Entfremdung zwischen oben und unten

Im politischen Leben

Seit langem ist ein Auseinanderdriften zwischen Wählern und Gewählten zu beobachten.

Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und Bemühungen um Bürgernähe haben die Wähler nach wie vor den Eindruck, die Entscheidungen der Gewählten praktisch nicht beeinflussen zu können. Der allbekannte Satz "Die da oben machen ja doch, was sie wollen" drückt die Resignation vieler Bürger aus.

Andererseits tritt häufig zutage, daß politisch Verantwortliche trotz aller gegenteiligen Versicherungen die Urteilsfähigkeitder Bürger gering einschätzen.

Die Parteiprogramme sind unbefriedigend, weil zu viele heterogene Tendenzen berücksichtigt werden müssen. Ferner überwiegen in den zentralen Parteigremien oft wahltaktische oder strategische Gesichtspunkte, die den sachlichen Anforderungen nicht Rechnung tragen. Folglich enthalten die Parteiprogramme einen Katalog populärer Aussagen sowie ansprechender, aber vager Ziele. Viele Ziele sind mit unrealistischen und nicht zu vereinbarenden Versprechungen verbunden, während die vorgeschlagenen Instrumente häufig zu einseitig oder widersprüchlich sind. Das frustriert die Bürger, die nicht mehr wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollen. 
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Im Unternehmensbereich

Zu einer analogen Entfremdung ist es auch in vielen europäischen Großunternehmen gekommen.

Die Arbeitnehmer eines solchen Unternehmens sind oft davon überzeugt, daß die Unternehmensleitung nicht bereit ist, auf ihre als berechtigt empfundenen Forderungen einzugehen. Kommen dann noch Entlassungen hinzu, werden sie als inakzeptable Willkürmaßnahmen aufgefaßt.

Andererseits glauben die Führungskräfte, daß die Arbeitnehmer kein Verständnis für die Belange des Unternehmens haben und entschlossen sind, ihre Interessen durch Erstreiken kurzfristiger Vorteile über die des Unternehmens zu stellen.

So sind ihren Bemühungen um einen konfliktfreien internen Interessenausgleich relativ enge Grenzen gesetzt. 
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Ausgrenzung

Einem beunruhigend großen Bevölkerungsteil gelingt es nicht mehr, sich in dem nahezu unübersichtlichen Geflecht sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen zu behaupten. Fraglich bleibt, ob die gesellschaftlichen Veränderungen die Anpassungsfähigkeit dieser Menschen übersteigen, oder ob sie nicht mehr bereit sind, sich an ihr wandelndes Umfeld anzupassen. Viele werden zu Bettlern, Süchtigen oder Kriminellen und laufen damit Gefahr, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden.

Ihnen wird oft Toleranz oder Mitgefühl entgegengebracht, weil man die Umstände nicht kennt, die ihre Situation verursacht haben. Auch mag eine gewisse Genugtuung mitspielen, von einem solchen Schicksal verschont zu sein.

Da die Haltung der Öffentlichkeit Unsicherheit ausdrückt, demonstrieren diese Personen, die zudem häufig obdachlos sind, noch ungehemmter ihre Bedürftigkeit, was den Eindruck vermittelt, daß etwas in einem Staat nicht stimmt, der zu solchen Erscheinungen führt.
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Ausweichreaktionen

Da niemand mehr die Gesamtbelastung und -begünstigung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen durch den Staat durchschaut, ist eine wesentliche Voraussetzung für rationales politisches Handeln verlorengegangen. Die Bürger sehen deshalb ihre Ausweichreaktionen als eine Art Selbstschutz an, obwohl sie wissen, daß sie grundsätzlich verwerflich handeln. Zu derartigen Reaktionen gehören nicht nur die geringere Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft (Absenteismus, "Schlamperei" usw.), sondern auch Abwanderung in die Schattenwirtschaft, Steuerausweichung und -hinterziehung, Mißbrauch des Sozialsystems usw. Dies wird weitgehend toleriert, weil fast jeder schon einmal so reagiert hat.

Damit entsteht eine kaum zu bestimmende Grauzone, in der an sich verwerfliche Handlungen hingenommen werden. Der Umfang dieser Grauzone ist ein Indikator für das Ausmaß der geschwächten staatlichen Autorität. 

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