Die Tarifautonomie ist in der Bundesrepublik sehr bedeutsam. Sie hat gewissermaßen Verfassungsrang. Im wesentlichen haben folgende komplementäre Faktoren dazu beigetragen.
Die Tarifautonomie ist zum Teil eine Reaktion auf die negativen Erfahrungen, die in totalitären Systemen, insbesondere während des Dritten Reichs, gesammelt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die Tarifautonomie in Deutschland verhindern, daß der Staat wieder Einfluß auf die Entwicklung der Lohnsätze in einzelnen Unternehmen, Wirtschaftsbereichen oder Regionen gewinnt. Das in Art. 9 Abs. 3 GG verankerte Grundrecht auf Koalitionsfreiheit gewährleistet für jedermann und für alle Berufe das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden. Insbesondere eine freie Entwicklung der Löhne, die der jeweiligen Situation gerecht wird, sollte einen rationalen Einsatz der Produktionsfaktoren ermöglichen. Dieses Anliegen war überzeugend und kam in einem breiten Konsens zwischen Unternehmen, ihren Verbänden, Gewerkschaften, Staat und den meisten Bürgern zum Ausdruck.
Auch die Erfahrungen in den ehemaligen Ostblockstaaten bestätigen, daß die in vielen diktatorischen Regimen übliche Zentralverwaltungswirtschaft weitgehend mit staatlichen Regelungen verbunden war, die sich negativ auf die einzelnen Unternehmen auswirkten. Auch in diesen Ländern konnte sich das Verhältnis der Löhne zueinander (relative Löhne) nicht an die jeweilige Situation anpassen. Dadurch wurden Arbeitskräfte und sonstige Ressourcen ineffizient eingesetzt und die weitere wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt.
Mit
der Verankerung der Koalitionsfreiheit wollten die Väter des Grundgesetzes
aber nicht die Voraussetzungen für einen unbeschränkten Anstieg
des allgemeinen Lohnniveaus und damit für eine inflationäre Entwicklung schaffen.
Ihre - wenn auch unausgesprochene - Absicht konnte es nur sein, dafür zu sorgen,
daß sich die relativen Löhne inflationsfrei an die jeweilige Situation der einzelnen
Unternehmen, Wirtschaftsbereiche und Regionen anpassen können.
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2007