Schwankungen des realen Wechselkurses der USA

Bei Amtsantritt von Präsident Reagan Anfang 1981 befanden sich die USA in einer Rezession. Außerdem war die Inflation im Verlauf einer relativ langen Periode nachgiebiger Geldpolitik auf 9½% angestiegen (vgl. Schaubild nebenan). Der Bundeshaushalt wies ein Finanzierungsdefizit von 12½% der Ausgaben aus.

Schaubild

Entwicklung in den Vereinigten Staaten

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Quelle: OECD: National Accounts, Economic Outlook; Europäische Kommission: Europäische Wirtschaft (Statistischer Anhang). - (a) Saldo der laufenden Transaktionen mit der übrigen Welt.  Ein positiver Saldo ist eine Bereitstellung inländischer Ressourcen zugunsten der übrigen Welt und ein negativer Saldo eine Beanspruchung ausländischer Ressourcen durch das Inland. -  (b) Einkommen aus unselbständiger Arbeit in % des BIP zu Faktorkosten, bereinigt um den Anteil der beschäftigten Arbeitnehmer an den Erwerbstätigen. - (c) Invertierte Skala. -

Ferner hatte zuvor der fehlgeschlagene Versuch, die amerikanischen Geiseln in der Teheraner Botschaft aus der Luft zu befreien, das Vertrauen in die militärische Aktionsfähigkeit der USA erschüttert. Die Erwartungen, daß sich die Politik grundlegend ändern würde, waren so groß, daß der nominale effektive Wechselkurs des Landes schon 1981 um 13% stieg (Vgl. Schaubild "Relative BIP-Preise, ... USA", rechter Teil).

Kurz nachdem die neue Administration eingesetzt war, verkündete sie ihr Wirtschaftprogramm und begann es umzusetzen. Es bestand im wesentlichen aus drei Elementen:

Die erwartete Antiinflationspolitik sowie die skeptische Beurteilung der haushaltspolitischen Ziele ließen die kurz- und langfristigen nominalen Zinssätze auf ein Rekordniveau (14 bzw. 13%) steigen, so daß der Wohnungsbau und die Autoindustrie einen starken Einbruch erlitten. Die erneute Abschwächung des Wachstums führte gegen Ende 1981 abermals zu einer Rezession.

Infolge der Steuerermäßigungen und der ganz beträchtlich erhöhten Staatsausgaben setzte sich gegen Ende 1982 eine deutliche wirtschaftliche Erholung durch (vgl. Schaubild "Entwicklung in den Vereinigten Staaten"). Die zunehmend starke Inanspruchnahme der inländischen Ersparnis durch den Staat hielt die Zinsen auf einem außerordentlich hohen Niveau, was jedoch den Aufschwung nicht beeinträchtigte, da die Steuersenkungen und hohen Staatsausgaben die Rentabilität der Unternehmen erheblich verbessert hatten. Damit waren sie von der Zinsentwicklung weitgehend unabhängig geworden. Die hohen Zinsen erleichterten die Inflationsbekämpfung der amerikanischen Zentralbank, der es gelang, den Anstieg der BIP-Preise im Jahr 1983 auf 3.9% zurückzuführen.

Hohe Zinsen, vortreffliche Rentabilität und gezügelte Inflation hielten auch 1984 an. Das inflationsarme Wachstum ging mit einer ungewöhnlich stark zunehmenden Beschäftigung einher, so daß Präsident Reagan im November 1984 wiedergewählt wurde.

Zwei Besonderheiten charakterisierten diesen Aufschwung:

Die ungewöhnlich großen Wechselkursausschläge beruhten jedoch auf Faktoren, die nicht fortbestehen konnten. Die Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite ließen die Verschuldung rapide steigen und untergruben das Vertrauen in eine solide und nachhaltige Entwicklung des Landes (vgl. Schaubild "Entwicklung in den Vereinigten Staaten"). Darüber hinaus hatte die spektakuläre Aufwertung des Dollars die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten stark geschwächt. Daneben lösten die umfangreichen Einfuhren vielfältige protektionistische Bestrebungen in der amerikanischen Wirtschaft aus. Das gesamtwirtschaftlicheWachtum schwächte sich 1985 deutlich ab, und das Risiko einer Abwertung des Dollars wurde immer größer.

Ferner deutete  bereits seit dem Herbst 1984 vieles auf einen Kurswechsel der amerikanischen  Zentralbank hin. Es handelte sich um dem Übergang zu einer diskretionärenGeldpolitik, die sich fallweise an der Inflations-, Zins- oder Wechselkursentwicklung ausrichten oder zur Ankurbelung der Konjunktur eingesetzt werden sollte. Dementsprechend reagierte sie auf das rückläufige Wachstum mit einer akkomodierenden Geldpolitik, die die Zinsen deutlich sinken ließ und somit finanzielle Anlagen in den USA weniger attraktiv machte. Mit diesem Kurswechsel war die Zentralbankpolitik weitgehend unberechenbar geworden, was die allgemeine Unsicherheit erhöhte.

Angesichts dieser Entwicklungen gaben die amerikanischen Wechselkurse ab dem Frühjahr 1985 nach. Die Finanzminister und Notenbankgouverneure der fünf wichtigstem Industrieländer (G-5) erklärten nach einem überraschenden Treffen im September 1985, daß die grundlegenden Veränderungen in der Wirtschaftslage ihrer Länder keinen ausreichenden Niederschlag in den Wechselkursen gefunden hätten und weitere Korrekturen der Wechselkurse wünschenswert seien. Die anschließenden Interventionen verschiedener Zentralbanken beschleunigten den Rückgang des Dollarkurses, der sich 1986 und 1987 deutlich fortsetzte.

Innerhalb von zwei Jahren wurde der fünfjährige Dollaranstieg nahezu ausgeglichen. Die Finanzminister und Notenbankgouverneure der G-6 konnten deshalb in ihrer Erklärung nach dem Louvre-Treffen vom Februar 1987 feststellen, daß die Wechselkursverschiebungen zu Kursrelationen geführt hätten, die mit den wirtschaftlichen Grundtatbeständen der jeweiligen Länder übereinstimmten. Trotzdem kam der Rückgang der effektiven Wechselkurse erst 1988 zum Stillstand, d.h. nach dem spektakulären Kurseinbruch am amerikanischen Aktienmarkt vom Oktober 1987.

Die grundlegende Fehleinschätzung der Reagan-Administration bestand darin, daß sich die für einen Haushaltsausgleich erforderlichen Mehreinnahmen und Einsparungen bei den Nicht-Verteidigungsausgaben als unrealisierbar erwiesen. Dies bewirkte eine massive Überbeanspruchung der inländischen Ersparnis, die die Zinsen, den Zustrom ausländischer Ressourcen und die Wechselkurse über mehrere Jahre in die Höhe trieb.

Die amerikanische Investitionsquote verharrte jedoch in dieser Zeit auf ihrem traditionell niedrigen Niveau. Das zeigt, daß der langfristige realwirtschaftliche Trend der amerikanischen Wirtschaft durch die Politik der Reagan-Administration nicht verändert wurde, so daß die realen Wechselkurse wieder zu dem Niveau zurückkehrten, das von der langfristigen Entwicklung der relativen Produktivität vorgezeichnet war.

Angesichts des außerordentlichgroßen Umfangs finanzieller Aktiva, die relativ kurzfristig weltweit verlagert werden können, ist auch künftig mit zeitweise starken Abweichungender realen effektiven Wechselkurse von ihrem langfristigen - realwirtschaftlich bestimmten - Trend zu rechnen.
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