Mentalitätsprobleme

Tragweite

Ein wesentlicher Grund für unterschiedliche Entwicklungen und Konflikte dürfte die verschiedenartige Mentalität von Menschen oder Volksgruppen sein. Häufig beruht diese Verschiedenartigkeit auf Religion, ethnischer Zugehörigkeit und/oder mangelnder Kommunikation (Sprache, geologisch getrennte Siedlungsgebiete). Die Mentalität gehört zusammen mit der Faktorausstattung eines Landes und den Rahmenbedingungen zu den grundlegenden Bestimmungsgrößen für das Verhalten der Bevölkerung und damit für ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Wohlergehen. So hat die wohlstandsförderliche Mentalität der Bevölkerung selbst in Regionen, die ursprünglich durch ihre Faktorausstattung geologisch (Schweiz) oder klimatisch (Singapur) stark benachteiligt waren, den Aufstieg zu einem beachtlichen Wohlstand ermöglicht.

Mentalitätsunterschiede schlagen sich vor allem in folgendem nieder:

  1. Bedeutung und Art von Grundvorstellungen, Prinzipien oder  Handlungsanweisungen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen als übergeordnet ansehen, die sie selbst befolgen und/oder deren Beachtung sie auch von anderen fordern. Hierzu gehören insbesondere

    1. religiöse Überzeugungen;

    2. Weltanschauungen.

  2. Staatsverständnis, d.h.

    1. Einvernehmen über Bereiche, in denen zugunsten einer Dauerregelung auf Eingriffe der demokratischen Organe (Regierung oder Parlament) verzichtet wird (Beispiel: Unabhängigkeit der Rechtsprechung, der Zentralbank, des Rechnungshofes);

    2. Auffassungen über die Fähigkeit des Staates, mit seinen Instrumenten eine angestrebte Entwicklung zu realisieren (bzw. Fehlentwicklungen zu verhindern) sowie über die geeignete Kombination staatlicher und privater Aktivitäten;

    3. Stellenwert, der der eigenen Nation in der Welt zuzuordnen ist.

  3. Vorstellungen über die Zweckmäßigkeit und/oder Bedeutung wirtschaftlicher Lenkungs- oder Strukturparameter, insbesondere

    1. flexibler Faktor- und Gütermärkte (Effizienz- versus Sozialaspekt);

    2. bestimmter Entwicklungsdeterminanten (wie Kapitalintensität, Investitionsquote oder staatliche Ersparnis);

    3. der Zinsfunktionen (wie Steuerung der Geldmenge, Orientierung des Ressourceneinsatzes, Beeinflussung der Nachfrage oder des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts);

    4. der Wechselkurse (insbesondere für den Ausgleich unterschiedlicher Entwicklungen zwischen Ländern).

  4. Einstellung des Individuums zu seiner Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft, insbesondere die Bereitschaft zu eigener Verantwortung

    1. für sich und seine Familie. Hierzu gehören

      1. Initiative (Arbeitsplatzsuche) und Zukunftsvorsorge (Alters- und Risikoversicherung);

      2. auf augenblickliche Vorteile zugunsten einer künftigen Wohlfahrtssteigerung zu verzichten (längere Arbeitszeit, Beschränkung von Entlohnung und Sozialleistungen);

      3. lebenslanges Lernen und (beruflicher und räumlicher) Mobilität;

    2. in Gesellschaft und/oder Politik, d.h.

      1. die Rechte anderer zu respektieren, selbst wenn diese nicht mit seinen Präferenzen übereinstimmen;

      2. den Staatsbürgerpflichten nachzukommen und konstruktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

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Mentalität und Politik

Die weitgehend erfolgreiche internationale Liberalisierung hat die relativen Vorteile verschiedener Länder, d.h. ihre Unterschiede in Faktorausstattung, Mentalität und Rahmenbedingungen, genutzt und so den Wohlstand aller beteiligten Länder über eine gleichgerichtete Politik zugunsten eines freien Waren-, Dienstleistungs-, Personen- und Kapi talverkehrs erhöht.

Die Politiker wollen ähnliche Erfolge wiederholen und bemühen sich daher, in einem möglichstgroßen geographischen Raum eine gleichgerichtete Politik auch auf anderen Sachgebieten zu verfolgen.

Der prinzipielle Unterschied zwischen Politikbereichen, die Unterschiede nutzen, und Bereichen, die Gemeinsamkeiten erfordern, wird jedoch zu wenig beachtet.

Die Politik der internationalen Liberalisierung gehört zur ersten Gruppe, wobei hier die Möglichkeiten für weitere abgestimmte oder gemeinsame Maßnahmen nahezu ausgeschöpft sind.

Gegenwärtig richten sich die Bestrebungen der meisten Verantwortlichen vornehmlich auf die zahlreichen Politikbereiche der zweiten Gruppe. Dabei tragen sie aber den Mentalitätskonvergenzen und -divergenzen auf den verschiedenen Politikfeldern nicht Rechnung. Stimmt in einem Sachbereich die Politik der staatlichen Instanzen mit der Mentalität einer oder mehrerer Volksgruppen überein, kann mit einer breiten Unterstützung (eventuell sogar über Sprach- oder Landesgrenzen hinweg) gerechnet werden. Fehlt diese Übereinstimmung, dürfte eine weithin akzeptierte Politik - egal welche - kaum möglich sein.

Solche Divergenzen existieren sowohl innerhalb eines Landes (Bayern, Saarland) als auch zwischen hoch entwickelten und wirtschaftlich eng verflochtenen demokratischen Staaten (Deutschland, Frankreich). Dabei tritt heute stärker als früher die Bedeutung von Mentalitätsgrenzen gegenüber der von Landesgrenzen hervor. Besonders schwierig wird es, wenn mehrere Staaten sich auf eine gemeinsame Politik verständigen sollten, ein Partner aber auf seiner nationalen Eigenart in einem bestimmten Bereich (Sprache, Kultur, Staatsverständnis usw.) beharrt.

Die politischen Instanzen sollten folglich beachten, daß bei der Vergemeinschaftung bestimmter Politikbereiche die Akzeptanz und die Erfolgsaussichten davon abhängen, inwieweit diese Politik der Mentalität der betreffenden Volksgruppen oder Völker entspricht.

Die Gesellschaftsordnungen unserer Länder beschränken sich im wesentlichen darauf, Bildung, Toleranz, Freiräume und Kompromißbereitschaft für den Umgang mit unterschiedlichen Mentalitäten anzubieten, wobei die längerfristigen Folgen von Mentalitätsunterschieden ignoriert werden. Den daraus resultierenden Konflikten steht unsere Gesellschaft (Staaten und internationale Organisationen) bisher ziemlich hilflos gegenüber.

Mentalitätsunterschiede führen häufig zu einem Wohlstandsgefälle, das Animositäten zwischen Menschen oder Volksgruppen hervorruft oder verstärkt. Meist fehltdasBewußtsein, daß zwischen Mentalität und Wohlstand ein wechselseitiger Zusammenhang besteht. Bleibt der Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe hinter dem einer anderen zurück, wird das oft zu einseitig auf das Verhalten der besser gestellten Gruppe oder äußere Umstände zurückgeführt. Die wohlhabendere Gemeinschaft fühlt sich zu Unrecht für etwas verantwortlich gemacht, was sie nicht verursacht hat und auch nicht bewirken wollte. Damit beginnt ein gegenseitiges Aufschaukeln von Animositäten, das die Beteiligten kaum noch kontrollieren können und das sogar dem Einfluß traditioneller politischer Mittel entgleitet. Beendet wird der Konflikt erst dann, wenn ein unverhältnismäßig großer Schaden entstanden ist, die streitenden Parteien erschöpft sind oder eine dritte Instanz eingreift (Gericht, militärische Intervention usw.). 
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Mentalitätsunterschiede

Zwischen Staaten

Wie stark sich die Mentalitäten von Land zu Land unterscheiden, zeigt bereits das Beispiel Deutschlands und Frankreichs. Da in Frankreich vom Staat (und seinen Unternehmen) eher erwartet wird, daß er bestimmte öffentliche Aufgaben wahrnimmt ("service publique"), wird ihm im Bewußtsein seiner Bürger eine bedeutendere Rolle zuerkannt als in Deutschland. Die französische Bevölkerung bringt deshalb auch widerstandslos die notwendigen Mittel für einen größeren und wieder steigenden Anteil staatlicher Bediensteter auf (Link zu Schaubild im folgenden Katen). | Inhalt | Content | Contenu |

Schaubild: Mentalitätsindikatoren

Lohn- und Gehaltsempfänger des Staates in % der Bevölkerung

Bundesrepublik, Frankreich, USA, Japan

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Quelle: OECD, National Accounts. - 

In den letzten Jahren führten Mentalitätsunterschiede zwischen ethnischen Gruppen verstärkt zuSpannungen unter Staaten. Nachdem in den ehemaligen Ostblockländern die diktatorische Klammer weggefallen war, die früher den Zusammenhalt gewährleistete, brachen Animositäten aus, die selten die Form offiziell erklärter Auseinandersetzungen annahmen, aber bisweilen erhebliche internationale Weiterungen hatten.

Selbst internationale Truppeneinsätze konnten zeitweilig offen ausgetragene Gewaltsamkeiten nicht unterdrücken. Noch weniger vermochten sie die tiefer liegenden Gründe zu beseitigen. Erinnert sei nur an die Erfahrungen in Somalia oder in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. | Inhalt | Content | Contenu |

Spannungen sind auch zwischen großen demokratischen Ländern möglich, wenn die eigentlichen Gründe für ein unterschiedliches Verhalten nicht verstanden werden. Wie wichtig diese Zusammenhänge sind, zeigt z.B. ein Vergleich der Entwicklung in USA und Japan seit 1960.

Zu Beginn der 60er Jahre lag der Wohlstand in Japan weit unter dem der USA. Die japanischen Traditionen förderten jedoch eine hohe Arbeitsmoral und einen sparsamen Lebensstil. Die Menschen waren gewohnt, nur einen beschränkten Teil ihrer Produktion sofort zu konsumieren. Die USA hingegen hatten bereits seit langem einen vergleichsweise hohen Lebensstandard, und die Bevölkerung sah sich weniger veranlaßt, zugunsten einer weiteren Wohlfahrtssteigerung auf unmittelbaren Verbrauch zu verzichten. Die Investitionsquoten beider Länder sind die Folge dieser Mentalitätsunterschiede. Das Schaubild im folgenden Kasten läßt erkennen, daß die japanische Investitionsquote die amerikanische bereits in den 60er Jahren weit übertraf.

Schaubild: Mentalitätsindikatoren

Investitionsquoten (1)

Japan, USA, Bundesrepublik

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Quelle: OECD, National Accounts. -  (1) Bruttoanlageinvestitionen in % des Bruttoinlandsprodukts.

Investitionsquoten, die drei Jahrzehnte und länger derart voneinander abweichen, bewirken ein sehr unterschiedliches Wachstum des Kapitalstocks, was allein schon erklärt, daß die Arbeitsproduktivität in Japan weit stärker stieg als in den USA.

Dementsprechend verbesserte sich auf dem Weltmarkt das Angebot japanischer Waren und ihr Preis-Qualitäts-Verhältnis weit schneller als das der amerikanischen Produkte. Im Rahmen dieser Entwicklung konnten japanische Güter auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen und amerikanische Erzeugnisse teilweise verdrängen. Umgekehrt hatten die amerikanischen Produkte auf dem japanischen Markt, der wegen der typischen nationalen Eigenarten für ausländische Produkte schwer zugänglich ist, wenig Chancen. Beide Tendenzen führten in den USA zu Abwehrreaktionen, deren Ausmaß die japanische Seite als ungerechtfertigt empfand.

Schließlich kam es zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf sich beide Verstöße gegen die internationalen Handelsvereinbarungen vorwarfen. So unterstellten die Amerikaner, daß der schwierige Zugang zum japanischen Markt eine bewußte Abschottung vor US-Produkten darstellt, während die Japaner die amerikanischen Drohungen und Auflagen als Willkürreaktion des stärkeren Partners ansahen.

Das unzulängliche Verständnis für Mentalitätsunterschiede und deren Auswirkungen kann somit Ressentiments auslösen, die die internationale Entwicklung beeinträchtigen.

Ernste Gefahren entstehen, wenn sich bestimmte Völker oder Volksgruppen anderen überlegen fühlen und versuchen ihre Hegemonie auf diese auszudehnen oder wenn Ressentiments fanatischen oder machthungrigen Politikern als Nährboden dienen und zu unvertretbaren Handlungen ausgenutzt werden. 
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Innerhalb von Staaten

Innerstaatliche Mentalitätsdivergenzen waren in den letzten Jahren häufig Ursache von Auseinandersetzungen, die bisweilen den Zerfall der staatlichen Einheit bewirkten.

In einigen vormals kommunistischen Staaten (UdSSR, Jugoslawien) ist es Bevölkerungsgruppen mit eigenständiger Mentalität gelungen, sich aus dem erzwungenen Zusammenhalt zu lösen und als selbständige Staaten zu organisieren (Baltische Staaten, Ukraine, Georgien usw.) Der ehemaligen Sowjetunion blieb somit ein Großteil gewaltsamer Konflikte erspart. In anderen Ländern leben Minderheiten in einem größeren staatlichen Verband (Tibetaner, Uiguren, Basken usw.) oder in grenzübergreifenden Gebieten (Kurden, Armenier), die noch immer nach mehr Eigenständigkeit streben. Suchen die politischen Instanzen gegenüben diesen Volksgruppen ihren Willen von oben durchzusetzen, erzeugen sie Widerstand von unten, der leicht zu einer sich gegenseitig verstärkenden Gewaltspirale führt.

Durch die umfangreichen Wanderungen im Zuge von Globalisierung, politischem Umbruch und gewaltsamen Auseinandersetzungen gelangen Menschen und Volksgruppen in Aufnahmeländer, deren Bevölkerung bisher relativ homogen war. Da die Mentalität der Zuwanderer sich häufig erheblich von der im Aufnahmeland unterscheidet, entsteht damit ein beachtliches Konfliktpotential. | Inhalt | Content | Contenu |

Daneben entwickelt sich in unseren Ländern schon aufgrund der Rahmenbedingungen, unter denen junge Menschen aufwachsen, ein endogenes Konfliktpotential. Unzureichende Fürsorge und ein mangelhaftes Bildungssystem bewirken, daß das Anspruchsdenken gefördert, aber die Bereitschaft zum Lernen nicht stimuliert wird. Hinzu kommt, daß keine konstruktive Motivation vermittelt und der Zusammenhang zwischen Rechten und Pflichten nicht genügend eingeprägt wird, so daß jungen Menschen das Rüstzeug für ihre Eingliederung in die Gesellschaft fehlt.

Bleiben oder werden sie dann noch arbeitslos, geraten diese Menschen häufig in die Ausgrenzung und nehmen die Mentalität einer Subgesellschaft an. Diese Geisteshaltung verringert zusätzlich ihre Chancen, sich in die Gesellschaft wieder einzugliedern. Konflikte und Gewaltsamkeiten sind so vorprogrammiert.

Ein weiteres Merkmal ist, daß die Mitglieder von Minderheiten oder bestimmter Bevölkerungsgruppen ihre andersartigen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, die auf gesellschaftlichen, religiösen oder ethnischen Unterschieden beruhen, heute offen bekunden. Sie halten daran unbeirrlich fest, was den Zusammenhalt innerhalb dieser Volksgruppen positiv, aber ihr Verhältnis zur Mehrheit negativ beeinflußt.

Viele ethnische und soziale Volksgruppen tendieren zu einem konzentrierten Zusammenleben in bestimmten Stadtvierteln oder Regionen. Ein typisches Beispiel ist New York mit Harlem, Chinatown, Little Italy usw. Häufig wird ein bestimmtes Gebiet durch die ethnische oder soziale Homogenität seiner Bewohner treffender charakterisiert als durch seine Zugehörigkeit zu einem administrativen Gebilde wie Stadt, Region oder Staat.

Gibt es in einer Gesellschaft verschiedene Volksgruppen mit gemeinsamer Sprache und ähnlichen Grundvorstellungen vom Zusammenleben, können sie ihre gegenseitige Komplementarität nutzen.  So füllen einzelne Volksgruppen aufgrund ihrer spezifischen Fähigkeiten vielfältige Marktnischen aus, tragen zur wirtschaftlichen Stärkung oder kulturellen Vielfalt bei und verbessern somit die Grundlagen für künftige Wohlfahrtssteigerungen. Einige streben eher als andere nach einer selbständigen Erwerbstätigkeit, sind innovationsfreudiger oder zeichnen sich durch besondere Disziplin, Verläßlichkeit, Handfertigkeit, Musikalität usw. aus und bereichern so die Angebotspalette.

Auch ausgebildete und informierte Bürger sind nur begrenzt bereit, Toleranz zu üben und Freiräume zuzugestehen, wenn ihre persönlichen Interessen von anderen Bevölkerungsgruppen merklich beeinträchtigt werden. Spannungen und Auseinandersetzungen lassen sich dann kaum vermeiden. Die Stabilität und Entwicklungsfähigkeit eines gesellschaftlichen Gebildes hängt aber weitgehend davon ab, wie stark die Tendenz zum Zusammenhalt oder zum Auseinanderfallen ist.
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Ein gedankliches Beispiel mag dies verdeutlichen. Nehmen wir an, zwei Bevölkerungsgruppen (A und B) leben zusammen in einem Staat mit Finanzausgleich. Die Gruppe A ist etwas größer als die Gruppe B. Beide leben jeweils in verschiedenen Landesteilen. Nach einer gemeinsamen Katastrophe - beispielsweise einem Krieg - weisen sie im Ausgangsstadium etwa denselben Lebensstandard auf.

Im Fall 1 besteht der Hauptunterschied darin, daß die Gruppe A aufgrund ihrer Mentalität dem eigenen wirtschaftlichen Fortschritt größere Bedeutung beimißt und insbesondere eine deutlich höhere Spar- und Investitionsquote hat als die Gruppe B. Unter diesen Bedingungen erreicht die Gruppe A nach einigen Jahrzehnten einen merklich höheren Lebensstandard. Insbesondere überträgt sie im Rahmen des Finanzausgleichs erhebliche finanzielle Mittel an die (ärmere) Gruppe B. Da die Wohlstandsunterschiede größer werden, nimmt die Nettozahlung an die Gruppe B ständig zu, ohne daß sich die Unterschiede verringern. Die Mitglieder der Gruppe A sehen immer weniger ein, weshalb sie für ihre größere Spar- und Investitionsleistung mit einer steigenden Nettozahlung an B "bestraft" werden sollen. In einem weiteren Stadium messen sie den Nachteilen der Zahlungen an die andere Gruppe mehr Gewicht bei als den Vorteilen aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Entwickeln sich angesichts der Wohlstandsunterschiede auch noch Animositäten, wird bei A der Ruf nach Einstellung der Nettozahlungen an B laut. Diese Desintegrationstendenz verringert die Kohäsion erheblich und kann sogar zur Spaltung des Staates führen. Da die (reichere) Gruppe A über die parlamentarische Mehrheit verfügt, kann die Staatsteilung mit relativ friedlichen Mitteln erfolgen, zumal wenn beide Gruppen an den Vorteilen eines freien Güter- und Faktorverkehrs zwischen den neuen Staaten weiterhin interessiert sind.

Im Fall 2 kommt zum unterschiedlichen Spar- und Investitionsverhalten hinzu, daß die Gruppe B wegen ihrer spezifischen Mentalität eine wesentlich höhere Geburtenquote aufweist als A. Nach einigen Jahrzehnten ist die (ärmere) Gruppe B größer als A und hat eindeutig die parlamentarische Mehrheit erlangt. Empfängt sie wegen ihres zahlenmäßigen Übergewichts im Rahmen des Finanzausgleichs eine höhere Nettozahlung von A als im ersten Fall, dürfte A nachdrücklicher und/oder früher die Einstellung der Nettozahlungen fordern. Will die Gruppe B den Frieden und den Zusammenhalt bewahren, dürfte es in ihrem Interesse sein, auf die Forderung der Minderheit einzugehen. Tut sie das nicht, d.h. nutzt sie ihre parlamentarische Mehrheit, um auf der Nettozahlung im Rahmen des Finanzausgleichs zu bestehen, ist kaum mit einer demokratischen Lösung zu rechnen. Die Konstellation ist dann so verfahren, daß der Zusammenhalt tiefgreifend erschüttert ist. Weder Bildung noch Toleranz können den Zerfall des Staates oder gar eine gewaltsame Auseinandersetzung verhindern
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Verhaltensmerkmale

Das Zusammenleben von Minder- und Mehrheiten ist im Prinzip ein wechselseitiger Prozeß. Wie eine Mehrheit auf eine Minderheit reagiert, wird zum großen Teil durch das Verhalten der letzteren bestimmt. Normalerweise kann eher erwartet werden, daß die Minderheit auf die Mehrheit eingeht als umgekehrt. Auch ist das Verhalten gegenüber Angehörigen einer anderen Gruppe bildungsbedingt. So zeigt sich, daß Gruppenmitglieder mit geringerer Allgemeinbildung eher zu Intoleranz neigen als andere. Ferner differenzieren viele ihr Verhalten gegenüber anderen ethnischen Gruppen je nachdem, ob es sich z.B. um Inder, Chinesen, Afrikaner oder Romas handelt. In beiden Fällen dürften die Verhaltensweisen durch Appelle an Verständnis und Toleranz kaum zu ändern sein.

Ob Minderheiten ihre Umgebung bereichern oder destabilisieren, hängt weitgehend davon ab, ob und inwieweit ihre Mitglieder

Die Kombination dieser Gesichtspunkte und ihre Ausprägung bestimmen die Art der Impulse, die von einer Minderheit mit anderer Mentalität ausgehen.

Grob schematisiert lassen sich diese Merkmale wie folgt kombinieren:

  1. Kommunikationsfähig: Beherrscht eine Minderheit die Sprache ihrer Umgebung, ist eine wesentliche Voraussetzung für die Integration in ihr gesellschaftliches Umfeld gegeben. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach ihrer Integrationswilligkeit.

    1. Integrationswillig: Viele Zuwanderer passen sich bis zu einem gewissen Grad an die Eigenarten ihrer neuen Umgebung an, selbst wenn sie ihre angestammten Präferenzen und Traditionen teilweise beibehalten. Indem sie auf ein Leben in einer Gruppe gleichartiger Mentalität verzichten, beweisen sie Integrationswillen und erhöhen damit die Aufnahmebereitschaft ihrer andersartigen Umgebung. Integrationswillige Menschen können in der Regel auch ihren Lebensstandard ähnlich gestalten wie ihr Umfeld und die Entwicklungsmöglickeiten des Aufnahmegebiets bereichern.

    2. Nicht integrationswillig: Angehörige einer Volksgruppe, die lieber in einem Milieu gleichartiger Mentalität leben, werden gewöhnlich danach trachten, sich örtlich, d.h. in Stadtteilen oder Regionen, zu konzentrieren. Dort fühlen sie sich geborgen und anerkannt. Doch ist fraglich, wie wohlstandsförderlich die Mentalität dieser Gruppe ist.

      1. Ähnliche Wohlstandsmentalität: Entwickelt sich der Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe infolge ihrer Präferenzen oder Traditionen ähnlich wie der ihrer Umgebung, bestehen gute Chancen, daß die Minderheit mit ihrem Umfeld friedlich zusammenlebt.

      2. Relativ wohlstandsförderliche Mentalität: Gelingt es einer Minderheit, ihren Wohlstand leicht erkennbar über den ihrer Umgebung zu steigern, entstehen Mißgunst und Neidgefühle, die das harmonische Zusammenleben nachhaltig beeinträchtigen können (Ausbeuter, Wucherer usw.).

      3. Relativ wohlstandsabträgliche Mentalität: Führt die Mentalität einer Minderheit zu einem wesentlich geringeren Wohlstand als dem ihrer Umgebung, wird in der Regel auf die mangelnden materiellen und finanziellen Ressourcen der ärmeren Gruppe verwiesen und eine entsprechende Kompensation gefordert. Auch wenn zunächst Hilfen gewährt und Ressourcen übertragen werden, können sie die Folgen einer wohlstandsabträglichen Mentalität nicht nachhaltig ausgleichen. Die Enttäuschung der wohlhabenderen Mehrheit über den mangelnden Erfolg ihrer Unterstützung bewirkt, daß die Hilfe schließlich auf ein Mindestmaß reduziert oder gar eingestellt wird. Unter solchen Umständen dürfte auf Dauer kaum zu verhindern sein, daß sich ein Konfliktpotential anstaut und es mehr oder weniger häufig zu Gewalttätigkeiten kommt (vgl. auch vorstehendes Beispiel, Fall 2) .

  2. Nicht oder wenig kommunikationsfähig: Sind die Mitglieder einer Gruppe aufgrund ihrer Mentalität zu passiv oder nicht in der Lage, die Sprache ihrer Umgebung zu lernen, bleiben sie von ihrem gesellschaftlichen Umfeld weitgehend isoliert. Das trifft auch zu, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen ihre Kommunikation mit der Umwelt bewußt beschränken, beispielsweise wenn sie die Sprache ihrer Umgebung kennen, sich aber weigern, sie zu sprechen. In beiden Fällen mangelt es an gegenseitiger Anerkennung und Kooperation. Damit entsteht ein Konfliktpotential, dessen Ausmaß davon abhängt, wie groß die Minderheit ist.

    1. Bei einer großen Minderheit finden die Mitglieder Verständnis innerhalb ihrer Gemeinschaft und ein gewisses Maß an Befriedigung. Die Aversion gegen ihr gesellschaftliches Umfeld kann hierdurch teilweise kompensiert werden, doch bleibt ein gewisses Ressentiment bestehen.

    2. Stellt die Minderheit nur eine relativ kleine Gruppe dar, können ihre Mitglieder nur mit den wenigen Gesprächspartnern ihrer Gruppe kommunizieren. Auch finden sie außerhalb ihrer Gemeinschaft weder Verständnis noch Resonanz. Kommt noch ein Wohlstandsunterschied im Vergleich zu ihrer Umgebung hinzu, wird er besonders deutlich empfunden. Die Angehörigen der ärmeren Minderheit sehen keinen Ausweg für sich, treten ihrer Umgebung mit Indifferenz oder Aversion  gegenüber und sind leicht zu Gewaltausbrüchen zu bewegen.

Das obige Schema ist nicht erschöpfend und zeigt nur einige Kombinationsmöglichkeiten der genannten Merkmale. 
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Konfliktbegrenzung

Wesentliche Gründe für Konflikte liegen außerhalb unserer herkömmlichen Wert- und Gesellschaftsvorstellungen. Verhaltensweisen, die auf unterschiedliche Ansichten über die Unter- oder Überordnung weltlicher und religiöser Normen zurückgehen oder auf anderen Auslegungen religiöser Texte (beispielsweise des Korans) basieren, führen bisweilen zu ernsten Spannungen.

In manchen Fällen ist zwischen Gruppen mit verschiedenartiger Mentalität eine Verständigung nur möglich, wenn eine Seite auf Elemente ihres Wertesystems verzichtet. Das mag zwar ein augenblickliches und punktuelles Problem umgehen, dürfte aber kaum ein allgemeines und dauerhaftes Mittel zur Konfliktbewältigung sein.

Da Mentalitätsunterschiede im allgemeinen tief in den Menschen verwurzelt sind, wäre es illusorisch, sie kurzfristig beeinflussen zu wollen.

Die Ansatzpunkte einer Strategie, die Konflikte zu vermeiden oder einzudämmen vermag, sind folglich begrenzt. Auch dürfte eine solche Strategie nur anhaltenden Erfolg haben, wenn sie auf lange Sicht verfolgt wird.

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