Fehlentwicklungen und Politikverdrossenheit
Unvermeidbare oder nur schwer zu behebende Gründe

Höhere Kapitalintensität

Bedeutende Erfindungen und ihre Anwendungen waren für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrhunderten ausschlaggebend. Die Folge war eine zunehmende Ausstattung der Menschen und ihres Umfeldes mit Sachkapital.

Gründe gestiegener Kapitalausstattung

Im 18. Jahrhundert: Die Dampfma schine und die sich zunächst in England entwickelnde Textilindustrie. 
Seit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts: Die industrielle Eisenerzeugung und -verarbeitung (Hochöfen) sowie der Eisenbahnbau.  Weitere Impulse durch die zunehmende Nutzung der Elektrizität (Elektromotor, Telefon, elektrische Glühbirnen). 
Seit Beginn dieses Jahrhunderts: Der Siegeszug des Automobils verbunden mit dem Ausbau der Straßeninfrastruktur. 
Nach dem zweiten Weltkrieg: Atomenergie, chemische Industtrie (einschl. Kunststoffe) und Elektronik.

Bedeutende Erfindungen und ihre Anwendungen waren für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrhunderten ausschlaggebend. Die Folge war eine zunehmende Ausstattung der Menschen und ihres Umfeldes mit Sachkapital.

Alle diese Entwicklungen führten zu umfangreichen  Strukturwandlungen und machten  staatliche Regelungen notwendig
| Inhalt | Content | Contenu |  
 

Quantitative Aspekte

Leider fehlen verläßliche statistische Daten über die Entwicklung der Kapitalintensität, d.h. des reproduzierbaren Anlagevermögens (Kapitalstock) je Erwerbstätigen seit der industriellen Revolution. Die seit dem zweiten Weltkrieg verfügbaren Angaben lassen erkennen, daß die Kapitalintensität in den alten Bundesländern heute fast fünfmalso hoch ist als 1950 (vgl. im Kasten anzuklickendes Schaubild).

Kapitalintensität, 
die Faktoren Arbeit und Sachkapital 
sowie Arbeits- und Kapitalproduktivität

Schaubild

Bundesrepublik Deutschland (a),  1950 = 100 
-------------------------------------------------------

Quelle: Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (Fachserie 18). - (a) 1950-1960: Ohne Saarland und Berlin; 1960-91: Früheres Bundesgebiet; Ab 1991: Deutschland. - (b) Bruttoinlandsprodukt in Preisen von 1991 je Erwerbstätigen. - (c) Bruttoanlagevermögen in Preisen von 1991 (Jahresmitte). - (d) Kapitalstock je Erwerbstätigen. - (e) Bruttoinlandsprodukt in Preisen von 1991 je Kapitalstockeinheit. 

Auf jeden Bürger entfallen viel mehr materielle Güter in Form von Ausrüstungen, gewerblichen und staatlichen Bauten sowie Wohnungen als noch vor einigen Jahrzehnten.

Insbesondere kann die maschinelle und bauliche Ausstattung der Arbeitsplätze als der wichtigste Faktor für die gestiegene Arbeitsproduktivität angesehen werden

Zusammenhang von
Kapitalintensität, Arbeitsproduktivität und Kapitalproduktivität 

Die Variablen Arbeitsproduktivität und Kapitalintensität stehen über die Kapitalproduktivität in folgendem Zusammenhang: 

Arbeitsproduktivität = Kapitalproduktivität  Kapitalintensität. 

Das im obigen Kasten anzuklickende Schaubild (linke Seite)  zeigt diesen Sachverhaltt, wobei 


und 

sind. 

Die Entwicklungen von Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität unterscheiden sich somit durch die der Kapitalproduktivität. Steigt (sinkt) die Kapitalproduktivität, entwickelt sich die Arbeitsproduktivität schneller (langsamer) als die Kapitalintensität. Graphisch wird dieser Zusammenhang dadurch ausgedrückt, daß die summierten Log-Kurven von Kapitalintensität und Kapitalproduktivität gleich der Arbeitsproduktivität sind (vgl. linken Teil des obigen Schaubilds). Ist im Grenzfall die Kapitalproduktivität wieder so hoch wie in der Ausgangsperiode, gleicht der Anstieg der Arbeitsproduktivität demjenigen der Kapitalintensität (vgl. die Werte von 1980)

(vgl. Schaubild, linker Teil). Sie ist damit heute eine der bedeutendsten Quellen der Wohlstandssteigerung.
| Inhalt | Content | Contenu |

Negative Begleiterscheinungen

Die gestiegene Kapitalintensität hat den Bedarf an Anlagevermögen und damit die Kosten für einen neuen Arbeitsplatz wesentlich erhöht. In vielen Fällen können diese Kosten nur von größeren Einheiten, seien es Unternehmen oder Verwaltungen, aufgebracht werden. Infolgedessen sind die Unternehmens- und Verwaltungseinheiten größer geworden.

Größere Unternehmen und Verwaltungen werden aber auch komplexer, was sich unter anderem in einer geringeren Anpassungsfähigkeit und erhöhten Störanfälligkeit niederschlägt.

Es ist verständlich, daß der Übergang zu kapitalintensiveren Produktions- und Verwaltungsverfahren neue Probleme aufwirft, wie Fragen des Unfall- und Umweltschutzes, der Versicherung usw. Die zunehmende Anzahl der hiermit verbundenen Auflagen, Anweisungen und Gesetze vermindert die Übersichtlichkeit und erhöht die Gefahr, daß sie sich gegenseitig neutralisieren.

Mit der Komplexität einer Anlage nimmt die notwendige Spezialisierung zu, doch ist die geringere Übersichtlichkeit gewissermaßen ihre Kehrseite.

Eine realistische Vorstellung von den wesentlichen Elementen eines verzweigten Produktions- oder Verwaltungsprozesses läßt sich nur noch mit viel Aufwand gewinnen.

Folgenschwerer ist, daß viele Verantwortliche in Unternehmen und Verwaltungen nicht mehr die Sachkenntnisse besitzen, die den steigenden Anforderungen entsprechen. Sie sind oft außerstande, die Zusammenhänge zu erfassen und erteilen daher Anweisungen, die unverständlich, unausführbar oder kontraproduktiv sind. Bisweilen nutzen Leiter bestimmter Abteilungen diese Situation, um ihre Einheiten unnötig aufzublähen und mit dem Hinweis auf das Anwachsen der unterstellten Dienste ihre Stellung zu stärken.

Darüber hinaus sind heute an einem Produktions- oder Verwaltungsvorgang wesentlich mehr Personen oder Einheiten beteiligt als früher. Je mehr Organe an einer Entscheidung mitwirken, um so breiter ist die Verantwortung gestreut. Die eigentliche Zuständigkeit verschwimmt, und keiner fühlt sich mehr wirklich verantwortlich. Im Fall einer Beanstandung oder Fehlentscheidung können sich alle Beteiligten hinter einem anderen verstecken.

Tritt ein Problem auf, wird oft eine neue Verwaltungseinheit oder ein neues Gremium (Ausschuß, Komitee, Arbeitsgruppe usw.) eingesetzt.

In der Regel wird dabei nicht berücksichtigt, daß vorhandene Instanzen diese Aufgabe mit weniger neuen Ressourcen ebenso gut oder gar besser bearbeiten können. Manchmal versucht ein neu geschaffenes Gremium, die Informationen und Kenntnisse der existierenden Organe heranzuziehen, was zu Frustrationen bei den übergangenen Einheiten und zu gegenseitigen Reibereien führt, die die Effizienz beeinträchtigen.

Die größere Komplexität von Produkten, Unternehmen, Verwaltungseinheiten und Kommunikationswegen geht oft mit geringerer Anpassungsfähigkeit einher. Einerseits liegt dies an den technischen Charakteristiken oder Anforderungen moderner Produkte. So können beispielsweise Hochgeschwindigkeitszüge ihre Vorzüge nur auf entsprechend ausgebauten Strecken entfalten. Andererseits trägt auch die größere Komplexität der Vorschriften und Verwaltungsvorgänge sowie der befaßten Entscheidungsgremien und -verfahren dazu bei, daß die interne Flexibilität abnimmt. Manche Verwaltungen vermitteln sogar den Eindruck, daß sie aus eigener Kraft ihre Effizienz nicht mehr erhöhen oder wiederherstellen können.

Das Problem ist noch komplizierter, wenn mehrere Verwaltungseinheiten mit jeweils anderen Aufgaben am Planungs- und Entscheidungsprozeß beteiligt sind. Soll zum Beispiel eine neue Eisenbahnstrecke zwei dicht besiedelte Zentren verbinden, ist die Zahl der zu befassenden Instanzen fast unüberschaubar.

Das hoch technisierte Räderwerk unserer modernen Wirtschaft ist im Laufe seiner Entwicklung für Störungen anfälliger geworden. Die Zahl der neuralgischen Punkte, an denen sich selbst eine kleine Störung folgenschwer auswirkt, hat beträchtlich zugenommen.

Wesentlich bedenklicher ist es, wenn die Störanfälligkeit unserer Gesellschaft bewußt ausgenutzt wird. Eine kleine Personengruppe kann mit verhältnismäßig geringem Aufwand das gesellschaftliche Leben so stark beeinträchtigen, daß sich die Gegenpartei schließlich gezwungen sieht, auf ihre Forderungen einzugehen, selbst wenn dieses Einlenken kaum tragbar ist.

Insgesamt positive Bilanz

Zwar wurden vorstehend vor allem abträglichen Folgen der höheren Kapitalintensität aufgezählt, doch darf dies nicht über die mit ihr verbundenen  Produktivitäts- und Wohlstandssteigerungen hinwegtäuschen (vgl. Schaubild Kapitalintensität ...), so daß die Summe ihrer Wirkungen eindeutig positiv ist. Auch muß die Kapitalintensität in absehbarer Zeit weiter steigen, weil sonst die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft hinter der anderer Länder zurückbleibt, die Wettbewerbsfähigkeit der Arbeitsplätze sinkt und der erreichte Wohlstand nicht erhalten werden kann.

| Inhalt | Content | Contenu | Version française 2010 |

Allgemeine Zusammeenfassung | General Summary | Résumé général