zu haben. Sie sind gekommen, weil man
sie überzeugt hat oder weil sie sich selbst überzeugt haben, daß dies der Wille
Gottes oder die Entscheidung Gottes über sie sei. Sie haben diesen ihnen von
außen zukommenden Willen angenommen, ohne ihn jemals selbst gewollt zu haben.
Tatsächlich haben sie sich selbst nie in ausreichendem Maße kennengelernt, um
wahrhaft zu wissen, was sie im Grunde ihres Herzens eigentlich wollten. Und es
kann gut sein, daß die Form des Ordenslebens, in dem sie gescheitert sind, sie
gerade daran gehindert hat, je so weit zu kommen.
Der Wille Gottes für einen jeden Menschen ist
eingeschrieben in sein Herz. Jede Form
des Gehorsams, die den Menschen unselbständig macht und zu einer mechanischen
Unterwerfung unter äußere Gesetze führt, gehört zu jener langen Reihe religiöser Mittel, die der Mensch im
Lauf der Geschichte erfunden hat als Weigerung, seine eigene Verantwortung zu
übernehmen, indem er von den Göttern verlangt, daß sie die Entscheidung an
seiner Stelle treffen. Der einzig wahrhaft christliche Gehorsam ist jener, der
den Menschen dazu führt, sein eigenes Herz zu entdecken, jenen Teil seiner
selbst, in dem er eins ist mit Gott. Und dieser Gehorsam kann nur in dem
Menschen Frucht bringen, der ihn entschieden selbst wählt und der aufrichtig und ehrlich alles annimmt, was darin
eingeschlossen ist und daraus folgt.