Fehlverhalten

Mangelnder Überblick

Je besser die Bürger informiert sind, um so größer ist die Chance, daß sie Vertreter wählen, die im demokratischen Prozeß für sachgerechte Entscheidungen eintreten. Viele Mitbürger sind jedoch unzureichend informiert und stehen bisweilen den politischen Debatten in der Öffentlichkeit ziemlich ratlos gegenüber. Dies gilt insbesondere für wirtschaftspolitische Auseinandersetzungen.

Alle großen Unternehmen, Interessenvertretungen, politischen Parteien oder öffentlichen Instanzen sind um ein gutes Image in der Öffentlichkeit bemüht. Folglich tendieren sie dazu, die Öffentlichkeit vornehmlich mit solchen Informationen und Argumenten zu versorgen, die ihnen genehm sind.

Zu den bedenklichen Methoden einer derartigen Informationspolitik gehören folgende Vorgehensweisen:

Manche Methoden beim Umgang mit Informationen können bis zur bewußten Täuschung der Öffentlichkeit gehen. Auch gilt es unter Politikern bisweilen als Zeichen besonderer Führungskraft, wenn sie sich bewußt über wissenschaftliche Argumente hinwegsetzen.

Folgenschwer ist außerdem das Informationsmonopol des Staates auf bestimmten Gebieten. So werden die meisten gesamtwirtschaftlichen Daten von der öffentlichen Hand (statistische Ämter, Zentralbank usw.) zusammengestellt. Private Wirtschaftssubjekte können sich praktisch kaum auf andere Weise entsprechende Informationen beschaffen.

Von den Bürgern kann nicht erwartet werden, daß sie ihr wirtschaftliches Wissen
anhand ökonomischer Fachliteratur auf dem laufenden halten. Hier haben die
Informationsmedien wie Presse, Radio und Fernsehen eine bedeutende
Aufgabe, die sie vielfach unzulänglich erfüllen.

Die ökonomischen Informationen fallen mit unterschiedlicher Periodizität an. Der Kapitalstock wird beispielsweise jährlich geschätzt, die Hauptaggregate der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vierteljährlich und neue Konjunkturindikatoren, wie Auftragseingänge und Produktionsindizes, werden monatlich veröffentlicht. Andere Daten wie Kurse von Aktien, festverzinslichen Wertpapieren oder Devisen fallen täglich an.

Da Journalisten stets neuen Informationen nachjagen, spielen die häufiger anfallenden Daten in ihrer Berichterstattung eine unverhältnismäßig große Rolle, obwohl die seltener veröffentlichten Informationen meist bedeutsamer sind. Für die Öffentlichkeit ist es deshalb schwer oder gar unmöglich, aus der täglich anfallenden Informationsmenge die relevanten Daten herauszufiltern und entsprechend einzuordnen.

Viele Bürger, insbesondere diejenigen, die in den unzähligen Klein-, Mittel- und Großbetrieben ökonomische Dispositionen treffen, besitzen beachtliche mikroökonomische Kenntnisse. Dieses Rüstzeug und die entsprechenden Erfahrungen haben sie im Laufe der beruflichen Aus- und Weiterbildung erworben bzw. gesammelt.

Selbst eingehendes mikroökonomisches Wissen reicht in der Regel nicht aus, um beurteilen zu können, wie relevant die in der wirtschaftspolitischen Diskussion verwendeten Argumente sind. Oft sind auch erfolgreiche Unternehmer nur ungenügend mit den weitreichenden gesamtwirtschaftlichen Interdependenzen vertraut. Wie viele von ihnen kennen die wesentlichen Definitionen und Zusammenhänge der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung? Wie viele Bürger sind über die Entwicklung der makroökonomischen Basisrelationen (Investitionsquote, reale Wechselkurse) in den wichtigsten Ländern und Regionen der Welt informiert?

Infolge des mangelnden Überblicks bewerten viele Bürger die wirtschaftspolitische Diskussion mehr oder weniger aus ihrem persönlichen Blickwinkel. Dadurch gewinnen unrelevante Gesichtspunkte wie die vorgespielte Selbstsicherheit von Politikern eine große Bedeutung oder führen zu unnötigen Polarisierungen.

Optimisten vertrauen darauf, daß die Einsicht im Laufe der Zeit zunimmt und gravierende politische oder wirtschaftliche Fehlentwicklungen seltener werden.

Leider gehen aber wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen verloren und verschwinden vor allem beim Wechsel der Generationen aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit. Das gilt für viele Erfahrungen aus der Nachkriegszeit, die für das Bewältigen der gegenwärtigen Probleme nützlich wären. Wer ist heute noch mit der policy mix vertraut, die während der fünfziger Jahre die Verringerung der Arbeitslosenquote von fast 7 1/2% auf unter 1% ermöglichte? Wer kann beurteilen, welche der damaligen Methoden auch unter den heutigen Bedingungen noch erfolgversprechend sind?

Da sich viele ihres Informationsdefizits latent bewußt sind, gehört es in weiten Kreisen gewissermaßen zum Verhaltenskodex guter zwischenmenschlicher Beziehungen, politische Themen zu vermeiden. Ein harmonisches Verhältnis zu anderen Menschen wird höher bewertet als eine Diskussion, bei der die eigenen Ansichten weder überzeugend begründet noch andere Auffassungen hinreichend beurteilt werden können. 
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Dilettantismus

In unserer Gesellschaftsordnung sind für zahlreiche Berufe Befähigungsnachweise oder bestimmte Mindestkenntnisse vorgeschrieben, wie die Gesellen- und Meisterprüfung für Friseure oder Elektriker, die Zulassung von Architekten und Steuerberatern bis hin zur Approbation von Ärzten. Damit soll die Öffentlichkeit vor Dilettanten geschützt werden.

Für politische Funktionen hingegen werden keine Mindestkenntnisse verlangt, obwohl politische Fehlentscheidungen infolge mangelnder Sachkenntnis im allgemeinen weitreichende Folgen haben. Es gibt keinen Schutz der Bürger vor politischem oder wirtschaftlichem Dilettantismus.

Die verstärkte Politisierung unseres Lebens veranlaßt zuweilen junge Menschen, sich in die politische Arena zu begeben. Oft genügen für den ersten Erfolg etwas Gespür für aktuelle Probleme, eine gewisse Eloquenz und ein entschlossenes Auftreten. Vernachlässigen diese "Einsteiger" ihre weitere Ausbildung und verzichten sie auf einen beruflichen Abschluß, können sie nach einer Wahlniederlage und etwaigem Ausscheiden aus der Politik keinen Beruf ausüben, mit dem sie ihren Lebensstil aufrechterhalten können. Sie sind deshalb - koste es, was es wolle - gezwungen, in der Politik zu bleiben. Da für diese Berufspolitiker die Chancen der Wiederwahl im Vordergrund stehen, sind sie ständig der Versuchung ausgesetzt, ihre Entscheidungen eher an kurzfristigen persönlichen oder gruppenspezifischen Opportunitätsaspekten auszurichten als an der längerfristigen Förderung des Gemeinwohls. 
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Auswahlverfahren und -kriterien

Die Verfahren und Kriterien bei der Besetzung verantwortlicher Positionen im öffentlichen Leben genügen oft nurformal den eigentlichen Anforderungen. Für Großunternehmen dürfte ähnliches zutreffen.

Der Aufstieg in der Hierarchie erfordert meist andere Eigenschaften, als für die Wahrnehmung der Aufgaben notwendig sind. Darüber hinaus wechseln höhere Führungskräfte so oft zwischen verschiedenartigen Sachgebieten hin und her, daß sie kaum die erforderlichen Kenntnisse für die jeweiligen Aufgaben haben können. Bereits ein Blick in die langen Lebensläufe derartiger Persönlichkeiten bestätigt das. Dies ist um so bedauerlicher, als Personalfragen mit zu den wichtigsten Entscheidungen gehören.

Wegen des beschleunigten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels in vielen Bereichen verändern sich die Anforderungen relativ rasch, so daß spezielle Fachkenntnisse mancher Mitarbeiter nicht mehr gefragt sind. Sachverständige werden als "Fachidioten" abgestempelt.

Heute wird ein bestimmtes Grundwissen auf möglichst vielen Gebieten bevorzugt. Viele Verwaltungen und Unternehmen fördern deshalb die interne Mobilität ihrer Mitarbeiter, damit sie bald einen Überblick über möglichst viele Gebiete gewinnen und vielseitig einsetzbar sind. Auch die Mobilität leitender Persönlichkeiten wird heute bewußt gefördert, damit eine zu große Vertrautheit mit dem Umfeld nicht zu einem eventuellen Fehlverhalten (z.B. passive oder aktive Bestechung) verleitet. Der Nachteil dieses Vorgehens liegt im geringeren Engagement der Mitarbeiter und Vorgesetzten. Es lohnt nicht, eine Aufgabe mit Hingabe zu erfüllen, da die Erfolge erst deutlich würden, nachdem der Tätigkeitsbereich abermals gewechselt hat. | x| Inhalt | Content | Contenu |

Opportunisten, die sich um des eigenen Vorteils willen nicht nur über die Interessen der Untergebenen oder Kollegen, sondern auch über sachliche Anforderungen hinwegsetzen, sind auf allen hierarchischen Ebenen anzutreffen. Auf sie übt auch die Aussicht auf eine vom Staat bezahlte oder unterstützte Tätigkeit eine starke Anziehungskraft aus.

Nicht selten ist ein vorauseilender Gehorsam für ihr Handeln charakteristisch. Bei Vorgesetzten sind sie häufig beliebter als unbequemere Kollegen, die mehr den Erfordernissen des Aufgabenbereichs Rechnung tragen. Sie schaden oft der Verwaltung oder dem Unternehmen, in denen sie arbeiten, da ihr Verhalten demotivierend wirkt und einen Ausgleich der Anliegen auf verschiedenen hierarchischen und/oder sachlichen Ebenen erschwert. Bisweilen ist ihre Anpassungsfähigkeit so groß ("flexibles Rückgrat"), daß sie nacheinander zur vollen Zufriedenheit für mehrere Dienstherren arbeiten, die jeweils andere oder gar konträre Richtungen vertreten.

Persönlichkeiten, die aufgrund sachfremder Gesichtspunkte mit leitenden Funktionen betraut werden, finden häufig Mitarbeiter vor, die ihnen von der fachlichen Qualifikation her überlegen sind. Dies kann bei ersteren ein gewisses Unbehagen verursachen. Nicht selten sehen sie in solchen Mitarbeitern eine mögliche Gefahr und sind deshalb geneigt, sich ihrer zu entledigen. Oft genügt ein diskreter Hinweis auf die Vorteile der internen Mobilität. Andernfalls dürfte das Angebot, bei der Suche nach einer anderen Stelle behilflich zu sein, meist ausreichen. Der Mitarbeiter wird "weggelobt". Auf diese Weise wandern Fachleute in Bereiche ab, in denen ihre Kenntnisse weniger genutzt werden.

Ähnliches gilt für die Auswahl von Kandidaten für neu zu besetzende Stellen. Gibt es in einem bestimmten Aufgabenbereich mehrere Kandidaten für einen Posten, hat das Votum des direkten Vorgesetzten ein bedeutendes Gewicht. Fühlt er sich in seiner Position unsicher, dürfte er einen Kandidaten bevorzugen, von dem er keine Gefahr für sich befürchtet, selbst wenn dieser Bewerber weniger Sachkenntnisse hat als ein anderer.

Auch auf gleicher hierarchischer Ebene werden dynamische Kollegen abgelehnt, die sich als ernste Rivalen herausstellen könnten. Genehm sind solche, die sich nicht durch besondere Sachkunde, Initiative oder Organisationstalent auszeichnen. Dann ergeben sich zuweilen sogar Gelegenheiten, Aufgaben an sich zu ziehen, die eigentlich in die Zuständigkeit des weniger qualifizierten Kollegen fallen. Sollte seine Stellung durch Vorgesetzte oder Untergebene gefährdet werden, hat man häufig Interesse, sich schützend vor ihn zu stellen.

Wenn mehrere ähnlich gesinnte Kollegen sich gegenseitig unterstützen und einem von ihnen der Sprung in eine höhere hierarchische Ebene gelingt, fühlt er sich gehalten, seine ehemaligen Kollegen bei ihrem Aufstieg zu fördern. Dadurch versichert er sich gleichzeitig der Solidarität seiner Mitstreiter. Derartige Seilschaften erstrecken sich bisweilen über mehrere hierarchische Stufen und tragen kaum den Anforderungen der erlangten Position Rechnung.

Vor allem außerhalb Deutschlands werden des öfteren politische Behörden von Persönlichkeiten geleitet, die sich eines größeren Mitarbeiterstabs bedienen, den sie selbst ausgesucht haben und der ihnen direkt untersteht. Auf diese Weise können sich jüngere Mitarbeiter relativ schnell auf dem politischen Parkett bewähren. Haben sie ihrem Vorgesetzten genügend Dienste erbracht oder ist diesem am Schweigen eines Mitarbeiters gelegen, werden sie oft mit einem verantwortlichen Posten im hohen oder höheren Management einer Behörde oder eines staatlichen oder halbstaatlichen Unternehmens belohnt (Praxis des "Fallschirmspringens"). Fachkenntnisse spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Da nur eine beschränkte Anzahl hoher Posten zu vergeben ist, sind heutzutage politische Ernennungen auch aufmittlerer Ebenen geläufig, was zu einer größeren Politisierung von Verwaltung und Unternehmen mit staatlicher Beteiligung führt und die Aufstiegschancen von Mitarbeitern der unteren Ebenen verringert.

Nach dem zweiten Weltkrieg war es für die Bundesrepublik ein Glücksfall, daß maßgebliche Führungspositionen von Persönlichkeiten wahrgenommen wurden, die den schnellen Wiederaufbau entscheidend beeinflußten. Genannt seien hier lediglich Erhard und Adenauer. Sie und viele andere wurden nach dem Krieg von den Alliierten ernannt und mußten nicht den heutigen Kriterien und Verfahren für den politischen Aufstieg genügen. Es ist fraglich, ob sie unter den gegenwärtigen Umständen in ihre Position gelangt wären und sich hätten halten können. 
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Mangelhafte Orientierungen

Folgenschwere Fehlentwicklungen sind in vielen Ländern auf unzulängliche politische Orientierungen zurückzuführen, die wiederum auf dem Nichteingestehen früherer Fehler, auf taktisch-strategischen Gesichtspunkten (insbesondere vor Wahlen) oder ungenügenden Kenntnissen der Politiker beruhen.

Beispielsweise wurde die Öffentlichkeit jahrelang vom Staat und den Tarifparteien über die Zweckmäßigkeit eines vorgezogenen Ausscheidens aus dem Berufsleben fehlorientiert. Man glaubte, die Arbeitslosigkeit dadurch abbauen zu können, daß Erwerbstätige veranlaßt wurden, ihren Arbeitsplatz vorzeitig aufzugeben. Viel zu wenig beachtet wurde aber, daß die Versorgung der vorzeitig Ausgeschiedenen die Ausgabenbelastung des Staates erheblich erhöhte. Gleichzeitig stieg die Kostenbelastung der Unternehmen, so daß noch mehr Arbeitsplätze unrentabel oder "wegrationalisiert" wurden.

Außerdem sind viele zu erwartende Veränderungen (Altersstruktur von Bevölkerung und Kapitalstock) seit langem bekannt. So war klar, daß die relativ schnell steigende Zahl älterer Personen schwierige Finanzierungsprobleme aufwerfen wird. Deshalb ist

Schaubild

Bevölkerungsentwicklung

Ältere Personen (1) und Personen im erwerbsfähigen Alter (2)
1960 = 100
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Quelle: OECD, Labour Force Statistics.  (1) 65 Jahre und älter.  (2) 15 - 64 Jahre.  (a) 1960-91: Früheres Bundesgebiet;   ab 1991: Deutschland. - Basis: Früheres Bundesgebiet 1960.

es nicht erstaunlich, daß die Politik zu einer Korrektur ihrer Fehlorientierung gezwungen ist und sich bemüht, das Pensionsalter wieder zu erhöhen.

Natürlich löst eine solche Kehrtwendung der Politik Irritationen in der Öffentlichkeit aus, weil viele Menschen, denen jahrelang die Zweckmäßigkeit eines vorgezogenen Ausscheidens aus dem Berufsleben gepredigt wurde, ihre Lebensplanung darauf eingerichtet haben.

In ihrem Anfangsstadium machen sich Fehlentscheidungen oder unterlassene Maßnahmen oft kaum bemerkbar. Die Verantwortlichen sind deshalb versucht, notwendige, aber unpopuläre Reaktionen so lange wie möglich hinauszuzögern. Häufig beziehen sie weitere Instanzen in die Verantwortung ein, lenken von den Fehlentwicklungen dadurch ab, daß sie andere Probleme in den Vordergrund rücken oder wechseln ihre Position, bevor die Schwierigkeiten deutlich zutage treten. Korrekturen erfolgen deshalb erst dann, wenn sie nicht zu umgehen sind, z.B. wenn die Umweltbelastung, Kriminalität oder massenweise Ausweichreaktionen der Bürger ein zu großes Ausmaß erreicht haben. Die Gegenmaßnahmen müssen dann viel einschneidender ausfallen als bei rechtzeitigem Reagieren. | Inhalt | Content | Contenu |

Politische Entscheidungen sind häufig nicht genügend durchdacht. Ist mit ihren Auswirkungen erst in der Zukunft - beispielsweise in einigen Jahren - zu rechnen, werden sie bisweilen sogar von Politikern eines erstaunlich großen Spektrums getragen. Wirken sie sich hingegen relativ bald aus, ist ein Konsens weitaus schwieriger, zumal wenn die Politiker unterschiedliche Folgen erwarten.

Unter anderem dürfte der Termindruck ein Grund für mangelhaft durchdachte Entscheidungen sein. Er ist entweder unausweichlich (Ablauf einer Amtszeit, Wahlen) oder selbst gewählt, wenn z.B. ein Vollzugszwang geschaffen werden soll.

Die letztere Methode kann manchmal durchaus zweckmäßig sein. Dies trifft besonders für Lösungsmöglichkeiten spezifischer Fälle zu, deren Vor- und Nachteile von den Sachverständigen eingehend erörtert worden sind. Ist endlich eine Entscheidung erwünscht, kann durch Terminsetzung ein Beschluß herbeigeführt werden.

Bedenklich ist dieses Verfahren im Fall grundlegender politischer Entscheidungen oder gar von Schicksalsfragen des Volkes. Gleichwohl glauben hohe politische Instanzen, der Öffentlichkeit den Beweis ihrer Entschlossenheit oder Gestaltungsfähigkeit erbringen zu müssen. Sie gehen davon aus, daß ihnen der selbst auferlegte Termindruck hilft, Entscheidungen über grundsätzliche politische Probleme herbeizuführen.

Wichtige Aspekte werden dabei nicht hinreichend berücksichtigt. Erfahrungsgemäß ist das Ergebnis oft bis in die letzten Stunden vor dem endgültigen Termin weitgehend offen. Eine besonders starke Stellung hat diejenige Partei, die bereit ist, bei Nichtakzeptieren der eigenen Vorstellungen den Termin platzen zu lassen. Meistens ist das Endergebnis eine undurchsichtige Kombination von sachlichen Gesichtspunkten, veränderten Zuständigkeiten, Gunst des Augenblicks, Verhandlungsgeschick und Konzessionen in letzter Minute. Normalerweise sind bei einem derartigen Vorgehen nur die direkt beteiligten oder verantwortlichen Instanzen über den Verlauf der Verhandlungen ausreichend informiert. Weiten Teilen des Parlaments, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit bleibt nur die nachträgliche Konfrontation mit dem endgültigen Verhandlungspaket sowie seine pauschale Billigung oder Ablehnung. Sachliche Zusammenhänge sowie vorausgehende feierliche Unverzichtbarkeitserklärungen bleiben häufig auf der Strecke. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn ein Großteil der Öffentlichkeit das Ergebnis nur unzulänglich versteht und nicht mit der erhofften Akzeptanz honoriert. 
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Ungenügende Sanktionen

Falsche Entscheidungen oder widerrechtliches Verhalten (Gewähren und Annehmen von Vergünstigungen) werden in der Regel um so seltener sanktioniert, je höher die Persönlichkeiten in Staat und Wirtschaft gestellt sind. Im politischen Bereich sieht das Recht für manche Verstöße nicht einmal Sanktionen vor.

In jüngster Zeit kam es in einigen Ländern (Italien, Belgien) zu einer Welle von Verfahren, bei denen sich die Justizbehörden mit derartigen Verhaltensweisen höchster Amtsträger befaßten. Hierdurch wurden jedoch auch starke Gegenkräfte geweckt. Zu den Reaktionen außerhalb des staatlichen Bereichs gehören insbesondere kriminelle Aktionen gegen Justizbehörden. Innerhalb des staatlichen Bereichs werden kriminelle Tatbestände vertuscht oder Zuständigkeiten von einer Staatsanwaltschaft auf eine andere übertragen bzw. zwischen Gerichten verschoben. Eine Rolle spielt auch die befürchtete Revanche kompromittierter Würdenträger.

Nach kurzer Zeit ebben solche Wellen wieder ab, und es wird erneut ungewiß, inwieweit hohe Persönlichkeiten für ihr Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen werden. | Inhalt | Content | Contenu |

Ein anderer Fall liegt vor, wenn hohe Staatsorgane Entscheidungen treffen, die dem längerfristigen Allgemeininteresse offensichtlich widersprechen. Sanktionen sind in einem solchen Fall nicht vorgesehen, beispielsweise gegen Politiker, die hinnehmen, daß die Staatsschuld über eine bestimmte Schwelle (z.B. über 100% des Bruttoinlandsprodukts) ansteigt. Selbst wenn sich Verantwortliche für gewisse Entscheidungen zum Rücktritt von ihrem Amt mehr oder weniger gezwungen sehen oder eine weniger bedeutende Aufgabe übernehmen, gibt es genug Beispiele dafür, daß sie nach einer gewissen Zeit wieder hohe Posten bekleiden.

Für einige private Berufsordnungen sind Organe vorgesehen, die Verstöße gegen ihr Berufsethos ahnden ("Standesgerichte"). Befürchten die Angehörigen des Berufsstandes, daß die Öffentlichkeit negativ reagiert, wenn sie das Fehlverhalten eines ihrer Mitglieder hinnehmen, werden sie energische Sanktionendurchsetzen.

Auch im staatlichen Bereich gibt es analoge Organe, die Pflicht- oder Vertragsverletzungen eines Partners ahnden sollen. Setzt sich ein staatliches Organ aus Mitgliedern zusammen, die z.B. ähnliche Aufgaben wahrnehmen wie ihr beschuldigter Kollege, werden eventuelle Sanktionen in der Regel weitaus milder ausfallen als bei einem privaten Standesgericht. Seine Mitglieder müssen weniger mit persönlichen Konsequenzen rechnen und können sich eher über die Reaktion der Öffentlichkeit hinwegsetzen. Mit noch größerer Nachsicht ist zu rechnen, wenn sie es für möglich halten, selbst in eine ähnliche Situation wie der Beschuldigte zu geraten.
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Die überwältigende Mehrheit der Bürger ist verantwortungsbewußt und bevorzugt ein gemäßigtes Verhalten. Bei Wahlen schlägt sich z.B. die Enttäuschung oder Ratlosigkeit vieler Bürger deshalb meist "nur" in Nichtbeteiligung nieder. Vor einem massiven Protestverhalten wie Abgabe einer ungültigen Stimme oder Wahl einer Splitterpartei bzw. einer Partei am Rande des demokratischen Spektrums schrecken die Bürger im allgemeinen zurück.

Die einzige Sanktion besteht darin, daß sie abwechselnd für die eine oder andere traditionelle Partei stimmen. Mit diesem Wahlverhalten drücken die Bürger jedoch keinen Wandel ihrer grundlegenden Einstellung aus. Auf diese Weise verhelfen sie heutzutage lediglich einer Partei zur Rückkehr in die Regierungsverantwortung, die sich bereits früher während mehrerer Jahre als unfähig erwiesen hat, die anstehenden Probleme zu vermeiden oder zu bewältigen. | Inhalt | Content | Contenu |

Auch im Umternehmensbereich wird Fehlverhalten verantwortlicher Persönlichkeiten nicht zwangsläufig sanktioniert. Zwar sind Fehlentscheidungen von Unternehmensleitungen unvermeidlich, doch ist es kaum zu rechtfertigen, wenn die zuständigen Aufsichtsorgane bei schwerwiegenden oder über längere Zeit anhaltenden Fehlentwicklungen ihre Überwachungsfunktion nicht energisch genug ausüben oder nicht rechtzeitig eingreifen.

Diese mangelnde Aufsicht dürfte im wesentlichen zwei Gründe haben.

Mängel dieser Art sind besonders gravierend, wenn sie sich auf den Staat oder internationale Organisationen auswirken. Geraten Großunternehmen oder Finanzinstitute in Schwierigkeiten, sieht sich die eine oder andere staatliche oder internationale Instanz genötigt, mit finanziellen Mitteln einzuspringen, um Zusammenbrüche weiterer Unternehmen zu verhindern oder die Probleme mindestens zeitweilig zu lindern.

Wirksame Sanktionen gegen unzulängliche Aufsichtsorgane sind meist ausgeblieben oder selten bekannt geworden, was Zweifel an der Ausgestaltung der staatlichen Rahmenbedingungen aufkommen läßt. 

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   Allgemeine Zusammeenfassung | General Summary | Résumé général