Erneuerung des demokratischen Prozesses

Selbstbewußtes Bürgertum

Grundkonzeption

Unsere herkömmliche Konzeption von der Gesellschaft beruht weitgehend auf einem Unter- und Überordnungsverhältnis zwischen Bürgern und Staatsgewalt. An der Spitze eines föderativ aufgebauten Staates steht der gewählte Staats- oder Regierungschef, der im Prinzip die Richtlinien der Politik bestimmt. Dann folgen die lokalen Gebietskörperschaften (in Deutschland Länder und Gemeinden). Die Basis bildet die überwältigende Mehrheit der Bürger, der eine mehr passive als aktive Rolle gegenüber dem Staat verbleibt.

An die Stelle dieses traditionellen Über- und Unterordnungsverhältnisses sollte ein gleichrangiges Gegenüberstehen von Bürgern und Staat treten. Das gleichberechtigte Zusammenwirken von ausreichend informierten Bürgern und Staatsorganen dürfte zu einem befriedigenderen gegenseitigen Verhältnis sowie zu einer besser verstandenen und effizienteren Politik führen.

Das Auftreten verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen kann als erster Schritt in diese Richtung angesehen werden. Auf nationaler Ebene sind z.B. der Bund der Steuerzahler oder die Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer zu nennen, auf internationaler Ebene Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International.

Ein solcher Umorientierungsprozeß ist jedoch nicht ohne weiteres realisierbar, sondern setzt auf mehreren Gebieten tiefgreifende Umgestaltungen voraus. 
| Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

 

Mindestkenntnisse, Bildung und Schule

In unserem zunehmend komplexen und schwer überschaubaren Gemeinwesen ist die überwältigende Mehrheit der Bürger nur unzulänglich über elementare Tatbestände, Zusammenhänge und Lenkungsmechanismen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens unterrichtet.

So wird beispielsweise in wirtschaftlichen Analysen und Diskussionen die bereits behandelte Kapitalintensität, d.h. das Verhältnis aus Kapitalstock und Erwerbstätigen, viel zu wenig beachtet. Diese Beziehung kann auch wie folgt ausgedrückt werden:

Aus ihr läßt sich der folgende grundlegende gesamtwirtschaftliche Zusammenhang ablesen:

  • Die Zahl der Erwerbstätigen steigt (sinkt) in dem Maß, wie das Wachstum des Kapitalstocks über (unter) demjenigen der Kapitalintensität liegt.

  • Kapitalintensität, 
    die Faktoren Arbeit und Sachkapital
    sowie Arbeits- und Kapitalproduktivität

    Schaubild

    Bundesrepublik Deutschland (a),  1950 = 100

    --------------------------------------

    Quelle: Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (Fachserie 18). - (a) 1950-1960: Ohne Saarland und Berlin; 1960-91: Früheres Bundesgebiet; Ab 1991: Deutschland. - (b) Bruttoinlandsprodukt in Preisen von 1991 je Erwerbstätigen. - (c) Bruttoanlagevermögen in Preisen von 1991 (Jahresmitte). - (d) Kapitalstock je Erwerbstätigen. - (e) Bruttoinlandsprodukt in Preisen von 1991 je Kapitalstockeinheit. 

    --------------------------------------

    Die Steigung der Kurven drückt ihre Zuwachsrate aus. Wird eine Kurve flacher (d.h. nimmt die Steigung ab), geht die Zuwachsrate zurück (und umgekehrt).  Außerdem ist in der logarithmischen Darstellung die Differenz zwischen den Kurven des Kapitalstocks und der Kapitalintensität gleich der Kurve der Erwerbstätigen. Der rechte Teil des  Schaubilds verdeutlicht diesen Zusammenhang.

    Soll die internationale Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Arbeitsplätze längerfristig erhalten bleiben, darf die Entwicklung der Kapitalintensität nicht über längere Zeit hinter der im Ausland zurückbleiben. Folglich gilt:

  • Zeichnet der internationale Wettbewerb einem Land die für den längerfristigen Erhalt seiner Wettbewerbsfähigkeit notwendige Erhöhung der Kapitalintensität vor und drückt die Zunahme der Erwerbstätigen ein politisches Ziel aus, ist gleichzeitig die unerläßliche Kaitalstockerhöhung bestimmt.

    Schwächt sich aber das Wachstum des Kapitalstocks ab, kann die Erwerbstätigenzahl nur steigen, wenn die Kapitalintensität entsprechend langsamer zunimmt (wie von 1984 bis 1991).

  • Längerfristig werden dann aber die inländischen Arbeitsplätze immer weniger wettbewerbsfähig.

    Ein anderes Beispiel sind die Preise (einschließlich Löhne, Mieten, Zinsen, Aktien- und Wechselkurse). Sie werden heute weitgehend unter Gerechtigkeits- oder Sozialaspekten beurteilt, wobei ihre Lenkungsfunktion für den Ressourceneinsatz nur unzulänglich berücksichtigt wird. Diese Lenkungsfunktion ist aber eine wesentliche Voraussetzung für die rationale Anpassung an veränderte Situationen.

    Das läßt sich an den Agrarpreisen verdeutlichen. Sind bestimmte Produkte knapp, sieht sich der Staat veranlaßt, aus sozialen Gründen Höchstpreise festzusetzen, die aber im Verhältnis zur Nachfrage zu niedrig sind. Es kommt zur Rationierung und/oder zum Schwarzmarkt mit noch höheren Preisen. Die umgekehrte Situation entsteht, wenn staatliche Instanzen die Agrarpreise regeln, um den Erzeugern ein ausreichendes Einkommen zu sichern und sie von der Landflucht abzuhalten. Werden den Landwirten zu hohe Mindestpreise im Verhältnis zur Nachfrage garantiert, kommt es zu Überschußproduktionen, die lediglich begrenzte Zeit lagerfähig sind und/oder von den staatlichen Einlagerungsstellen nur zu einem geringeren Preis, durch Subventionierung der Abnahme oder gar unentgeltlich veräußert werden können. In beiden Fällen verursacht die preislich fehlorientierte Produktion hohe gesamtwirtschaftliche Kosten.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Die Kenntnis grundlegender makroökonomischer Zusammenhänge ist für ein selbstbewußtes Bürgertum heute weitaus wichtiger als früher. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, daß eine Demokratie ohne ein sachgerecht informiertes Bürgertum die grundlegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ziele nicht verwirklichen kann.

    Zunächst bedarf es einer verläßlichen Diagnose der jeweiligen Situation, ihrer Probleme und Lösungsmöglichkeiten. Die Diagnosen und Lösungsvorschläge der verschiedenen politischen Gruppierungen sind oftmals so kurzfristig, einseitig und widersprüchlich, daß die Bürger in ihnen keine verläßliche Orientierung sehen können.

    Eine umfassende Diagnose würde heute zu Politikempfehlungen führen, die wegen der akkumulierten Fehlentwicklungen zunächst ernste und relativ lang anhaltende Einschränkungen erfordern. Mit positiven Auswirkungen ist deshalb erst nach einer relativ langen Umstellungsperiode zu rechnen. Wäre eine Partei oder Regierung tatsächlich zu einer solchen Diagnose bereit, stünde sie vor folgendem Dilemma:

    Diese Diagnosefalle wirkt sich maßgeblich auf die heutige Ausprägung unserer europäischen Demokratien aus. Je länger sich die Fehlentwicklungen summieren, desto weniger sind die politischen Instanzen in einem demokratischen System in der Lage, eine angemessene Diagnose zu stellen. Die Tatsache, daß die meisten europäischen Demokratien seit geraumer Zeit nicht mehr ihre gesellschaftlichen Probleme (Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Drogen, Kriminalität) bewältigen können, mag als Bestätigung dieser These angesehen werden.

    Da von Regierungen und politischen Parteien die Diagnosefalle gegenwärtig kaum zu umgehen ist, müßten unabhängige Einrichtungen die längerfristige Diagnose mit entsprechenden Politikempfehlungen erstellen. Nur von solchen Stellen kann die Information erwartet werden, die ein selbstbewußtes Bürgertum benötigt.
    |
    Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

    Gesamtwirtschaftliche Grundkenntnisse gehören heute zur Bildung der Staatsbürger und sollten bereits in der Schule vermittelt werden. Zwar wird vielerorts mehr oder weniger systematisch Wrtschaftskunde gelehrt, doch handelt es sich vorwiegend um mikroökonomische Kenntnisse oder einzelne gesamtwirtschaftliche Daten. Sie sind für das tägliche wirtschaftliche Handeln der Bürger von großer Bedeutung, verschaffen aber nicht den erforderlichen Überblick über die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge.

    Der Lehrplan in den Schulen müßte ein Unterrichtsfach "Gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge und Entwicklung" vorsehen. Statt die verschiedenen Wirtschaftstheorien ausführlich darzulegen, sollte das Gewicht auf der empirischen Entwicklung und den Hauptelementen des wirtschaftlichen Geschehens im In- und Ausland liegen.

    Zunächst ist ein allgemeiner Überblick über die wesentlichen inländischen makroökonomischen Strom- und Bestandsgrößen sowie über ihre

    Strom- und Bestandsgrößen

    Stromgrößenregistrieren wirtschaftliche Handlungen oder Auswirkungen von Ereignissen während einer Periode (z.B. innerhalb eines Jahres, Quartals, Monats usw.); 

    Bestandsgrößendrücken Wert oder Anzahl wirtschaftlich relevanter Mengen (Kapitalstock, Erwerbspersonen usw.) zu einem bestimmten Zeitpunkt (z.B. am 31. Dezember eines Jahres) aus.

    wechselseitigen Relationen nötig, was eine gewisse Vertrautheit mit den Regeln der doppelten Buchführung voraussetzt. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung vieler Staaten ist seit langem so weit ausgebaut, daß sie eine hinreichende Vorstellung von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bietet.

    Schon vor Jahrzehnten wurden die Definitionen der gesamtwirtschaftlichen Größen und Konten von den großen internationalen Organisationen wie der OECD, den Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft erarbeitet  und sukzessiv verfeinert. Die nationalen statistischen Ämter und Zentralbanken haben sie als internationalen Standard für die Erstellung ihrer Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen anerkannt und weitgehend verwendet. Die Gesamtrechnung der einzelnen Staaten zeigt deshalb seit langem, wie sich die wesentlichen Stromgrößen sowie die institutionellen Sektoren und Konten der Volkswirtschaft entwickelt haben. Hierzu gehören insbesondere die Entstehung und Verwendung des Inlandsprodukts, die Verteilung und Umverteilung des Volkseinkommens sowie die Entwicklung von Bevölkerung und Erwerbstätigen.

    Ferner ist in der letzten Fassung des internationalen Gesamtrechnungssystems, an der auch der Internationale Währungsfonds und die Weltbank mitwirkten, eine systematische Aufnahme der volkswirtschaftlichen Bestandsrechnung in die Gesamtrechnung vorgesehen, d.h. die Einbeziehung des Sach- und Geldvermögens. Dieser Standard gilt sowohl für Marktwirtschaften unabhängig vom Grad ihrer wirtschaftlichen Entwicklung als auch für Staaten im Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    In der Wirtschaftspolitik spielen elementare Verhältniszahlen zwischen gesamtwirtschaftlichen Größen eine zentrale Rolle. Zu unterscheiden sind die Relationen

    Zur ersten Gruppe gehört z.B. die Investitionsquote, d.h. die Investitionen in Prozent des Inlandsprodukts. Ein Beispiel für die zweite Gruppe ist die Arbeitslosenquote, d.h. die Anzahl der Arbeitslosen in Prozent der Erwerbspersonen. Das Inlandsprodukt je Kopf der Bevölkerung hingegen ist ein Beispiel für die dritte Gruppe.

    RealeBestandsgrößen wie Kapitalstock und Bevölkerung zeigen die kumulierten Nettoveränderungen (Zugänge minus Abgänge) in den vergangenen Jahren. Die zu jeweiligen Preisen bewerteten Bestandsgrößen werden außerdem durch den Umbewertungsgewinn oder -verlust beeinflußt, der die Preisänderung dieser Aktiva und Verbindlichkeiten ausdrückt. Da Bestandsgrößen durch einmalige oder kurzfristige Entwicklungen (zwischen ein und drei Jahren) in der Regel nicht grundlegend verändert werden, charakterisierensie die ökonomische Struktur oder die politische Mentalität und Tradition eines Landes viel umfassender als Stromgrößen.

    Die Relationen zwischen einer Reihe von makroökonomischen Größen sind in internationalen Konventionen definiert. So ist zum Beispiel die Summe aus Letztem Verbrauch, Bruttoinvestitionen und Außenbeitrag (Ausfuhr minus Einfuhr) gleich dem Bruttoinlandsprodukt. Wird die Zeitreihe des Bruttoinlandsprodukts in jeweiligen Preisen durch die entsprechende Zeitreihe des Bruttoinlandsprodukts in Preisen eines Basisjahres, beispielsweise von 1991, dividiert, ergibt sich die Zeitreihe der BIP-Preise mit der Basis 1991.

    Die Makroökonomie verfügt über eine stattliche Zahl solcher eindeutig definierten Größen und Relationen. Ihre Kenntnis und Beachtung wäre eine wertvolle Grundlage für viele Diskussionen.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Arithmetische Zusammenhänge

    Einfache arithmetische Zusammenhänge spielen beispielsweise eine Rolle bei den Lohnvereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.

    In der Vergangenheit haben sich die Tarifparteien dabei weitgehend von den Kriterien Lohnquote und Arbeitsproduktivität leiten lassen. Die Frage, inwieweit diese Kriterien als Orientierungshilfen für anstehende Entscheidungen dienen können, hängt davon ab, ob diese Größen als Verlaufs- oder Strukturkriterien verwendet werden.

    Verlaufsanalyse

    Die Lohnquote drückt das Einkommen aus unselbständiger Arbeit im Verhältnis zum Inlandsprodukt aus und basiert auf einer Gerechtigkeitsvorstellung. Bei niedrigem Anteil der beschäftigten Arbeitnehmer an den Erwerbstätigen ist auch die Lohnquote gering. Da der Anteil der beschäftigten Arbeitnehmer im Laufe der Zeit strukturell gestiegen ist, hat sich auch die Lohnquote  erhöht. Um diesen Strukturfaktor bei der sozialen Beurteilung der Lohnquote auszuschalten, wird sie um den Anteil der beschäftigten Arbeitnehmer an den Erwerbstätigen "bereinigt", d.h. dividiert (siehe Schaubild im folgenden Kasten, linker Teil).

    Schaubild

    Bereinigte Lohnquote und Reallohn-Produktivitäts-Verhältnis

    Bundesrepublik Deutschland (1)

    Quelle:  Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (Fachserie 18). -   (1) 1950-60: Ohne Saarland und Berlin;  1960-91: Früheres Bundesgebiet;   ab 1991: Deutschland. -    (a) Einkommen aus unselbständiger Arbeit  im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zu Faktorkosten.    (b)  Realeinkommen aus unselbständiger Arbeit  je beschäft igten Arbeitnehmer.   (c)  Reales Bruttoinlandsprodukt  zu Faktorkosten  je Erwerbstätigen. 

    Eine Variante der Lohnquote ist die Produktivitätsregel. Beide stehen in einem einfachen arithmetischen Zusammenhang (siehe folgenden Kasten).

    Bereinigte Lohnquote und Reallohn-Produktivitäts-Verhältnis

    Arithmetischer Zusammenhang

    Die Variablen 

    W =  Einkommen aus unselbständiger Arbeit,
    D  =  Beschäftigte Arbeitnehmer,
    Q  =  Bruttoinlandsprodukt (in jeweiligen Preisen)
    ,
    O  =  Erwerbstätige und
    P  =  Preis des Bruttoinlandsprodukts

    stehen in folgendem  Zusammenhang

    Hierin sind

    l = W/Q = Einkommen aus unselbständiger Arbeit  im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ("Lohnquote"),
    a = D/O = Beschäftigte Arbeitnehmer im Verhältnis zu den Erwerbstätigen,
    b = l/a   Bereinigte Lohnquote,
    w = (W/P)/D = Reale Einkommen aus unselbständiger Arbeit je beschäftigten Arbeitnehmer ("Reale pro-Kopf-Löhne"),
    q = (Q/P)/O = Reales Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen ("Arbeitsproduktivität"),
    v = w/q = Reallohn-Produktivitäts-Verhältnis.

    Die Relationen im obigen Kasten drücken folgenden grundlegenden gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang aus:

  • Steigen die realen Einkommen aus unselbständiger Arbeit je beschäftigten Arbeitnehmer ebensorasch wie das reale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen, d.h. verändern sich die realen Pro-Kopf-Löhne um denselben Prozentsatz wie die Arbeitsproduktivität, bleiben das Reallohn-Produktivitäts-
    Verhältnis und die bereinigte Lohnquote konstant.

  • Anders ausgedrückt: Wird die Entwicklung der realen Pro-Kopf-Löhne an der Arbeitsproduktivität ausgerichtet, d.h. dient die Produktivität als Verlaufskriterium, bedeutet dies lediglich, daß weiterhin - wenn auch anders ausgedrückt - eine konstante bereinigte Lohnquote angestrebt wird.

    Tritt dieser Grenzfall nicht ein, läßt sich der obige gesamtwirtschaftliche Zusammenhang wie folgt verallgemeinern (vgl. Schaubild "Bereinigte Lohnquote ...", linker und rechter Teil):

  • Das Reallohn-Produktivitäts-Verhältnis und die bereinigte Lohnquote verändern sich in gleicher Weise.

  • Beide Relationen drücken denselben Sachverhalt aus.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Bei dieser Betrachtungsweise bleiben wichtige ökonomische Aspekteunberücksichtigt, die teilweise länderübergreifend oder weltweit wirksam sind. Die Arbeitsproduktivität läßt insbesondere außer acht, in welchem Umfang

    Da diese Aspekte bei Lohnentscheidungen ebenfalls zu berücksichtigen sind, ist die korrigierte Lohnquote oder die Arbeitsproduktivität nur als Verlaufsorientierung anwendbar, wenn keines dieser Probleme eine Rolle spielt. Lohnquote und Produktivität sind lediglich "Schönwetterkriterien". Da gegenwärtig fast allen dieser Gesichtspunkte eine zentrale Rolle zukommt, kann die Arbeitsproduktivität keine ausreichende Orientierung sein.

    Besonders irreführend wird die Produktivitätsregel, wenn bei geringem Wachstum die Zahl der Erwerbstätigen stagniert oder abnimmt. Die rechnerische Zunahme der Arbeitsproduktivität verleitet dann zu einem Anstieg der Pro-Kopf-Löhne, der weitere Arbeitsplätze unrentabel macht und die Arbeitslosigkeit erhöht.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Wie gravierend die Fehlentwicklungen sind, wenn diese Zusammenhänge nicht beachtet werden, zeigt die Entwicklung in vielen energieimportierenden Ländern insbesondere nach dem ersten und zweiten Ölschock.

    So bewirkten der bereits in den 50er Jahren eingeleitete weltweite Abbau von Handelshemmnissen und die Liberalisierung vieler Märkte, daß die Industrie- und Entwicklungsländer verstärkt solche Güter erzeugen und austauschen, für die sie einen komparativen Vorteil haben. Mit dieser Marktöffnung, die in den entwickelten Ländern über die Einfuhr von Gütern mit günstigerem Preis-Qualitäts-Verhältnis den Wohlstand steigen ließ, haben die Industrieländer den Entwicklungsländern bei ihrem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg sicherlich weit nachhaltiger geholfen als mit Krediten und Transfers im Rahmen der traditionellen Entwicklungshilfe.

    Die größere internationale Arbeitsteilung ist bei uns mit einem Verlust von Arbeitsplätzen in Bereichen verbunden, für die die Entwicklungsländer komparativ im Vorteil sind. Die verlorenen Arbeitsplätze müssen durch andere ersetzt werden. Die dazu benötigten umfangreicheren Investitionen können nur aus dem jeweiligen Sozialprodukt bereitgestellt werden, was angesichts seiner beschränkten Steigerungsmöglichkeit längerfristig eine niedrigere Konsum- und Lohnquote erfordert. Diese Abnahme hätte schon in den 70er Jahren einsetzen müssen. Das ist aber unterblieben. In Deutschland ist es sogar zu einer umgekehrten Entwicklung gekommen.

    Eine wichtige Rolle spielte hierbei die bereinigte Lohnquote, insbesondere im Anschluß an den Ölschock von 1973. Die von der OPEC (Organisation erdölproduzierender Länder) durchgesetzte massive Verteuerung der Energieeinfuhren bewirkte, daß die energieimportierenden Länder einen größeren Teil ihres Sozialprodukts an die Ölexportländer abführen mußten. Außerdem wurden viele Produktionskapazitäten durch den erheblichen Ölpreisanstieg schlagartig unrentabel. Infolgedessen entstand zusätzlich ein umfangreicher Investitionsbedarf, um die plötzlich "veralteten" Anlagen zu ersetzen. Da sich die Produktionskapazitäten kurzfristig nicht genügend steigern ließen und die benötigten zusätzlichen Ressourcen auf diesem Weg nicht bereitgestellt werden konnten, hätten die Lohnerhöhungen und damit die Ausweitung des Konsums zumindest von diesem Zeitpunkt ab begrenzt werden müssen.

    In Deutschland wurde dies von den Gewerkschaften abgelehnt. Die Lohnabschlüsse der Tarifparteien führten vielmehr zu einem ausgeprägten Anstieg der bereinigten Lohnquote mit fatalen Auswirkungen auf Investitionen, Wachstum und Beschäftigung.

    Ähnliche Entwicklungen waren auch in anderen energieimportierenden Ländern zu beobachten. Angesichts dieser Erfahrungen hätten die beschriebenen Fehler beim zweiten Ölschock um 1980 nicht wiederholt werden dürfen (vgl. Schaubild im Kasten). Aber weder Deutschland noch andere Energieimportländer haben diese Lehre genügend beherzigt. Nur in Japan hat sich offensichtlich ein gesellschaftlicher Lernprozeß vollzogen.

    Schaubild:

    Bereinigte Lohnquote (a) energieimportierender Länder

    Quelle: OECD, Natiomal Accounts. - Europäische Kommission, Europäische Wirtschaft,  Statistischer Anhang. -  (a) Anteil der Einkommen aus unselbständiger Arbeit am Bruttoinlansprodukt zu Faktorkosten, bereinigt um den Anteil der Arbeitnehmer an den Erwerbstätigen. - (b) Früheres  Bundesgebiet und Deutschland.

    Erst anschließend setzte eine längere Periode mit rückläufiger Lohnquote ein. In Deutschland erhöhten sich daraufhin Rentabilität und Wachstum, so daß es in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu einer deutlich zunehmenden Investitionsquote und einem ausgeprägten Abbau der Arbeitslosigkeit kam (vgl. Schaubild "Rentabilität, ...").

    Anfang der 90er Jahre wurde dieser positive Trend durch die kurzfristige wirtschaftliche Expansion infolge der deutschen Vereinigung abermals unterbrochen, wodurch das fast über ein Jahrzehnt aufgebaute Vertrauen in eine langfristig sachgerechte Lohnentwicklung erneut erschüttert wurde. An diesem Vertrauensverlust leidet die Wirtschaft noch heute. Er dürfte nur durch ein sachdienlicheres System der Lohnfindung zu überwinden sein. 
    |
    Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

    Strukturanalyse

    Anders zu beurteilen sind Lohnquote und Arbeitsproduktivität, wenn sie für einen Vergleich zwischen verschiedenen Einheiten (Personen, Wirtschaftsbereichen, Regionen oder Ländern) verwendet werden. Lohnquote und Arbeitsproduktivität sind als Strukturkriterien wesentlich.

    Der Vergleich zwischen Ost- und West-Deutschland verdeutlicht, daß wirtschaftliche Entwicklung unbefriedigend bleibt, wenn die Politik auf Niveauunterschiede nicht in sachgerechter Weise reagiert.

    Das im folgenden Kasten anzuklickende Schaubild zeigt das Verhältnis
    zwischen den lohn- und produktivitätsrelevanten Größen Ost- und West-Deutschlands sowie die Entwicklung dieser Verhältnisse von 1991 bis 1997. Bei einer Angleichungder Verhältnisse in Ost- und West-Deutschland müssen alle Kurven in Richtung des Wertes 1 konvergieren. Die höchste Konvergenz weisen die beschäftigten Arbeitnehmer im Verhältnis zu den Erwerbstätigen auf. Dieses Ost/West-Verhältnis lag 1991 bei 1.06, d.h. in Ost-Deutschland nur 6% über dem in West-Deutschland und 1997 sogar unter 1.03 (weniger als 3%).

    Reallohn-Produktivittäts-Relationen

    Verhältnis von Ost- zu Westdeutschland 

    Schaubild

    -----------------------------------

    Globaltabelle: Zahlen für Schaubild (Verhältnis Neue zu Alte Bundesländer)
    Detailtabellen: Neue und Alte Bundesländer (mit Ausgangsdaten)

    -----------------------------------

    Quelle:  Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Fachserie 18 und Pressemitteilungen. Teilweise geschätzt. - (a) In den Detailtabellen stellen die Zeilennummern hinter den berechneten Größen (Zeilen 6 - 15)  ihre Definitionen dar. -  (b) Damit der arithmetische Zusammenhang leichter überschaubar bleibt, wurden die (dimensionslosen) Verhältniszahlen nicht mit 100 multipliziert (um sie als Indizes, prozentuale Anteile oder Quoten ausweisen zu können).

    Das Ost-West-Verhältnis der Arbeitsproduktivität betrug zunächst 0.31, d.h. die ostdeutsche Arbeitsproduktivität machte rund 30% der westdeutschen aus. Dieser Wert ist anschließend auf 0.47 gestiegen, doch verlangsamte sich der jährliche Anstieg so stark, daß das westdeutsche Niveau in voraussehbarer Zukunft nicht erreicht werden kann.

    Demgegenüber lag das Ost-West-Verhältnis der Realeinkommen aus unselbständiger Arbeit je beschäftigten Arbeitnehmer von Anfang an auf einem wesentlich höheren Niveau. Die realen Pro-Kopf-Löhne beliefen sich in Ost-Deutschland zunächst auf fast 47% der westdeutschen, wobei sich dieses Verhältnis bis 1997 auf etwa 60% erhöhte. Unter sozialen Gesichtspunkten ist dieser Anstieg zu begrüßen. Trotzdem bleibt der folgende ökonomische Zusammenhang bestehen.

  • Die Chancen einer eigenständigen Entwicklungin einem Land oder Landesteil hängenweitgehend davon ab, wie sich die Relation von realen Pro-Kopf-Löhnen zurArbeitsproduktivität entwickelt.

  • Im Jahr 1991 lag das Reallohn-Produktivitäts-Verhältnis in Ost-Deutschland 50% über dem westdeutschen. In den Jahren 1992 bis 1994 ging dieses Ost/West-Verhältnis deutlich bis auf einen Wert in der Nähe von 25% zurück, doch setzte sich die sinkende Tendenz in den folgenden Jahren kaum noch fort. Da in Anbetracht der anstehenden Probleme das westdeutscheReallohn-Produktivitäts-Verhältnis bereits viel zu hoch ist, beeinträchtigt ein noch höherer Wert in Ost-Deutschland erst recht die inhärente wirtschaftliche Dynamik.  
    |
    Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

    Empirische Zusammenhänge

    Zahlreiche wirtschafts- und sozialpolitische Debatten beziehen sich auf ökonomischen Größen, die nicht in einem arithmetischen, aber in einem sachlichen Zusammenhang stehen. Häufig wird eine solche Beziehung zu Recht oder zu Unrecht unterstellt. Ein kurzer Blick auf die graphische Darstellung der längerfristigen Entwicklung solcher Größen läßt zumeist erkennen, ob und inwieweit zwischen ihnen ein Zusammenhang - sei er verzögert oder nicht - besteht.

    Die Beispiele in den folgenden Schaubildern mögen dies verdeutlichen. Für manche Größen ist die Ordinate (Y-Achse) in den Graphiken invertiert, damit der Zusammenhang mit anderen Variablen leichter erkennbar ist. Im Schaubild "Rentabilittät, ..." bewegt sich z.B. die Kurve, die eine steigende Arbeitslosigkeit und somit eine Verschlechterung ausdrückt, nach unten und nicht wie allgemein üblich nach oben.

    Das im nächsten Kasten anzuklickende Schaubild  zeigt den Zusammenhang zwischen Rentabilität, Wachstum, Investitionen und Beschäftigung. Abgesehen von der Wiederaufbauperiode der 50er Jahre mit außerordentlich hohen Wachstumsraten tritt die gleichgerichtete Entwicklung der vier Größen seit über vier Jahrzehnten deutlich zutage. Änderungen der gesamtwirtschaftliche Rentabilität wirkten sich über das BIP-Wachstum rasch auf die Nettoinvestitionsquote und die Arbeitslosenquote aus.

    Schaubild

    Rentabilität, Wachstum, Investitionen und Beschäftigung

    Bundesrepublik Deutschland (1)(2)

    -------------------------

    Quelle:  Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (Fachserie 18) und Pressemitteilungen. -
    (1) 1950-60: Ohne Saaland und Berlin; 1960-91: Früheres Bundesgebiet;  Ab 1991: Deutschland; Teilweise geschätzt. -  (2) Siehe auch die 
    Amtszeitender Bundeskanzler. - 
    (a) Realer Nettobetriebsüberschuss (ohne unterstellte Entlohnung der Selbständigen) je Einheit des Bruttoanlagevermögens in Preisen von 1991. - (b) Kurve in Fettdruck: Gleitende Drei-Jahres-Durchschnitte. - (c) Nettoanlage-   investitionen in % des Bruttoinlandsproduktes. - (d) Arbeitslose in % der Erwerbspersonen. -

    Dieser Zusammenhang war in den 50er, 60er und 70er Jahren enger als in der folgenden Periode.

    Nach den fundamentalen Fehlreaktionen auf den ersten Ölschock im Jahr 1973 und den abermaligen Anpassungsfehlern nach dem zweiten Ölschock zu Beginn der 80er Jahre nahmen die Unternehmer die anschließende WiederbelebungmitSkepsis auf und beurteilten die künftigen Aussichten zurückhaltend. Die Investitions- und die Arbeitslosenquote reagierten deshalb auf den deutlichen Wiederanstieg von Rentabilität und Wachstum erst gegen Ende der 80er Jahre. Hingegen bewirkte der abermalige Rückgang von Rentabilität und Wachstum nach der vereinigungsbedingten Sonderkonjunktur unverzüglich einen erneuten Einbruch von Investitions- und Arbeitslosenquote. Dies entspricht der allgemeinen Erfahrung, daß Vertrauen nur langsam zurückgewonnen werden kann, aber schnell verspielt ist.
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Das nachstehende Schaubild zeigt einen Fall, in dem ein unterstellter Zusammenhang nicht existiert oder eher eine umgekehrte Beziehung besteht. Es zeigt, daß die staatliche Ausgabenquote nach der ersten Ölkrise sprunghaft um 8 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts anstieg und die Zunahme der staatlichen Einnahmenquote weit übertraf. Diese enorme Ausweitung der staatlichen Nachfrage führte aber nicht zu der unterstellten Zunahme von Investitionen, Wachstum und Beschäftigung.

    Schaubild
    Einnahmen, Ausgaben und Schulden des Staats (a)

    Bundesrepublik Deutschland
    % des Bruttoinlandsprodukts

    ---------------------------

    Quelle: Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (Fachserie 18 und Pressemitteilungen);  Europäische Kommission, Europäische Wirtschaft (Statistischer Anhang). - 
    (1) 1950-1960:  Ohne Saaland und Berlin;  1960-1991: Früheres Bundesgebiet; ab 1991: Deutschland. -  (2) Ohne die 1995 vom Bund übernommenen Schulden der Treuhandanstalt und der  Wohnungswirtschaft  der ehemaligen DDR sowie ohne das 1996 übernommene Kapital der Deutschen Kreditbank AG. 
    (a) Siehe auch die 
    Amtszeitender Bundeskanzler. -

    Der enorme Niveausprung der Staatsausgaben hatte umfangreiche Finanzierungsdefizite des Staates zur Folge, die bis heute nur zeitweise und unvollständig abgebaut wurden. Gleichzeitig stiegen die Schulden des Staates.

    Ein Vergleich mit dem Schaubild "Rentabilität, ..." zeigt ferner, daß eine mäßige Einnahmen- und Ausgabenentwicklung des Staates mit einer günstigen Entwicklung von Rentabilität, Wachstum, Investitionen und Beschäftigung einhergeht. So waren in den 50er Jahren die steigende Rentabilität, das außerordentlich hohe Wachstum, die zunehmende Investitionsquote und
    vor allem die rückläufige Arbeitslosenquote (von fast 7½% auf weniger als 1%) mit beachtlichen Finanzierungsüberschüssen des Staates verbunden. Ähnliches gilt auch für die 80er Jahre, als nach den Fehlreaktionen auf den zweiten Ölschock die Rentabilität wieder stieg und das beschleunigte Wachstum, die verstärkten Investitionen sowie die unverkennbar rückläufige Arbeitslosenquote mit abnehmenden Finanzierungsdefiziten des Staates einhergingen.

    Analoge globale Überblicke bieten sich für andere Bereiche der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an, beispielsweise für die Hauptgrößen der Geldpolitik, die Produktionsfaktoren Arbeit und Anlagevermögen, ihre jeweiligen Produktivitäten, die finanziellen Größen sowie die elementaren außenwirtschaftlichen Variablen wie Zahlungsbilanz und Wechselkurse.

    Sodann darf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands wegen der engen Verflechtung mit den anderen Ländern der Europäischen Union und den verschiedenen Regionen der Welt nicht isoliert betrachtet werden. Deshalb muß ein allgemeiner Überblick die repräsentativsten Elemente der makroökonomischen Entwicklung in den wichtigsten Regionen der OECD (Europäische Union, USA, Japan), den mittel- und osteuropäischen Ländern sowie in Asien, Südamerika und Afrika umfassen. 
    |
    Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

    Information der Bürger

    Recht auf Information

    Wie bereits dargelegt, sind die Regierungen stets versucht, Informationen bereitzustellen, die für sie günstig sind, während sie andere nicht ausdrücklich fördern oder überhaupt nicht zugänglich machen. Das Informationsangebotder Regierung und die Informationswünsche der Bürger weichen deshalb häufig voneinander ab.

    Das gilt in besonderem Maße für makroökonomische Daten, bei denen der Staat praktisch ein Informationsmonopol hat, das auch ein selbstbewußtes Bürgertumhinnehmen muß. So werden die meisten gesamtwirtschaftlichen Informationen anhand einer Vielzahl von Einzeldaten ermittelt, die nur im Rahmen der amtlichen Statistik anfallen. Berechnen nichtstaatliche Stellen, z.B. wirtschaftswissenschaftliche Forschungsinstitute diese Größen, ist ihre Fehlermarge in der Regel weit höher, so daß sie nur solange verwendet werden, bis verläßlichere amtliche Daten vorliegen. In der Praxis aber wissen die Bürger oft nicht, welche Informationen überhaupt existieren, wie verläßlich ihr Aussagewert ist und wo sie zugänglich sind. Um diese Monopolstellung des Staates zu kompensieren, sollten die Bürger ein verbrieftes Recht auf Information erhalten. Das Korrelat dieses Informationsrechts ist die Informationspflicht des Staates. 
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Hinzu kommt, daß sich die Informationbedürfnisse ständig wandeln. Die Bürger müssen deshalb im Rahmen ihres Informationsrechts auch Datenwünsche geltend machen können.  Solange z.B. die Arbeitszeiten in den verschiedenen
    Wirtschaftsbereichen und Unternehmen annähernd gleich waren, konnte sich die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung beim Faktor Arbeit auf personenbezogene Angaben (je Einwohner, Erwerbstätige usw.) beschränken.

    Mit zunehmender Differenzierung der Arbeitszeiten spiegeln aber traditionelle Pro-Kopf-Größen (wie das Einkommen je beschäftigten Arbeitnehmer) die Realität weniger treffend wider. Dementsprechend hat das Statistische Bundesamt im Rahmen seiner Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bereits globale Angaben für die geleisteten Arbeitsstunden der Erwerbstätigen vorgelegt. Dieses Vorgehen sollte systematischausgebaut werden, damit die Entwicklung der durchschnittlichen Entlohnung pro Stunde in den jeweiligen Wirtschaftsbereichen deutlich wird.

    Ein weiteres Beispiel betrifft die Verwendung des Bruttoinlandsprodukts sowie den Kapitalstock.

    Statistischer Ausweis nach der Vereinigung Deutschlands

    Der innerdeutsche Warenverkehr ließ sich nach der Vereinigung Deutschlands schlechter ermitteln.  Die amtliche Statistik stellte deshalb den getrennten Nachweis der Verwendung des Bruttoinlandsprodukts für West- und Ostdeutschland ein und wies somit die Anlageinvestitionen nicht mehr gesondert für die alten und neuen Bundesländer aus.  Inzwischen werden zwar die Bauinvestitionen wieder für das frühere Bundesgebiet und die neuen Länder sowie Berlin-Ost getrennt dargestellt, aber für die Ausrüstungsinvestitionen und die anderen Verwendungsarten des Inlandsprodukts fehlen diese Daten, die jedoch für eine sachgerechte Politik erforderlichb sind.  Sollten die Daten über die Verwendung des Inlandsprodukts für die getrennte Schätzung des Kapitalstocks zu unsicher geworden sein, müßten ergänzende Methoden zugrunde gelegt werden.

    Sie sollten auch künftig für die alten und neuen Bundesländer getrennt ausgewiesen werden .  
    |
    Inhalt | Content| Contenu|

    Information als öffentliches Gut

    In unseren Ländern müßte der Staat Interesse daran haben, daß möglichst weite Teile der Öffentlichkeit sachliche Informationen nutzen und sich entsprechend verhalten. Will die Öffentlichkeit aber Zugang zu verläßlichen Daten haben, muß sie den vom Staat gewählten Weg akzeptieren. In vielen Fällen überläßt der Staat den Vertrieb seiner Daten einem Verlag, der gewinnorientiert ist und die Daten zu einem entsprechenden Preis verkauft. So kostet das Jahrbuch des Statistischen Bundesamts auf Papier etwa 160 DM und auf CD-ROM 200 DM. Besonders teuer sind die Zeitreihen des Statistischen Bundesamts auf CD-ROM. Das Jahresabonnement der jährlich erscheinenden Zeitreihen Bevölkerung und Soziales kostet 1 200 DM und der vierteljährlich erscheinenden Reihen Wirtschaft und Finanzen 2 200 DM.

    Hingegen sollte die öffentliche Hand - wie die Deutsche Bundesbank - ihre wesentlichen Informationen einschließlich der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung im Selbstverlag veröffentlichen und an interessierte Bürger kostenlos oder gegen Erstattung der Materialkosten für die Datenträger (z.B. für die Disketten oder CD-ROM) abgeben. Die Informationen, die der Staat im Rahmen seiner hoheitlichen Aufgaben erstellt, nehmen dann den Charakter eines öffentlichen Gutes an.

    Auch in den nächsten Jahren ist damit zu rechnen, daß viele Bürger weder materiell noch fachlich die gesamtwirtschaftlichen Informationen elektronisch bearbeiten können. Daher sind die fraglichen Daten weiterhin auf Papier bereitzustellen.

    Darüber hinaus sollten sie für Personen, die mit moderner Datenverarbeitung vertraut sind, elektronisch abrufbar sein und so dargeboten werden, daß sie direkt weiterverarbeitet werden können. Die Monatsberichte der Deutschen Bundesbank stehen bereits im Internet zur Verfügung. Auch bedeutende Teile der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamts können schon online abgerufen werden. Diese Zugriffsmöglichkeit sollte künftig für alle gesamtwirtschaftlichen Statistiken bestehen.

    Ein Mittelweg für größere Datenmengen ist der Versand elektronischer Datenträger, wie Disketten oder CD-ROM. 
    |
    Inhalt | Content| Contenu| Textfassung 2007 | Version française 2010 |

    Unabhängige Information

    Um eine sachliche Vorstellung von einer bestimmten gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklung zu gewinnen, werden häufig Daten von sehr unterschiedlichen Quellen benötigt, z.B. den statistischen Ämtern und Ministerien, der Zentralbank, wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten und internationalen Organisationen (wie der Europäischen Gemeinschaft, der OECD, den Vereinten Nationen, dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank). Ist der einfache, schnelle und billige Datenzugang einmal hergestellt, kann sich im Prinzip jeder Bürger die gewünschten Informationen selbst zusammenstellen. Hierbei werden zwangsläufig Politik- und Verhaltensfehler zutage treten, an deren Offenlegung weder den Vertretern bestimmter Interessen noch der Regierung gelegen ist. Letztere werden deshalb die Daten so auswählen und gruppieren, wie es ihrer Sichtweise entspricht.

    Folglich sollten insbesondere unabhängige Einrichtungen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen (gemeinnützige Vereine, Stiftungen oder sonstige Nicht-Regierungsorganisationen), die Initiative für eine sachgemäße Information der Öffentlichkeit ergreifen. Sie müßten eine möglichst große Distanz zum Staat und den anderen Trägern gesamtwirtschaftlich relevanter Entscheidungen haben und von ihnen keine Aufträge oder sonstigen Zuwendungen annehmen dürfen. Entsprechende Stiftungen sollten künftig ohne staatliche Genehmigung errichtet werden können.

    Die bereitzustellenden Informationen sollten ein möglichst weites gesellschaftliches Informationsspektrum abdecken und sich in gesamtwirtschaftlichen Analysen der Vergangenheits- und Gegenwartsentwicklung, in gesamtwirtschaftlichen Empfehlungen sowie in der Beurteilung von Parteiprogrammen, Regierungserklärungen und anderen umfassenden programmatischen Äußerungen konkretisieren.

    Auch Zeitschriften oder Zeitungen könnten eine Spalte für die längerfristige Entwicklung periodisch (vierteljährlich oder jährlich) anfallender Daten vorsehen, in der sie aktualisierte Indikatoren der gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung im In- und Ausland veröffentlichen. Außerdem könnte das Fernsehen eine regelmäßige Viertelstunde für die visuelle Darstellung solcher Informationen einrichten. 

    | Inhalt| Content| Contenu|

    Allgemeine Zusammeenfassung | General Summary | Résumé général