Dazu bestimmt, in das Bild Christi umgewandelt zu werden (2. Kor. 3,18)
Überlegungen betreffs der monastischen Ausbildung

I - Ebenbild Gottes

Nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, aber verwundet durch die Sünde, muss in uns dieses Bild wiederhergestellt werden. Dies ist das letzte Ziel des christlichen und deswegen auch des monastischen Lebens.

Der Sohn Gottes, der in forma Dei war, hat nicht gefürchtet, auf sein Vorrecht zu verzichten; er hat sich erniedrigt (Phil. 2,6-7), ist wie einer von uns geworden, uns gleich in allem, ausser der Sünde (Hebr. 4,15). Er hat eingewilligt, seine forma, seine Schönheit zu verlieren. Er wurde bis zur Unkenntlichkeit entstellt (Is. 53,2). Er hat den Tod gekostet. Aber der Vater hat ihn auferweckt, hat ihm den Platz zu seiner Rechten gegeben und ihn zum Kyrios eingesetzt (Phil. 2,9). So wurde uns der Rückweg zum Ebenbild gezeigt und vorgezeichnet. Durch die Sünde verformt, müssen wir uns reformieren, damit wir stufenweise umgeformt werden in das Bild des auferstandenen Christus.

Diese endgültige Umformung, durch einen langen Prozess der Reform oder Bekehrung, ist der Gegenstand der monastischen Ausbildung. Diese Ausbildung ist an erster Stelle zu verstehen nicht im Sinn einer von einem menschlichen Gestalter ausgeübten Aktivität auf eine andere Person, sondern im Sinn der stufenweisen und beständigen, niemals beendeten Umformung einer Person, die, indem sie die durch die monastische conversatio ihr angebotenen Mittel benützt, dem Heiligen Geist erlaubt, in ihr das entstellte Bild und die verlorene Ähnlichkeit wiederherzustellen.

Das Thema des Bildes Gottes nimmt in der Spiritualität des frühen Mönchtums einen zentralen Platz ein. Diese Lehre, die offensichtlich ihren Ursprung in Gen. 1,26 hat, ist allen Vätern der Kirche, die sich bemüht haben, das Heilsgeheimnis zu erforschen, sehr lieb. Da ein jeder sie auf eigene Art behandelt hat, mit der den Dichtern und Mystikern eigenen Freiheit, ist diese Doktrin sehr komplex geworden und wurde mit vielen verschiedenen Nuancen dargestellt. Man kann sie folgenderweise zusammenfassen: Der Mensch wurde geschaffen nach dem Bild (imago) und Gleichnis (similitudo) Gottes. Als bevorrechtetes Geschöpf ist er dazu berufen, am göttlichen Leben teilzuhaben. Diese Bestimmungen wurden durch die Sünde umgeworfen, aber der Mensch bewahrt seine Fähigkeit, sich Gott zuzuwenden (capacitas Dei). Durch die Gnade der Erlösung und durch die Nachfolge Christi ist der Mensch fähig, am göttlichen Leben teilzunehmen. Wenn seine Vorherbestimmung gegenüber Gott (imago) sich in einem ununterbrochenen Tugendleben entwickelt und bezeugt, geht er der Ähnlichkeit (similitudo) entgegen und findet seine Erfüllung, indem er zum Ebenbild Gottes wird.

Wenn man von monastischer Ausbildung spricht, versteht man meistens unter diesem Ausdruck die Grundausbildung. Diese kann dennoch nur verstanden werden als ein Element oder eine Phase des Gesamtprozesses der Umformung, von der wir gesprochen haben. Das Ziel der monastischen Ausbildung kann in allen Phasen für den Mönch nur die Wiederherstellung des Bildes Gottes sein. Es handelt sich um eine fortschreitende Umformung, die das ganze Leben umfasst. Um diesen Weg der Umformung zu verwirklichen, hat der Mensch ein Modell, einen Prototyp, das Wort, das das vollkommene Ebenbild Gottes ist und das der heilige Bernhard das sacramentum salutis nennt.

In Wirklichkeit hat keiner der Vâter des Mönchtums über die "Ausbildung" geschrieben - wenigstens nicht in dem Sinn, in dem wir diesen Ausdruck heute verstehen. Wir sehen aber in ihren Schriften, dass sie sich klar ihrer Rolle bewusst waren, sei es als Äbte oder als geistliche Väter, in ihren Schülern Christus zu zeugen. Sie wussten, dass sie, um diese Aufgabe zu erfüllen, ihre Mönche zur Nachfolge Christi zu führen hatten. In der Tat, durch diese Nachfolge Christi macht der Mönch in seinem Leben stufenweise diese im Augenblick seiner Schöpfung empfangene Ähnlichkeit wirksamer und durch dieselbe ist das Bild Gottes in ihm wieder hergestellt.

Die Idee, dass man jemanden für das monastische Leben ausbilden kann wie man jemanden ausbildet zum Arzt, Mechaniker oder Professor, kommt von einer gänzlich modernen Auffassung. Niemals wäre dies den Vätern des Mönchtums in den Sinn gekommen. Für sie war das monastische Leben nicht etwas, für das man jemanden ausbilden könnte, sondern im Gegenteil ein Mittel, oder vielmehr eine Gesamtheit von Mitteln, durch welche sich jemand ausbilden lässt. Jemand wird mehr und mehr Mönch und lässt sich stufenweise zum Bild Christi umformen, indem er das monastische Leben lebt.

II - Im koinobitischen Milieu

Als die Anachoreten der ersten Jahrhunderte in die Wüste gingen, suchten sie, sich unter die Führung eines geistlichen Vaters zu stellen, der schon die Erfahrung der Wüste hatte und als pneumatophoros sich unter dem Einfluss des Geistes erwies. Dieser geistliche charismatische Wüstenvater gab seinen Jüngern seine eigene Erfahrung weiter, nach Art eines Gurus. Diese Beziehung von Vater zu Sohn oder von Meister zu Jünger war normalerweise eine vorübergehende und endete, wenn der Jünger eine genügende geistliche Reife erreicht hatte, um in der Einsamkeit seinen Weg weiterzuverfolgen.

Das Charisma der Väter des Koinobitentums, eines Pachomius oder eines Basilius zum Beispiel, war, eine feste Form des gemeinschaftlichen Lebens zu erarbeiten, eine politeia, nach einer festgesetzten Regel, durch die von jetzt an die geistliche Erfahrung weitergegeben wurde. Wir stehen hier vor einer authentischen monastischen Kultur, Ausdruck einer kollektiven Identität, die all jenen, die sich in sie einfügen, erlaubt, zu ihrer eigenen persönlichen Identität zu gelangen.

Unter Kultur ist hier ein zusammenhängender Komplex von geistlichen Lehren, asketischen Traditionen, Gebräuchen, Observanzen, Verwaltungsorganisationen usw. zu verstehen, die eine geistliche Erfahrung ausdrücken, sie lebendig erhalten und weitergeben. Eine Kultur schliesst die Kohäsion und die Konsistenz aller Lebenselemente ein. Eine solche Kultur ist immer und im besonderen Sinn die Frucht der Erfahrung einer Kollektivität. Eine Einzelperson erfindet nicht ihre eigene Kultur. Es ist die Rolle der Heiligen, der Mystiker und der Genies, wie die der Dichter und der Künstler oder der Theologen, die durch und in ihrer Kultur weitergegebene und lebendig erhaltene Erfahrung zum Ausdruck zu bringen.

Im koinobitischen Milieu wird die monastische Erfahrung weitergegeben und verwirklicht sich die Ausbildung des Mönches wesentlich in und durch die Lebensform selbst der Kommunität, von seinem Eintritt ins Kloster an bis zu seinem Hinübergang ans andere Ufer. Der heilige Benedikt fügt sich in diese grosse koinobitische Tradition ein, und dort müssen die Mönche benediktinischer Tradition die Grundprinzipien suchen und nicht in einer eremitisch orientierten Spiritualität.

Wenn der heilige Benedikt im ersten Kapitel seiner Regel die verschiedenen Kategorien von Mönchen beschreibt, definiert er die sehr starke Rasse der Koinobiten als diejenige die a) in einer klösterlichen Gemeinschaft, b) unter einer Regel und c) unter einem Abt lebt. Wir haben hier die drei Säulen des Koinobitentums, und die Reihenfolge, in der Benedikt sie vorstellt, ist von entscheidender Bedeutung. Die Geschichte lehrt uns, dass es, jedesmal, wenn das Gleichgewicht zwischen diesen drei Elementen gebrochen ist, zu einer Periode der Dekadenz kommt.

Klösterliche Gemeinschaft, Regel, Abt. Man kann sagen, dass dies hier die drei wesentlichen Elemente der benediktinischen conversatio sind. Indem er also diese Elemente während jeder der Etappen seiner monastischen Existenz lebt, wird der Mönch nach und nach mehr Mönch und es verwirklicht sich seine Formung -- oder Umformung -- im oben erwähnten Sinn.

1) Die Kommunität

In der grossen benediktinischen und zisterziensischenTradition ist die Berufung einer Person nicht ein Ruf, das monastische Leben im allgemeinen zu führen oder selbst die Berufung zu dieser oder jener Kongregation. Es ist der Ruf zu einer konkreten Kommunität von Brüdern, die eine kirchliche Zelle bilden. Dort wird er nach einer angemessenen Probezeit Stabilität versprechen, und er wird mit seinen Brüdern, ausser der Gehorsam vertraut ihm eine andere Mission an, bis zum Ende seiner Tage das innerkirchliche Heilsgeheimnis leben.

Die Modalität, nach der jede konkrete Kommunität diese Gemeinschaft lebt, diese koinonia, hat einen sehr tiefen Einfluss auf die menschliche und geistliche Entwicklung des Mönches während seiner ganzen Existenz. Über alle "Ausbildungsmittel" hinaus, die sie ihren Mitgliedern anbieten kann, hat die Kommunität als solche eine formende Rolle von erstrangiger Bedeutung.

Eine Kommunität kann diese Rolle nur unter der Bedingung gut erfüllen, dass sie eine solide lokale monastische Kultur entwickelt hat. Eine solche monastische Kultur schliesst eine gemeinsame klare Vision des monastischen Lebens und eine geistliche Orientierung ein, die alle Elemente des täglichen Lebens bedingt oder "informiert" (im aristotelischen Sinn): Die Weise, zu beten, zu arbeiten, die gemeinschaftlichen Entscheidungen zu treffen, die Gäste zu empfangen usw.

Wenn eine solche gemeinsame Vision, eine solche Kultur existiert, besteht die Rolle der "Ausbilder" (Abt, Novizenmeister, Professoren) wesentlich darin, den Mönchen, vor allem den Neuangekommenen, zu helfen, sich in dieselbe einzufügen, sich von ihr formen zu lassen und sie auf verantwortliche und schöpferische Weise zu übernehmen. Wenn diese nicht existiert, werden im allgemeinen alle angewandten "Techniken" der Ausbildung (Kurse, Tagungen, Counselling usw.) wenig Resultate zeitigen.

Die monastische Kommunität ist nicht nur einfach ein Ort, wo man die persönliche Askese praktiziert. Sie ist ein Ort, wo man miteinander den Willen Gottes sucht. Benedikt verlangt, dass, jedesmal, wenn es sich um eine wichtige Angelegenheit handelt, alle Brüder zusammengerufen werden: convocet abbas omnem congregationem (RB 3,1), omnes ad consilium vocari (RB 3,3). Es handelt sich da nicht um eine einfache Machtausübung der Mehrheit oder um eine vorweggenommene Demokratie. Es handelt sich darum, miteinander auf das zu horchen, was der Heilige Geist einem Jeden zum Wohl Aller mitteilt. Selbst wenn der Abt die letzte Verantwortung hat, die Entscheidung zu treffen, ist das Konventkapitel für Jeden die Gelegenheit, einen Akt der gemeinschaftlichen Mitverantwortung auszuüben und so in seinem Sinn für Verantwortung zu wachsen.

Eine gesunde Kommunität ist auch ein Ort des emotionalen und affektiven Wachstums. Die persönlichen Beziehungen, die sich innerhalb des gemeinschaftlichen Lebens entwickeln können, sind eine Schule, die zu einer tiefen Beziehung zu Gott befähigt und gleichzeitig zeichenhafter Ausdruck dieser Beziehung. Weil die christliche Kommunität eine neue Vision der menschlichen Beziehungen verkörpert, werden dieselben als ein sakramentaler Ausdruck des Geheimnisses der Kirche gesehen und gelebt. Es handelt sich um etwas Tieferes als um einen unbestimmten Gemeinschaftssinn. Es ist dennoch am Platz, aufmerksam zu sein auf die Falle einer Einstimmigkeit "fusionellen" Charakters, die schliesslich die Einzelperson ihrer persönlichen Identität beraubt.

Das mitbrüderliche Leben erlaubt, sich in den Begegnungen des täglichen Lebens selbst zu kennen und seine Bekehrungsbedürfnisse zu entdecken. Man anerkennt sich da leicht als eine Kommunität von Sündern, denen allen verziehen worden ist. Es gibt auch die Möglichkeit, sich umformen zu lassen durch die Ausübung der mitbrüderlichen Liebe.

Ein gesundes Gemeinschaftsleben ist der Ort, wo wir lernen können, die Wirklichkeit zu lesen und zu deuten nicht nur in uns, sondern auch um uns herum und in deren Zentrum einzudringen. Ein authentisches kontemplatives Leben besteht nicht darin, sich von der Realität zurückzuziehen, um in einer künstlichen oder nur geistigen Welt zu leben. Es besteht darin, sich ins Zentrum zurückzuziehen, ins Herz der ganzen Realität. Ein gesundes Gemeinschaftsleben hilft uns, mit innerem Frieden die verschiedenen Informationen, die wir bekommen, die verschiedenen Geschehnisse, die wir leben, zu bewerten. Es hilft uns, über unsere subjektiven Projektionen und unsere bewussten oder unbewussten Wünsche hinauszugehen.

Die Starrheit der Positionen, der persönlichen Analysen der Realität ist in vielen Fällen ein Hindernis, das dem geistlichen und menschlichen Wachstum im Wege steht. Ein Mönch, der auf normale Weise im gemeinschaftlichen Leben weiterwächst, muss immer fähiger sein, sich anzupassen, seine Meinungen und seine Haltungen abzuändern. Er weiss, wie die unumgänglichen Konflikte der menschlichen Existenz übernehmen und im Frieden des Herzens die jedem gemeinschaftlichen Leben innewohnenden Spannungen zu leben. Ein gesundes Gemeinschaftsleben erlaubt, nach und nach diese Haltung des Verstehens, des Mitleids, der Sympathie allen gegenüber zu erlangen. Ein Mönch, der zum Häresienjäger wird, hat etwas Anormales an sich...

In der Gemeinschaft lernt der Mönch, sein Leben zu vereinheitlichen. In der Welt kann man leicht eine Serie von parallelen Leben führen. Da sind zum Beispiel die Geschäftsmänner, die Fachmänner oder die Politiker, für die es eine totale Trennung gibt zwischen ihrem Berufsleben und ihrem Familienleben oder zwischen ihrem Berufsleben und ihrer religiösen Praxis. Für einen Mönch sollte dies unmöglich sein. Ein Mönch kann in der Tat in seiner Kommunität und selbst ausserhalb des Klosters Verantwortungen haben, aber alle diese Aktivitäten sind Teil seines monastischen Lebens; er muss sie als Mönch ausüben. Anders würde ihm das zentrale Element des Mönchseins fehlen: die Einfachheit, das heisst, die Tatsache, ein einziges Ziel, eine einzige Sorge im Leben zu haben.

2) Die Regel

Christus ist gehorsam geworden, in einem Gehorsam, durch den sich sein Willen gänzlich mit dem des Vaters identifiziert hat. Auf dem gleichen Weg des Gehorsams, in der Nachfolge Christi, soll der Mönch dem Geist erlauben, nach und nach in ihm das Bild Gottes wiederherzustellen. Es handelt sich offensichtlich um den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen; aber dieser Gehorsam verkörpert sich in allen Handlungen des täglichen Lebens.

Das Evangelium ist eine unerschöpfliche Quelle von "Lebensformen". Es hat zahlreiche Weisen hervorgebracht, Christus nachzufolgen. Die Gründer des Koinobitentums haben das Charisma einer existentiellen Auslegung des Evangeliums erhalten. Vom Augenblick an, wo dieses Charisma in einer Gruppe auf kohärente Weise gelebt worden ist, hat es die Gestalt einer Regel angenommen. Wenn man in eine koinobitische Kommunität eintritt, fügt man sich in eine Tradition ein, in eine gelebte Auslegung des Evangeliums. Man wählt freiwillig diesen "Weg" zwischen vielen anderen Möglichkeiten. Für Benedikt ist es so wichtig, dass diese Wahl frei und bewusst geschieht; deswegen lässt er die Regel während dem Jahr, das seinem Engagement in der Kommunität vorausgeht, dreimal ganz dem Kandidaten vorlesen. Diese Regel, soweit sie aufrichtig und authentisch gelebt ist, wird den Mönch formen und umformen.

Das gemeinschaftliche Leben und die Regel, die dasselbe strukturiert, sind Mittel, die Liebe Gottes durch die Liebe zu den Brüdern zu verwirklichen, indem man dem Eigenwillen das Allgemeingut vorzieht, dem eigenen Gut den göttlichen Willen, der sich in der Regel ausdrückt und durch den Obern in den konkreten Situationen appliziert wird. So wird auch der gegenseitige Gehorsam, von dem Benedikt spricht, als ein Dienst gelebt, und also als eine Ausübung der Einheit der Willen, welche zur Reinheit des Herzens und zur Anschauung Gottes führt.

Für den zeitgenössischen Mönch ist die Regel nicht nur der Text des heiligen Benedikt, sondern auch die eigenen Konstitutionen der monastischen Kongregation,

zu der er gehört und die geschriebenen oder mündlichen Satzungen seiner lokalen Kommunität. Dieses "gesetzgebende" Ganze ist nicht schlechthin ein "Gesetz": Es ist der objektive Ausdruck der eigenen Identität einer Kommunität oder einer Gruppe von Kommunitäten. Gerade so, wie man eine eigene kulturelle Identität erlangt, indem man sich durch seine Kultur formen lässt oder sich in eine andere Kultur einfügt. Gleicherweisen kann man auch eine monastische persönliche Identität entwickeln, indem man, eingefügt in eine Kommunität, sich nach und nach von einer monastischen Kultur formen lässt, durch die Annahme der dieser Kommunität eigenen Vision. Das Zeichen einer wahren Berufung ist die Fähigkeit eines Kandidaten, so die kollektive Identität seiner Kommunität anzunehmen und gleichzeitig immer mehr er selbst zu werden.

3) Der Abt

In der benediktinischen Tradition ist der Abt als Repräsentant Christi in seiner Kommunität deren geistlicher Vater, Lehrer und Arzt. Seine Rolle ist gewiss sehr verschieden von derjenigen der Obern der religiösen Kommunitäten neuerer Tradition. Wenn er ein Bruder unter den Brüdern bleiben soll, so darf er ebensowenig vergessen, dass er gerufen worden ist, Vater zu sein -- nicht weil die Anderen vor ihm wie Kinder oder Jugendliche sein sollen, sondern weil er die Verantwortung hat, in ihnen Christus zu zeugen.

Als Vater muss der Abt seinerseits seinen Mönchen die Milde und Güte Christi bezeigen und mehr suchen, geliebt als gefürchtet zu werden, indem er sich dem Charakter eines Jeden angleicht und die Brüder ermuntert, mit bereitem und freudigem Herzen den Weg zu durchlaufen, auf den sie von Gott gerufen worden sind. Der Mönch seinerseits soll während seiner ganzen Existenz eine erwachsene kindliche Beziehung zu seinem Abt aufrechterhalten, welches auch immer ihr jeweiliges Alter sein mag. Wenn ein Mönch nach der Profess nicht mehr im Abt die Person sieht, der er in den wirklich wichtigen Dingen zu gehorchen hat, ist es wahrscheinlich, dass er als Mönch nicht mehr wächst (selbst wenn er grosse menschliche Fähigkeiten hat und sie zum Wohl der Kirche und der Kommunität benutzt).

In unseren Tagen kommt es nicht selten vor, dass der Mönch versucht, im Kloster die Familie, die er verlassen oder in mehreren Fällen nicht gehabt hat, wiederherzustellen im Versuch, die Figur des Vaters mit der Autorität zu identifizieren und die Figur der Mutter mit der Kommunität. Eine solche Haltung verhindert ein wahres Wachstum, denn sie besteht darin, einfach das Familienmodell nachzubilden.

Wenn die Beziehung zwischen dem Mönch und dem Abt nicht auf erwachsene und freie Weise gelebt wird, entsteht eine Haltung der Passivität, der Unsicherheit und der Angst. Das monastische Leben schliesst eine Trennung von den Familienbanden ein. Man darf im Kloster nicht andere Bande gleicher Natur wiederherstellen. Eine Kommunität muss ein Ort sein, wo Personen leben mit einem starken Verlangen, miteinander dem ewigen Leben entgegenzugehen, nicht ein schützender Mutterschoss. Die heutige Gesellschaft bereitet uns leider nicht auf diese gesunde Beziehung mit der Autorität und dem Gesetz vor. Entweder lehnt man jede Autorität ab, oder aber sucht man die Sicherheit in einer starken Autorität, die alle Entscheidungen trifft.

Als Lehrer in der Schule Christi ist der Abt der Hüter der Treue der Schüler gegenüber der monastischen Tradition. Damit die Regel und die Tradition kein toter Buchstabe sind, muss er sie beständig und auf dynamische Weise auslegen. Er nährt seine Mönche durch das Wort und das Beispiel. In jedem neuen Augenblick ihrer Entwicklung verteilt und interprätiert er der Kommunität das Brot des Wortes Gottes.

Als Arzt muss er die Wunden pflegen und im Namen Christi die von der Sünde verwundeten Brüder heilen. Ebenso muss er ein Vater sein, an den man sich in Zeiten persönlicher Krise wenden kann.

Der Abt ist der Vater, der Lehrer und der Arzt aller Mitglieder seiner Kommunität. Selbst wenn ein Novizenmeister da ist und ein Meister der jungen Professbrüder, so kann der Abt dennoch nicht auf seine Rolle als Vater in Hinsicht auf die Novizen und jungen Professbrüder verzichten. In den aktiven modernen Kommunitäten, wo es ein einziges Noviziat gibt für eine Provinz oder selbst für die ganze Kongregation, hat der Novize keinen anderen direkten Obern als seinen Vater Meister; er wird nach seiner Profess einem Haus der Kongregation zugeteilt werden. Im benediktinischen Leben tritt man nicht in eine Kongregation ein, sondern in ein bestimmtes Kloster; der Abt ist der Vater aller, einschliesslich der Novizen. Er kann auf seine Verantwortung nicht verzichten, selbst wenn er einen guten Teil davon dem Novizenmeister delegiert.

Es ist also wesentlich, dass zwischen dem Vater Meister und dem Abt eine grosse Gemeinsamkeit der Gesichtspunkte besteht. Die Bemühungen eines Novizenmeisters, eine neue vom Rest der Kommunität verschiedene Kommunität zu formen oder von einer anderen monastischen Orientierung als jene des Abts wären fast gewiss dem Misslingen geweiht. Der Abt ist der Letztverantwortliche der Ausbildung der Novizen wie auch aller anderen Mitglieder seiner Kommunität. Der Novizenmeister, sein Delegierter, hat nur das Amt, die Novizen auf ihrem monastischen Weg näher zu begleiten und ihnen die am Anfang des monastischen Lebens notwendigen Unterweisungen zu geben.

Die Reife eines Mönches (Novize oder Professbruder) hängt zu einem grossen Teil von seiner Fähigkeit ab, eine gesunde Beziehung mit der Kommunität, der Regel und dem Abt herzustellen.

III - Die hauptsächlichen Elemente der monastischen Askese

Unter den zahlreichen Elementen, aus welchen die monastische, in Gemeinschaft, unter einer Regel und einem Abt gelebte conversatio besteht, gibt es drei, denen Benedikt eine besondere Bedeutung zuspricht und die einen speziellen bildenden Wert besitzen: das Opus Dei, die Lectio Divina und die Arbeit. Aber noch grundlegender ist der Platz des Kreuzes im Leben des Mönches.

1) Das Kreuz erlernen

Der Mönch geht ins Kloster, um Christus nachzufolgen und auf dem Weg des Gehorsams zum Vater zurückzukehren, von dem er sich durch den Ungehorsam abgewandt hat (Prol. der Regel). Der Sohn hat den Gehorsam durch das Leiden gelernt (Hebr. 5,8). Für den Christen, der Christus nachfolgen will, gibt es keinen anderen Weg. Christus ist ausserdem in den Evangelien sehr klar betreffs der Forderungen einer solchen sequela: "Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, so nehme er sein Kreuz und folge mir nach".

Dies ist die erste Haltung, deren man sich versichern muss, wenn jemand ins Kloster kommt. Ist der Kandidat bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen? Daraufhin, während den ersten Jahren des monastischen Lebens, muss man ihn führen und ihm helfen, diesen rauhen Weg zu akzeptieren. Benedikt will, dass man den Neuangekommenen von Anfang an klar auf die harten und schwierigen Dinge, durch die man zu Gott geht, aufmerksam macht (RB 58,8).

Es kommt nicht selten vor, dass man in unseren Kommunitäten die traurige Erfahrung macht, kurz nach der feierlichen Profess einen Mönch weggehen zu sehen, der dennoch ausgezeichnet zu sein schien. In fast allen Fällen hatte diese Formung zum Kreuz hin gefehlt. Der Mönch war in seinem monastischen Leben glücklich, solange er ein angenehmes Milieu vorfand, wo er sich entfalten konnte, wo seine Talente geschätzt waren, wo er seine Fähigkeiten entwickelte usw. Aber sobald eine ernsthafte Prüfung kam, sobald das Kreuz kam, fiel alles zusammen.

Dies muss in Beziehung gesetzt werden mit dem Thema der Einkulturation. Die wahre Einkulturation besteht nicht darin, in das Christentum oder ins monastische Leben alle einer Kultur eigenen Haltungen zu integrieren; sie besteht darin, jede Kultur zu christianisieren. Das Geheimnis des heilbringenden Kreuzes ist im ursprünglichen Sinn christlich; es spricht alle Kulturen an. Wir müssen es alle jeden Tag erlernen und neu erlernen.

Ohne die Annahme des Kreuzes hat keines der Elemente der monastischen Askese einen Sinn. Aber wenn der Mönch es freudig annimmt, wird er von ihm während seines ganzen Lebens geformt.

2) L'Opus Dei

Das eigentlich monastische Gebet ist das fortwährende Gebet. Dieses wird durch die Lesung, durch das Studium und die Meditation des Wortes Gottes vorbereitet. Es drückt sich gemeinschaftlich aus im Opus Dei und entfaltet sich in einer soweit wie möglich unablässigen Aufmerksamkeit auf Gott. L'Opus Dei, ausser ein gemeinschaftlicher Ausdruck des Gebets zu sein, ist auch eine Schule des Gebets. Dort lernt der Mönch unablässig, während seiner ganzen Existenz, Gott zu loben, seine Sünden zu beweinen, bei Gott zu flehen für sich selbst und für die ganze Menschheit und alle Aspekte des Heilsgeheimnisses zu betrachten.

L'Opus Dei versteht sich dennoch nicht ausserhalb des sakramentalen Universums im ganzen, wo der Mönch dem Bild Christi gleichgestaltet wird in der eucharistischen Feier, geheilt von seinen Wunden in der Busse, durch verschiedene Segnungen gestärkt, um seine Verantwortungen zu erfüllen und schliesslich vorbereitet, auf positive Weise durch die Krisen des Lebens zu gehen und vor allem durch die Krise der letzten Passage mit Hilfe der Krankensalbung.

3) Lectio (und Studium)

Es ist interessant, zu bemerken, dass im primitiven christlichen Schrifttum, wenigstens bis zur Epoche des heiligen Benedikts, der Ausdruck "lectio divina" immer die Heilige Schrift selbst bedeutet und nicht eine menschliche Aktivität mit der Schrift. Wollte man diesen Ausdruck übersetzen, so müsste man übersetzen mit "göttliche Lehre" und nicht mit "göttliche Lesung". Die Heilige Schrift belehrt nicht nur den Mönch, sondern formt ihn um durch einen täglichen Kontakt. Sein ganzes Leben muss sich in diese lectio divina einwurzeln, in diese "göttliche Lehre" die er unablässig liest, erforscht, studiert, auslegt und meditiert, ohne irgendwelche hermetisch abgeschlossene Trennung zwischen diesen verschiedenen Aktivitäten aufzurichten. Wenn sich der Mönch schrittweise von der Schrift imprägnieren lässt, dann wird diese ihn formen, sie wird aus ihm nach und nach einen wirklichen Kontemplativen machen, das heisst, nicht eine Person, die notwendigerweise "mystische" Erfahrungen hat, sondern eine Person, die Gott in allem und alles im Licht Gottes sieht.

Man sollte sich von den zeitgenössischen Theorien zu befreien wissen, die aus der "lectio divina" eine spezielle Form von "Lesung" gemacht und sie deswegen zu einer Observanz unter anderen gemacht haben, selbst wenn sie als die wichtigste gilt. Wenn man aus der lectio divina eine spezielle Aktivität macht, die man in einem bestimmten Moment des Tages und während einer bestimmten Zeit zu erfüllen hat, so macht man daraus eine Observanz, die gerade dadurch ihre Unentgeltlichkeit, von der man sie doch gezeichnet wissen will, verliert. Man riskiert auch, den Rest des Tages und die anderen Aktivitäten des Mönchs von der Dimension der liebenden Aufmerksamkeit auf Gott, die man in dieser privilegierten Observanz verdichten will, zu leeren.

Der Mönch muss sich vom Beginn seines monastischen Lebens an damit vertraut machen, so beständig wie möglich im Hinhören auf Gott zu verharren. Er muss sich ohne Unterlass durchdringen, ansprechen und umformen lassen von dem ihm angebotenen Wort Gottes durch seine langsame und geniessende Lesung der Schrift, durch das wissenschaftliche Studium derselben, durch seine Lektur oder sein Studium der Väter, durch seine Arbeit und seine mitbrüderlichen Begegnungen. Wenn der Mönch diese Haltung entwickelt, dann wird jede zu absolute Unterscheidung zwischen lectio divina und Studium der Schrift oder der Väter oder eine andere Lektur als künstlich erscheinen. Diese Unterscheidung kann selbst nachteilig sein, wenn sie zu einer Trockenlegung des Studiums führt.

Das Studium hat in der Tat im Leben des Mönchs seinen Platz. Damit ein Mönch gut sein monastisches Leben führt, muss er eine gewisse Anzahl von Dingen lernen. Da die Schrift die grundlegende Regel des monastischen Lebens ist, wie gesagt wurde, und die hauptsächlichste Quelle der Liturgie, sollte der Mönch vom Beginn seines monastischen Lebens an eine gute Einführung in die Bibel erhalten. Er sollte sich in eine kontemplative Lektur der Schrift einführen, braucht aber auch eine Einführung in die wichtigsten Heiligen Bücher auf den verschiedenen Stufen der Auslegung usw. Er soll auch in die monastische Tradition eingeführt werden, in ihre Geschichte und Spiritualität. Er benötigt auch eine gute christliche, der gesunden Lehre entsprechenden Ausbildung und eine Einführung in die Patristik. Diese Ausbildung brauchen alle, auch wenn sie verschiedene Formen haben kann. In gewissen Klöstern, wo man eine Gruppe von Novizen hat, die alle eine gute Grundausbildung haben, kann diese Ausbildung geschehen mittels eines Zyklus gut organisierter Kurse. In anderen Fällen kann das Mentorensystem als besser erachtet werden. Gewisse Personen werden von einer wissenschaftlichen Annäherung Nutzen ziehen, andere dagegen mehr aus einer einfacheren Hinführung. Alle haben nicht die gleichen Bedürfnisse und auch nicht die gleichen intellektuellen Fähigkeiten. Es ist dennoch von Wichtigkeit, gut die Motivierungen der Kandidaten zu unterscheiden, die ziemlich oft heutzutage ein sehr einfaches Leben haben wollen, "ohne Studien". Der Durst nach "Erscheinungen" und ausserordentlichen Dingen, die man in gewissen Kommunitäten findet, kommt oft von einer ungenügenden Kenntnis der wesentlichen christlichen Botschaft.

Eine Kommunität soll sich ein Studienprogramm geben können, das zu ihrem allgemeinen Bildungsprogramm gehört. Ein Teil dieses Programms wird während des Noviziats und des Monasticats behandelt, der Rest wird während des ganzen Lebens studiert.

Wenn heutzutage in mehr als einem Kloster ein gewisser Antiintellektualismus festzustellen ist, so besteht dieser vielleicht teilweise aus einer Reaktion heraus, weil mehrere "Ausbilder" die Tendenz haben, die ganze monastische Ausbildung auf eine Serie von Kursen zu beschränken. Seit einigen Jahrzehnten studiert man in den monastischen Orden viel die Väter des Mönchtums. Wir lehren sie unseren Novizen und unseren jungen Professen. Ich bin nicht sicher, dass dies immer die erwarteten Resultate gehabt hat. Warum? Vielleicht, weil man die jungen Mönche zu früh in Kontakt mit diesem Schrifttum bringt, bevor sie die monastische Identität erlangt haben, die ihnen erlauben würde, dieses persönlich aufzunehmen und sich durch dasselbe formen zu lassen anstatt es zu studieren.

Der ideale Novizenmeister wäre der, welcher vollständig die monastische Tradition aufgenommen hat und treu den Inhalt weitergeben könnte, ohne jemals irgendeinen der Väter des Mönchtums zitieren zu müssen. Nehmen wir ein Beispiel. Die Zisterzienserväter des 12. Jahrhunderts, die gut die griechischen und lateinischen Väter kannten und sich durch sie haben formen lassen, scheinen sie niemals "gelehrt" zu haben. Man kann sogar sagen, dass sie niemals die Schrift gelehrt haben, selbst wenn sie sie auswendig kannten, sie beständig zitierten und manchmal den literarischen Kunstgriff gebrauchten, der darin bestand, ein Buch der Schrift zu kommentieren als Mittel, ihre geistliche Lehre weiterzugeben. Sie haben das weitergegeben, was sie gelebt haben.

Die Väter, wie die Heilige Schrift, geben ihr Geheimnis nur preis, wenn sie gelesen werden innerhalb einer monastischen Kultur, welche die gleichen Werte verkörpert. Deswegen sei nochmals auf die Wichtigkeit hingewiesen, eine monastische Kultur zu entwickeln, die alle Elemente des Lebens umfasst. Und eines dieser Elemente ist die Arbeit.

4) Arbeit

Für den heiligen Benedikt ist die Arbeit ein wesentliches Element des monastischen Lebens. "Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben" (RB 48,8). Die Arbeit, sei sie nun manuell, intellektuell oder in gewissen Fällen pastoral ist der Ort, wo sich die schöpferische Fähigkeit zeigt, mit anderen und mit Gott zusammenzuarbeiten. Ein Mönch muss also lernen, seriöse Arbeiten zu verrichten im Dienst seiner Kommunität oder im Namen der Kommunität, im Dienste der Kirche und der Gesellschaft.

Die Arbeit wird diese formende Rolle nicht spielen, wenn sie einer Liebhaberei gleichkommt oder wenn sie, wie es leicht geschehen kann, ein Ort wird, wo sich die Machtgier und der Ausdruck des Eigenwillens zeigt.

In einer monastischen Kommunität hat die Arbeit einen solchen Einschlag auf deren allgemeine Atmosphäre und bestimmt deren Gleichgewicht derweisen, dass der Abt den Cellerar nicht allein das materielle Leben der Kommunität organisieren lassen kann. Es untersteht seiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Arbeit dermassen organisiert ist, dass sie zum monastischen Wachstum der jungen und älteren Mönche beiträgt.

IV - Die Etappen der Ausbildung

Selbst wenn die Ausbildung ein Prozess ist, der das ganze Leben andauert, wie dies auf den vorhergehenden Seiten mit Nachdruck gesagt worden ist, so bleibt es doch wahr, dass dieser Prozess sehr von einander verschiedene Phasen kennt, deren jede ihre Herausforderung hat, ihre Gnaden und ihre Probleme. Wir können in diesem kurzen Artikel nicht jede dieser Phasen im Detail analysieren, aber wir möchten sie wenigstens aufzählen und gewisse bedeutendere Aspekte einer jeden von ihnen nennen. Es gibt die Anfangsetappen, wo der Postulant und der Novize mehr Führung und Hilfe brauchen, oder wenn der junge Professbruder viele Dinge zu erlernen hat. Es gibt die zentrale Periode, währendder man durch die Verantwortungen, die man in der Kommunität zu übernehmen hat, wächst. Es gibt auch in jeder Epoche Krisen und schliesslich die letzte Krise des Alters und des Todes. Aber an ganz erster Stelle gibt es die Phase der Unterscheidung der Berufung vor dem Eintritt ins Kloster.

1) Die Phase der Unterscheidung

Man tritt nicht versuchsweise ins Kloster ein, um etwa zu sehen, ob dies einem gefallen wird oder ob man fähig sein wird, den Forderungen zu entsprechen. Man tritt ein, um das monastische Leben zu führen. Gewiss, auf der Basis einer jahrhundertelangen Erfahrung hat die kirchliche Gesetzgebung mehrere aufeinanderfolgende Phasen im monastischen Engagement eingeführt, bevor es zur endgültigen Bindung kommt. Nichtsdestoweniger, wenn der Kandidat nur kommt, um zu "schauen" und nicht mit einer festen Entscheidung, sich von Anfang an ganz dem monastischen Leben zu verschreiben, hat er wenig Aussichten, zu bleiben.

Deswegen ist die dem Eintritt ins Kloster vorausgehende Unterscheidung von wesentlicher Bedeutung. Kandidaten aufzunehmen, ohne diese Unterscheidung vorgenommen zu haben, erweist weder ihnen noch der Kirche noch der Kommunität einen Dienst. Eine seriöse Unterscheidung ist, im Gegenteil, ein kirchlicher Dienst.

Wenn sich jemand im Kloster präsentiert, sind zuerst die Gründe seines Kommens zu unterscheiden. Und wie in vielen Fällen sind sich die Kandidaten nicht immer ihrer wahren Motivierung bewusst, man muss ihnen oft durch eine ziemlich lange Begleitung helfen, ihre Motivierungen zu unterscheiden. Es geschieht nicht selten, dass jemand mit einer Art "Gattungsberufung" zum religiösen Leben kommt oder selbst zum christlichen Leben. Entweder hat er sich plötzlich bekehrt und will sich ganz Gott schenken, oder aber er hat eine tiefe Gebetsgnade empfangen und will sein Leben dem Gebet widmen, oder es handelt sich um einen Priester oder einen tief ins Ministerium engagierten activen Religiösen, der wenig freie Zeit findet und sich nach dem kontemplativen Gebet sehnt. In all diesen Fällen muss man ihnen helfen, zu unterscheiden, ob Gott sie wirklich zum monastischen Leben ruft oder ob er sie nicht vielmehr dazu ruft, die christlichen Werte, nach denen sie so stark das Bedürfnis empfinden, zu vertiefen.

Ein anderer Aspekt der Unterscheidung besteht darin, zu sehen, ob der Kandidat alles besitzt, was notwenig ist, um auf beständige Weise das zu leben, wozu er sich engagieren will: Ausreichende körperliche und psychische Gesundheit, Lebensdisziplin oder die Fähigkeit, diesselbe zu erlangen, Beständigkeit usw. Diejenigen, die in spezieller Weise vom Leben verwundet worden sind: Unglückliche Kindheit, frühzeitige oder negative sexuelle Erfahrungen, Misslingen einer Ehe usw. benötigen besondere Aufmerksamkeit. Wenn sie noch nicht auf positive Weise diese Prüfungen verarbeitet haben, kann eine gute Unterscheidung darin bestehen, ihnen zu helfen, genügend von ihren Wunden zu gesunden vor ihrem Eintritt ins Kloster. Wenn die monastische Kommunität erlaubterweise als eine therapeutische Gemeinschaft angesehen werden darf in dem Sinne, dass wir alle vom Leben verwundet sind, sei es auch nur durch unsere eigenen Sünden, und wenn die Kommunität ein normaler Ort menschlichen, psychischen und geistlichen Wachstums ist, so erweist sich ein Gleichgewicht und eine ausreichende Gesundheit als notwendig, um daraus Nutzen ziehen zu können. Eine Person, deren Wunden die Hilfe eines beruflichen Psychologen verlangen, sollte diese Therapie vor ihrem Eintritt ins Noviziat erhalten. Eine solche Therapie fordert alle psychische Energie einer Person, genauso wie die Ausbildung des Noviziats. Beides kann kaum gleichzeitig gemacht werden.

Eine solide Kommunität mit einer langen monastischen Tradition kann sich leichter erlauben, Kandidaten aufzunehmen, deren monastische Berufung noch unsicher ist. Die endgültige Unterscheidung geschieht dann leicht durch das konkrete Leben. Aber dies ist nicht möglich in einer neuen und kleinen Kommunität. In diesem Fall ist die Identität der Kommunität noch nicht solide genug festgefügt, damit ein Kandidat sich mit ihr konfrontiert und rasch entdeckt, ob er an seinem Platz ist oder nicht. Andernteils wird die Gegenwart eines oder mehrerer Kandidaten, die nicht wirklich eine monastische Berufung haben, den Novizenmeister nötigen, eine kostbare Zeit damit zu verbringen, sich mit ihnen um Probleme zu kümmern, die nichts mit dem monastischen Leben zu tun haben; und die wahren Berufungen werden dadurch umsomehr vernachlässigt werden.

Unter den falschen Motivierungen, aus denen man ins Kloster eintreten kann, gibt es zuerst die Suche nach einer materiellen Sicherheit. Schliesslich ist man so ungefähr sicher, im Kloster drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf zu haben, sowie die notwendigen ärztlichen Dienste im Krankheitsfall. Diese Motivierung besteht wahrscheinlich nicht mehr oft in den Ländern der Ersten und Dritten Welt, kann aber weiterhin in den jungen Kirchen eine Rolle spielen. Das Gleiche gilt für die Suche nach einer sozialen Promotion.

In einer Zeit grosser Unsicherheit auf allen Ebenen wie die unsrige kommt es nicht selten vor, dass man ins Kloster kommt aus einer Suche nach psychologischer und geistlicher Sicherheit. Daran ist nichts auszusetzen, insofern diese nicht die hauptsächlichste Motivierung ist. Man muss vor allem diesen jungen Menschen schnell helfen, ihre Sicherheit in einer Vertrauensbeziehung zu Gott zu finden und nicht in der künstlichen Stütze steifer Strukturen und veralteter Observanzen. Wïr dürfen aus unseren Klöstern keine kulturellen Flüchtlingslager machen.

Ein Grossteil des sogenannten "geistlichen" Schrifttums macht eine schädliche Verwechslung zwischen "die Welt verlassen" im johannäischen Sinn und "der heutigen Kultur den Rücken drehen". Wenn jemand ins Kloster kommt, weil er findet, dass die Welt krank ist und schlecht und er sie verlassen will, um sein Heil im Kloster zu wirken, ist es am Platz, ihn in die Welt zurückzuschicken und ihm zu helfen, diese kranke Welt zu lieben, wie Gott sie geliebt hat. Nur dann kann er in die Wüste fliehen, wie die Wüstenväter; nicht aus Angst vor dem Kampf, sondern gerade um zu kämpfen gegen die Gewalten des Bösen, die aktiv sind nicht nur in der Welt im allgemeinen, sondern auch und vor allem in seinem eigenen Herzen.

Manche kommen ins Kloster, nachdem sie die Erfahrung eines besonderen - charismatischen oder anderen - Typs von christlicher Kommunität gemacht haben mit einer speziellen Spiritualität und einem sehr starken Sinn für Brüderlichkeit. Im Prinzip kann dies eine ausgezeichnete Vorbereitung auf das gemeinschaftliche Leben sein; aber nicht selten schafft dies auch Probleme, wenn "gemeinschaftliches Leben" mit dieser besonderen Form identifiziert wird. Diese Personen finden dann, dass es in der Kommunität, in die sie eingetreten sind, nicht genügend "gemeinschaftliches Leben" gibt, weil sie nicht die gleiche Intensität der kollektiven Fusion finden, die sie vorher gekannt haben. Es gibt eine Intensität mitbrüderlicher Beziehungen, die man in den Versammlungen am Wochenende leben kann, die man sich aber nicht beständig erlauben kann, ohne dass es zum Überdruss kommt.

Das gleiche Prinzip kann angewandt werden auf die verschiedenenen Gebetsformen, die jemand gekannt haben kann vor seinem Eintritt ins Kloster. Es besteht manchmal die Gefahr, das "Gebet" mit der einen oder anderen dieser Formen zu identifizieren. Ein Zeichen der Berufung wird die Fähigkeit sein, einen typisch monastischen Gebetsstil annehmen zu können, das heisst: Das Opus Dei einesteils und das persönliche Gebet, genährt von der lectio divina, andernteils.

2) Das Postulat

Selbst wenn dies nicht ausdrücklich im Kanonischen Recht vorgesehen ist, (Kanon 597 2 spricht jedenfalls von der entsprechenden Vorbereitung vor dem Eintritt ins Noviziat) haben die meisten Kommunitäten ein Postulat, dessen Dauer je nach Fall sehr verschiedentlich sein kann.

Es ist dennoch schade, dass dieses Postulat oft benützt wird, um die Elemente christlicher Doktrin zu lehren (was vor dem Eintritt hätte geschehen sollen) oder um die Belehrung des Noviziats zu beginnen. Dies nimmt dem Postulat den ihm eigenen Charakter des wichtigen Moments des Übergangs.

Der Eintritt ins Kloster ist in der Tat ein wichtiger Moment im Leben einer Person. Es handelt sich um den Übergang von einem Lebensstil zum anderen. Dieser Übergang beginnt mit einer physischen und affektiven Trennung von den persönlichen Aktivitäten und Beziehungen, von denen bis zu diesem Augenblick ein Grossteil der persönlichen Identität des Kandidaten abhing. Wenn dieser die Gnade eines glücklichen Familienlebens hatte und viele Freunde, so wird diese Trennung noch mehr empfunden.

Da er eine Lebensform lässt, ohne schon voll in die andere integriert zu sein, ist es normal, dass der Postulant die Erfahrung einer Entfremdung macht, das heisst, einer Nichtzugehörigkeit und eine tiefe Leere und manchmal eine Art von Frustration fühlt. Dies ist eine Periode von Tod und Auferstehung, in der er mit der Bedeutung all dessen konfrontiert ist, was er vorher gelebt hat, von all dem, durch das er die Person wurde, die er heute ist, von all dem, was er verlassen hat und was er weiterhin liebt (Familie, Freunde usw.).

Der Novizenmeister muss auf dies alles, was die Postulanten in diesem Moment leben, aufmerksam sein. Aber es wäre ein grosser Irrtum, ihnen diesen Moment der "Trauer" zu entziehen. Diese Trauer gut leben, sie bewusst leben, ist von entscheidender Bedeutung für den ganzen Rest des monastischen Lebens. Es wäre ein grosser Irrtum, diese ersten Tage -- und selbst das ganze Postulat -- mit zahlreichen Aktivitäten, Versammlungen, Konferenzen auszufüllen, um die Postulanten zu "beschäftigen". Damit würde man ihnen die Möglichkeit entziehen, bewusst diesen Gang in die Wüste zu tun.

Das Postulat sollte deshalb nicht eine Zeit sein, in der man Kurse und Konferenzen gibt, ausser dem, was wirklich notwendig ist, um sich in die Kommunität einzufügen. Es ist eine geschenkte Zeit, um sich nach und nach daran zu gewöhnen, das monastische Leben zu führen. Der Postulant muss die Entdeckung des neuen "Ortes", wo er lebt, der Kommunität, der Regel und des Abts machen.

3) Das Noviziat und das Monasticat

Obwohl die Unterscheidung der Berufung sich während des ganzen Noviziats fortsetzt, ist dies nicht in erster Linie eine Zeit der Unterscheidung, denn man soll ins Noviziat nur diejenigen aufnehmen, bei denen man schon eine monastische Berufung unterschieden zu haben glaubt. Es ist eine Zeit des Wachstums und der Reife, unter Leitung eines Meisters: Wachstum in der Kenntnis und der Annahme seiner selbst, Wachstum in den gemeinschaftlichen Beziehungen, Wachstum vor allem in der persönlichen Beziehung mit Gott.

Deswegen sollte man dem Novizen helfen, sein Gebetsleben zu vertiefen und sich vom Worte Gottes zu nähren. Man soll ihn stufenweise in Kontakt bringen mit der grossen monastischen Tradition und mit der Belehrung der grossen geistlichen Lehrer, um ihm zu helfen, seine eigene geistliche Spiritualität zu identifizieren.

Das Monasticat, zu oft einzig als eine Zeit des Studiums aufgefasst, weil dasselbe notwendigerweise einen grossen Platz einnimmt, ist zuerst die Zeit, wo der junge Mönch sich in seiner Kommunität verwurzelt, indem er beginnt, Verantwortungen zu übernehmen und wo er sich auf sein endgültiges Engagement vorbereitet.

Wir werden uns bei diesen zwei wichtigen Perioden der Grundausbildung, das Noviziat und das Monasticat, nicht weiter aufhalten, denn viele fachliche Studien handeln über sie.

4) Die Krisen

Zu Beginn des monastischen Lebens empfindet der Mönch normalerweise ein Gefûhl von persönlichem Wohlsein. Es kommt nicht selten vor, eine Person von ihrem Noviziat sagen zu hören, dass sie sich niemals in ihrem ganzen Leben so wohl gefühlt habe. Es ist aber auch nicht selten, dass selbst während dem Noviziat oder einige Jahre später ein Leiden zutage tritt, das vom Bewusstsein persönlicher Probleme kommt, die man seit langem gelöst glaubte und die sich mit einer neuen Intensität zeigen. Wenn man während der ersten Jahre beständig in den Studien oder anderen Aktivitäten steckte, die einem gefielen, kann diese "Krise" viel später kommen. Es kommt nicht selten vor, dass dieselbe zutage tritt kurz nach der feierlichen Profess oder, im Fall der Priestermönche, kurze Zeit nach der Priesterweihe.

Diese persönlichen Probleme können verschiedener Natur sein. Es kann sich um eine ungenügend integrierte oder verwirrte Sexualität handeln. Es kann sich um psychologische Wunden drehen, die von familialen alkoholischen Gesamtumständen herrühren. Es kann sich um einen schwierigen Charakter handeln oder um unvorhergesehene und unerwartete Launenwechsel usw. Das Schweigen und die Einsamkeit der monastischen Wüste, der Mangel an menschlicher Stütze und die grosse Schwierigkeit, auf unbestimmte Zeit seine Masken in einem gemeinschaftlichen Leben zu behalten, erlauben diesen Problemen, hochzukommen.

Offensichtlich handelt es sich hier nicht um die dem monastischen Leben eigenen Probleme. In der Welt hätten sie sich wahrscheinlich nacheinander gezeigt und vielleicht eine Lösung in einer gelungenen Karriere, eine psychologische Hilfe oder die Therapie einer guten Ehe gefunden. Im Kloster geschieht es nicht selten, dass sie sich alle miteinander zeigen. Das ist der Moment, um zu prüfen, ob das Haus auf den Felsen oder auf Sand gebaut ist (Mt. 7,25).

Wenn das gemeinschaftliche Leben den Durchbruch einer solchen Krise begünstigt, so bieten gemeinschaftliche Gesamtumstände auch das Mittel, sie in positiver Weise zu leben, mit der Gnade Gottes, der Unterscheidung eines geistlichen Vaters und der Stütze der Brüder. Jeder Übergang zu einem neuen Wachstum schliesst eine Art positiver Auflösung der Persönlichkeit ein, die sich auf neuen Grundfesten wiederherstellen muss. Viele Zustände, die heutzutage als nervöse Depressionen gelten (und als solche behandelt werden), sind wahrscheinlich solche Krisen, in der Sprache der Mystiker "dunkle Nächte" genannt und bieten die Aussichten eines qualitativen Sprungs im menschlichen und geistlichen Wachstum. Dies ist das wesentlichste Element der Fortbildung, die man allzuoft mit periodischen Weiterbildungskursen gleichsetzt.

Eine monastische Kommunität muss schliesslich besonders darauf aufmerksam sein, jedem ihrer Mitglieder zu helfen, ruhigen Gemütes durch die grosse Endkrise hindurchzugehen, jene, die niemand vermeiden kann, und die den Siegel des Geistes auf seine Gleichförmigkeit mit Christus setzt.

Schlussfolgerung

Nach der Regel des heiligen Benedikt wird der ins Kloster Neuangekommene geformt, indem er das Leben der Kommunität mitlebt. Deswegen wird er einem reifen Mönch anvertraut, der voller Unterscheidungsgeist und Eifer für die Seelen ist und dessen wesentlichste Rolle darin besteht, darauf zu achten, ob der Neuangekommene Eifer für die Elemente des monastischen Lebens, die ihn vor allem formen müssen, zeigt: Das Gebet der Kommunität, der Gehorsam und die Demütigungen.

Dies ist der Weg der Ausbildung, den uns das monastische Leben anbietet, um zur Freiheit des Herzens zu gelangen, die uns erlaubt, mit erweitertem Herzen durch die Glut der Liebe auf dem Weg der göttlichen Gebote zu eilen und mit der Gnade Gottes am Tag der Begegnung zur vollen Umgestaltung zum Bild Christi zu gelangen.

Rom, den 4. Oktober 1995

Armand VEILLEUX